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Ideen und Visionen
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Neue Ideen für Huchting

Edwin Platt 25.10.2018 0 Kommentare

SUD Huchting Fachtag Quartiersbildungszentrum (QBZ) Robinsbalje
Im neuen Bürger- und Sozialzentrum (Bus) wurden kon­troverse Diskussionen geführt. (Roland Scheitz)

Welche Themen und Probleme sie umtreiben, und wie die nähere Zukunft gestaltet werden kann, das konnten die Huchtinger bei der Fachtagung „Open Space“ zusammentragen. Inga Jorek und Lucie Horn vom Quartiersbildungszentrum Robinsbalje hatten dazu Schülerinnen und Schüler, Eltern und Vertreter von Sportvereinen, Kinderärzte und Erzieher, Fachkräfte und interessierte Laien ins neue Bürger- und Sozialzentrum (Bus) eingeladen.

Nachdem die Senatorin für Kinder und Bildung, Claudia Bogedan, die Gäste begrüßt hatte, startete ein intensiver Arbeitstag, bei dem sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Tagesthemen Jugendgruppen, Eltern und Familie, Finanzierungsmodelle, Freizeit und Sport und einige weitere fokussierten. „Open Space“ – unter diesem Tagespunkt wurden nach der Themenfindung die Regeln und der Ablauf der Diskussionen festgelegt. In Gruppen, die sich aus Jung und Alt, aus engagierten oder beruflich damit befassten Personen, aus Beschäftigten oder auch schon einmal Enttäuschten zusammensetzen, wurden zu den einzelnen Feldern Fakten zusammengetragen, um den Istzustand zu beschreiben. Und daraus galt es, Zukunftsvisionen zu entwickeln und mögliche erste Umsetzungsschritte zu erarbeiten.

