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Regionale Saatgut-Tauschbörse in der Klimawerkstadt gegen die Verarmung der Kulturpflanzenvielfalt
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Ringelblumen gegen Rote Bete

Jörn Hildebrandt 01.03.2018 0 Kommentare

SÜD / Klimawerkstatt / Saatgur-Tauschbörse und Vortrag
Hat etliche Sorten Saatgut zu bieten: Rike Fischer von "Bremen im Wandel" im Gespräch bei der Saatgut-Tauschbörse. (Walter Gerbracht)

Doch alle Pflanzensamen sollten möglichst aus der Region und aus ökologischem Anbau stammen.

Zum vierten Mal wurde die Bremer Saatgut-Tauschbörse von mehreren Initiativen und Vereinen organisiert, darunter „Ab geht die Lucie“, ein Urban Gardening-Projekt mit einer Anbaufläche auf dem Lucie-Flechtmann-Platz in der Neustadt, „Bremen im Wandel“, die Transition Town-Bewegung der Stadt, „Goliath­watch“, „Aktion Agrar“ und der Gärtnerhof Oldendorf.

SÜD / Klimawerkstatt / Saatgur-Tauschbörse und Vortrag
SÜD / Klimawerkstatt / Saatgur-Tauschbörse und Vortrag (Walter Gerbracht)

In der neu eingerichteten Klimawerkstadt in der Westerstraße liegt vielerlei Saatgut aus, das von Mitarbeitern der Organisatoren des Tauschtags zur Verfügung gestellt wird: Am Stand von „Bremen im Wandel“ haben die Saatkartoffeln mit zart violetten Schalen bereits Keimsprossen gebildet. Sowie die frostfreie Periode kommt, können sie eingebuddelt werden. Jan Bera vom Gärtnerhof Oldendorf bietet vielfältiges Gemüse-Saatgut an. Der Betrieb arbeitet mit derzeit fünf Leuten nach dem alternativen Modell der Solidarischen Landwirtschaft, die darauf fußt, dass eine beständige Gruppe von Verbrauchern sich bereit erklärt, die Produktionskosten eines Bauernhofs für ein Jahr durch feste monatliche Zahlungen zu decken – im Gegenzug erhalten sie die gesamten Erzeugnisse.

Die Klimawerkstadt ist gut gefüllt mit Leuten, die kleine Tüten mitbringen oder mit nach Hause nehmen. Doch nicht alle sind an Saatgut für Gemüse oder Kartoffeln interessiert: Rike Fischer von „Bremen im Wandel“ befasst sich mit Saatgut von Wildblumen, die sich von selbst vermehren. Damit bestückt ihre Initiative größere Flächen oder kleinere Streifen, um eine große Vielfalt an Wildblumen gedeihen zu lassen „Unser Ziel ist es, ganz Bremen mit solchen Blühflächen zu vernetzen“, sagt sie, „so haben wir in der Münchener Straße in Findorff bereits 42 Blüh-Inseln geschaffen.“ Die Pflege der Flächen sei kein großes Problem: „Einmal im Jahr Mähen reicht in den meisten Fällen, ansonsten heißt es vor allem Müll sammeln“, sagt Rike Fischer, denn Streifen aus Wildblumen wachsen schnell in die Höhe und fordern manche Leute dazu auf, darin ihren Müll zu entsorgen. „In Kooperation mit dem Umweltbetrieb Bremen und dem BUND haben wir im ganzen Stadtgebiet solche Blüh-Inseln angelegt, zum Beispiel am Hochschulring oder auf dem Rembertikreisel, aber auch rings um Flüchtlingsheime“, sagt Rike Fischer. Doch ihr geht es nicht nur um mehr Blütenvielfalt in der Stadt, sondern auch um den Artenschutz für Insekten, die auf Pollen und Nektar angewiesen sind. „Durch die Auswahl des Saatguts sorgen wir dafür, dass vor allem Wildbienen von der Blütenpracht in der Stadt profitieren“, sagt sie.

Regina Wehmeyer ist im Urban Gardening-Projekt auf dem Lucie-Flechtmann-Platz tätig und freut sich auf die Neugestaltung ihres Terrains. „Wir wollen künftig in der Erde arbeiten und nicht mehr mit Kisten auf dem Pflaster“, sagt sie, „derzeit warten wir auf die Entsiegelung der Fläche. Doch wir hatten große Probleme mit Ratten, die sich auch durch die Müllsäcke fraßen.“ Die Rattenplage wurde noch dadurch verschärft, dass „Stammgäste“, die dort täglich ihren Alkohol trinken, ihren Müll liegenlassen und damit noch mehr Ratten angelockt haben. „Inzwischen haben wir Fallen aufgestellt und das Problem besser im Griff.“

Der Ökonom Thomas Dürmeier von „Goliathwatch“ in Hamburg sorgt in einem kurzen Vortrag für das nötige Hintergrundwissen zur großen Tauschaktion für Saatgut. Sein Verein, der erst im September 2017 gegründet wurde, setzt sich für eine Stärkung der Demokratie ein und will durch Aufklärungsarbeit die wachsende Macht der Großkonzerne eindämmen. Geplant ist die Übernahme von Monsanto durch Bayer, was dazu führen würde, dass die drei Megakonzerne Dow-DuPont, ChemChina-Syngenta sowie Bayer-Monsanto circa 70 Prozent des weltweiten Marktes für Agrarchemikalien und über 60 Prozent des globalen Saatgutmarktes kontrollieren. Auf dem afrikanischen Kontinent macht Saatgut, wenn es eingekauft und nicht selbst nachgebaut wird, bis zu 50 Prozent der landwirtschaftlichen Ausgaben aus. Schon geringe Preissteigerungen hätten für sie fatale Folgen. Dürmeier geht vor allem mit der zuständigen EU-Kommission hart ins Gericht: Sie hat 2015 bei über 300 Fusionsentscheidungen keinen einzigen Firmenzusammenschluss untersagt, und in nur 18 Fällen gab es Auflagen für die Unternehmen. So nehme deren Konzentration immer weiter zu: Seit den 1970er-Jahren hat sich die Zahl der Fusionsanmeldungen verdoppelt und das Volumen der einzelnen Fusionen deutlich vergrößert. Die Unterschiede in der Rendite zwischen den größten 10 Prozent der Konzerne und mittleren Firmen derselben Branche haben sich im Durchschnitt von zwei zu eins (1990) auf fünf zu eins (2014) vergrößert.

Dürmeier sieht aber eine weitere Gefahr: Denn bei der fortschreitenden Digitalisierung der Landwirtschaft - mit Robotern im Kuhstall und Drohnen über dem Acker – mischen die Großkonzerne kräftig mit: Bayer unterhalte über Bitcom, den Bundesverband der Informationswirtschaft, enge Verbindungen zum Großkonzern Google, der maßgeblich an der Software-Entwicklung für die Landwirtschaft beteiligt ist. Die drei aktuellen Mega-Fusionen der Agrar- und Chemiekonzerne Bayer und Monsanto, Dow und Dupont sowie ChemChina und Syngenta rufen laut Dürmeier auf der ganzen Welt Protest hervor. Denn sie gefährden die Zukunftsperspektiven ökologischerer Landwirtschaft und lokal angepasster Saatgutsysteme.