Der Gastwirt: Guido Pascher
Guido Pascher will etwas tun gegen die Langeweile in Huchting. Seine Kneipe liegt auf dem Gelände des TuS Huchting, neben der Bezirkssportanlage, mitten im Grünen. Der Sportverein bekomme viel Zulauf, sagt er. Erst kürzlich wurde eine weitere Sporthalle mit Fitnessgeräten gebaut. „Wir müssen etwas machen hier in Huchting“, sagt Pascher.
Der 53-Jährige ist in Huchting groß geworden. Eine Zeit lang lebte er in Stuttgart, kam aber zurück, um seine Eltern zu pflegen. Vor etwa acht Jahren stieg er als Partner bei der Kneipe auf der Sportanlage ein und übernahm sie 2016 selbst. Seitdem führt er das Guido’s nach seinen Vorstellungen. Er organisiert Turniere, das große Osterfeuer und erst vor wenigen Monaten hat er seinen Biergarten eröffnet. Auf der Terrasse mit Bierbänken und Sonnenschirmen will Pascher Sportevents übertragen und Musik spielen. Die meisten Stammkunden sind über 40 Jahre alt, aber nun hofft er auch auf jüngeres Publikum. „Das hier soll ein Treff sein für jedermann. Die Leute sollen wieder ein Ziel haben, wo sie hingehen können. Wo Ruhe ist. Ich will hier keinen Stress haben.“
Das Nachtleben in Huchting sei nicht mehr wie früher, erzählt er. In seiner Jugend habe es hier gut 20 Kneipen gegeben, er und seine Freunde zogen von Theke zu Theke und spielten Darts. Heute gebe es nur noch vier Kneipen, seine eigene eingerechnet. „Abends gehen die Leute nicht mehr auf die Straße, ab zehn Uhr klappen sie die Bürgersteige hoch“, sagt Pascher. Manche hätten Angst, für andere gebe es schlicht keine Angebote. Auf der Sportanlage sieht er jedoch die Möglichkeit für mehr Miteinander. Der Sport verbindet die verschiedenen Nationalitäten in Huchting, und das „Guido’s“ ist so etwas wie neutrales Gebiet. Bei Schnitzel und Bier hat Pascher ein offenes Ohr für jeden, er ergreift keine Partei. Er wolle einfach nur Ruhe und Frieden, sagt er. Es gebe genug Probleme auf der Welt. Sein Credo: „Kein Mensch wird schlecht geboren, das ist immer das Umfeld, das einen bestimmt.“
Die Sozialarbeiterin: Inga Jorek
Kinder und Familien stehen im Mittelpunkt von Inga Joreks Arbeit im Quartiersbildungszentrum (QBZ). Solchen Zentren entstehen dort, wo ein besonderer Bedarf ist, erklärt sie. Zum Beispiel in Blockdiek oder eben in der Robinsbalje in Huchting. Seit 2016 leitet die junge Frau das QBZ für die Hans-Wendt-Stiftung. Davor arbeitete die gebürtige Bremerin sechs Jahre in der Familienhilfe. Sie wohne nicht in Huchting, kenne aber die Situation, weil sie oft Familien zu Hause aufgesucht habe, sagt sie.
Eine hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Isolation sind nur einige der Probleme des Quartiers. Joreks Aufgabe ist es, die Bildungschancen hier zu verbessern. Oft entsteht der erste Kontakt über Deutschkurse, zum Beispiel „Mama lernt Deutsch“. Tagsüber ist das QBZ ein offener Treffpunkt. Häufig stehen Kinder vor Joreks Bürotür und wollen ihre Hilfe bei irgendetwas, einem Streit, einer Frage. Der Schulhof der Grundschule direkt hinter dem Gebäude ist ab 16 Uhr für alle geöffnet. Familien machen dort Picknick, Kinder nutzen ihn als Spielplatz.
„Es geht hier nicht um das fünfte Malangebot oder den achten Kochkurs“, sagt Jorek. Oft habe man ja tolle Ideen, wie alles besser werden könne – nur leider seien das dann nicht die Ideen der Betroffenen. Im QBZ versuchten sie, auf die Wünsche der Menschen einzugehen. Der Kontakt zu Frauen und Kindern sei dabei einfacher als der zu Jugendlichen oder erwachsenen Männern. Genau diese Gruppen stehen jedoch oft im Mittelpunkt der Konflikte, die der Robinsbalje ihren schlechten Ruf geben.
Manchmal kämen die Bewohner durchaus zur Sprechstunde, um einen Streit zu klären, sagt Jorek. Aber über die Lösung von Konflikten, zum Beispiel mit einem Täter-Opfer-Ausgleich, werde ja selten berichtet. Ein Problem aber bleibt: „Es gibt wahnsinnig viele Jugendliche, aber ich sehe sie fast nie hier.“ Zu den Kursen kämen stets nur Kinder. Nach dem 13. Lebensjahr schienen sie plötzlich alle zu verschwinden. „Wir erreichen die Leute hier – aber vermutlich noch nicht genug.“
Die Politikerin: Yvonne Averwerser
Yvonne Averwersers erster Kontakt zu Huchting war ein Neujahrsempfang der CDU Bremen. Damals machte sie die Pressearbeit für ihre Partei und hatte den Eindruck, von der Innenstadt ins Nirgendwo zu fahren. 2005 zog sie mit ihrer Familie selbst dorthin, auf der Suche nach einem bezahlbaren Haus mit Garten. Inzwischen hat die 48-Jährige den Stadtteil lieb gewonnen. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie mit ihren zwei Kindern nach Grolland. „Ich habe keinen Moment überlegt, aus Huchting wegzuziehen. Aber natürlich musste ich mir anhören: ‚Jetzt ziehst du ja nach Grolland.‘“ Averwerser lacht. Die Huchtinger und die Grolländer, das sei wie mit den Saarländern und den Pfälzern, sagt sie, da gebe es eine Art Rivalität. Kirchhuchting und die anderen Ortsteile seien stärker abgehängt von der Innenstadt. Ein Teil Bremens, den gefühlt niemand haben wolle.
Averwerser ist dafür, die Dinge beim Namen zu nennen. Sie ist stellvertretende Beiratssprecherin. Während sie spricht, klopft sie energisch mit der Hand auf den Tisch und strahlt Ungeduld aus. In Huchting würden die Dinge oft nur an der Oberfläche verbessert, sagt sie. Man saniere Häuser, aber an den Grund der Probleme der Menschen gehe niemand heran. Sie habe schon vor Jahren verlangt, dass die Situation an der Robinsbalje genau analysiert werde. Huchting habe viel Geld zur Verfügung, es gebe viele Maßnahmen, aber eine richtige Evaluierung finde nicht statt. So gut die Vernetzung auch sei – die Zahlen, zum Beispiel zur Arbeitslosigkeit, würden nicht besser.
Sie habe auch große Bedenken gehabt, was die Aufnahme der Flüchtlinge in Huchting betraf. Die Stimmung sei „ziemlich krawallig“ gewesen, das hätte auch schiefgehen können. Zum Glück habe alles gut funktioniert – „toi, toi, toi“ – aber mit den Folgen stehe man alleine da. Und ein großes Problem der Huchtinger sei, dass sie mit allem allein klarkommen wollten. Veränderungen seien schwierig, aus Sturheit, Stolz oder Angst um den eigenen Ruf. „Huchting ist wie ein gallisches Dorf.“
Der Ortsamtsleiter: Christian Schlesselmann
Es knistert unter der Oberfläche. So drückt Christian Schlesselmann es aus, wenn er über Veränderungen und Bauprojekte in Huchting spricht. Gerade in Kirchhuchting stehe vieles in den Startlöchern, sagt er und verspricht: Die brachliegenden Flächen werden nicht mehr lange bleiben. Auf dem Gelände der ehemaligen Schule am Willakedamm werde man hoffentlich 2019 anfangen zu bauen. Dort sollen Wohnhäuser, Gewerbe und temporär eine neue Schule entstehen. Und dann sind da noch der ehemalige Hof der Familie Osmers, auf dem hüfthohes Unkraut wächst, und der alte Dorfkrug, die geschlossene Traditionskneipe. Dazu könne er nichts Konkretes verraten, sagt Schlesselmann, aber die Verhandlungen liefen für eine Erweiterung der dortigen Grundschule. Er freue sich, wenn er Ergebnisse präsentieren könne.
Es ist ein schwieriges Thema für den 49-Jährigen. Er weiß, dass viele Huchtinger nicht verstehen, weshalb Bauprojekte so lange dauern. Er finde es auch gut, wenn die Leute sich beschwerten, sagt er. Das zeige ihr Interesse, und nur so könne sich etwas verändern. Und er will verändern, will gestalten. Er habe Pläne für weniger Müll und mehr Aufenthaltsqualität, sagt er. Es liege ihm am Herzen. Was die Bauprojekte angeht, seien die Prozesse leider sehr komplex, es gebe viele verschiedene Interessen.
Schlesselmann ist parteilos und seit Anfang 2016 Ortsamtsleiter. So lange wohnt er auch mit seiner Familie in Huchting. „Wir wollten einen Neuanfang“, sagt er. „Ich habe für mich den richtigen Stadtteil erwischt.“ Der menschliche Kontakt, die Sportangebote, die familiäre Atmosphäre und das viele Grün – das passe einfach alles.
Und das, obwohl seine Ankunft in eine politisch schwierige Phase fiel. Damals war die Aufnahme der Flüchtlinge das beherrschende Thema in Huchting. Die Debatten hätten sich beruhigt, sagt Schlesselmann. Die Sorgen seien unbegründet gewesen, trotzdem gebe es noch bei einigen Leuten Bedenken oder Ängste. Auch darum müsse man sich kümmern.
Fotostrecke: Huchtinger Stimmen: Das bewegt den Stadtteil

In den Gruppen ging es kontrovers zu. Jugendliche fordern ein weiteres Freizi (Jugendfreizeitheim). Dagegen spricht, dass das Freizi nicht ausgelastet ist, weswegen es von anderen Institutionen Huchtings mit genutzt wird. Genau wegen der Mitnutzung, argumentieren Jugendliche, kämen weniger junge Nutzer, weil immer mehr Fremde in ihrem Freizi seien und sie dort nicht ungestört sein könnten. Der Vorschlag, die Fremdnutzungen auf die Vormittage zu legen, damit das Freizi nachmittags ganz den Jugendlichen zur Verfügung stehe, erscheint als gangbarer Weg – bis eingeworfen wird, dass es Widrigkeiten gebe, wie nicht funktionierende Schlüsselübergaben, Heiz-, Nebenkosten- und eventuell Materialabrechnungen und weitere organisatorische Fragen.

Nächstes Treffen in einem Jahr

Außerdem wird beklagt, dass sich außerschulische Bildungsträger in Schulen immer in die zeitlichen Lücken quetschen müssten, die die Schulen hinterließen, und sie damit große Unannehmlichkeiten hätten. Ein junger Mann teilt die Erfahrung. Er hat für ein Projekt Gelder bewilligt bekommen, das an einer Schule für Jugendliche angeboten werden sollte. Die Schule habe Zeiten und Räume aber erst fürs kommende Schuljahr angeboten, dann sei aber die Zusage für die Gelder abgelaufen. Einerseits wird angeführt, dass die Schulen schon vollgestopft mit Aufgaben seien, andererseits, dass beispielsweise in Hamburg Anwesenheitspflicht für Lehrer bestehe und dort vieles besser laufe, weil Lehrer auch außerhalb ihrer Unterrichtszeiten in der Schule ansprechbar seien. Ist Verbesserung möglich? Auch in den anderen Tischrunden diskutieren Betroffene, Anbieter, Eltern und Jugendliche nah an ihrer Lebenswirklichkeit beispielsweise über Gewalt oder Finanzierungsfragen.

Beim Zwischenforum werden die bisherigen Ergebnisse für alle Teilnehmer sichtbar gemacht. Ob Awo, Kulturladen und Medienbüro, Schulen, das Stadtteilforum, Sportvereine, das Wertemobil, Eltern – alle haben Meinungen und Erfahrungen zu Integration, zu Gewalt und Konflikten, zur Berufsvorbereitung oder Bildung und auch zum Thema „Gutes in Huchting“ zusammengetragen. Erfahrungen und Meinungen treffen im „Open Space“ aufeinander, um daraus für die Zukunft zu planen.

SUD Huchting Fachtag Quartiersbildungszentrum (QBZ) Robinsbalje
Inga Jorek vom Quartiersbildungszentrum und Jascha Rohr sind begeistert von den vielen Anregungen. (Roland Scheitz)

„Was kann Huchting besser machen?“ lautet die Frage. Beim Abschlussforum findet sich eine fast undurchschaubar scheinende Vielfalt auf farbigen Zetteln, sortiert an den Pinwänden. Alle sollen sich jetzt einige Minuten nur diese Ideen ansehen, bis die Moderation starke Punkte aufruft. Als Erstes: Eine Klausurtagung im Freizi soll die Probleme vor Ort auf den Tisch bringen. Eine Huchtingerin, die sonst nichts mit dem Freizi zu tun hat, übernimmt die Aufgabe, sich mit zeitlicher Frist darum zu kümmern. Ein Huchtinger möchte den Jugendbeirat ansprechen, um den Jugendplatz voranbringen. Eine Mitarbeiterin der senatorischen Behörde will die Idee von außerschulischen Dolmetschern und Elternbegleitern für Huchting in die Behörde tragen. Weitere Teilnehmer nehmen es in die Hand, einen Termin zu finden, an dem sich schulische und außerschulische Bildungsträger treffen, kennenlernen und gemeinsam beraten. Für weitere Ideen und auch für die Aktion „Gutes aus Huchting“ finden sich Freiwillige, die die Themen in bestimmten Zeiträumen verfolgen und Rückmeldungen an das Quartiersbildungszentrum geben wollen.

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Damit der angestoßene Prozess nicht versandet, werden alle Teilnehmer ein Protokoll der Fachtagung bekommen. In einem Jahr soll es eine weitere „Open-Space“-Veranstaltung geben, um die Entwicklung der einzelnen Themenbereiche abzufragen und Erfolge wie Misserfolge offen zu legen. Gefördert wurde das „Open Space“ durch die Hans-Wendt-Stiftung, den Beirat Huchting durch Globalmittel, von der Senatorin für Kinder und Bildung, der Stadt und dem Verein Bremer Fonds.