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Organspende
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Wenn der Tod neues Leben schenkt

Matthias Holthaus 14.07.2019 0 Kommentare

Dieses Thema geht jeden an: Zur Diskussion über Organspenden hatten sich zahlreiche Zuhörer eingefunden.
Dieses Thema geht jeden an: Zur Diskussion über Organspenden hatten sich zahlreiche Zuhörer eingefunden. (PETRA STUBBE)

„Ein sehr wichtiges und komplexes Thema“, nennt Kirsten Kappert-Gonther, Mitglied des Deutschen Bundestages, die Organspende vor den teilnehmenden Gästen des „Johannes-Brots“ im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen. In ihrem Grußwort beleuchtet sie die verschiedenen Aspekte dieses oftmals emotional aufgeladenen Themas. Abgeordnete verschiedener Bundestagsfraktionen haben jüngst einen Vorschlag vorgelegt, der beinhaltet, dass in Zukunft jeder Mensch als Organspender zu gelten habe, es sei denn, er habe zu Lebzeiten widersprochen – ein Vorstoß, die seitdem für Diskussionen sorgt.

„Als ich 15 Jahre alt war, ist ein mir nahestehender Mensch überfahren worden und daran gestorben“, sagt Kirsten Kappert-Gonther. „Da habe ich mitbekommen, dass sich die Eltern ganz schnell entscheiden mussten, ob Organe gespendet werden sollten oder nicht. Seitdem beschäftigt mich das Thema.“ Die studierte Medizinerin sagt, sie kenne beide Seiten: „Menschen, die sich dafür entschieden haben und zufrieden damit waren und andere, die noch viele Jahre später mit ihrer Entscheidung gehadert haben.“

Organspende gehe alle Menschen an, wobei sie auch weiß: „Niemanden kann man wirklich gewinnen, wenn das Vertrauen in das Organspendewesen nicht da ist.“ Die Organspende selbst sei eine zutiefst persönliche Entscheidung. „Mir fehlt in der Debatte, dass wir nicht wissen, was in dem Moment des Übertritts und danach passiert. Das ist nicht nur eine medizinische Frage, sondern auch eine Frage des Vertrauens.“ Zudem gebe es Menschen, die in bestimmten Phasen ihres Lebens nicht über das Thema entscheiden könnten.

Eine zutiefst persönliche Entscheidung

Darum halte sie es für falsch, dass der Staat nach dem Motto entscheidet „Wir halten Organspende für richtig und deshalb muss jeder ein Organspender sein, es sei denn, er widerspricht ausdrücklich“. Daher müsse es moralisch gleichwertig sein, ob ein Organ gespendet werden solle oder nicht. „Das ist keine Frage der Moral, sondern eine zutiefst persönliche Entscheidung“, betont sie. Sie habe daher einen Gesetzesentwurf initiiert, dass bei jeder Personalausweisverlängerung darauf hingewiesen werden solle, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Zudem setze sie sich dafür ein, dass Hausärzte informieren und dafür auch eigens entlohnt werden sollten.

„Umfragen zeigen, dass die Informiertheit zum Thema nicht so ausgeprägt ist“, sagt auch Ruth Denkhaus vom Zentrum für Gesundheitsethik an der Evangelischen Akademie Loccum. Seit mehr als 50 Jahren werde transplantiert, doch seien im Gegensatz zum Anfang, als die Organspende noch hochexperimentell und die Sterblichkeit hoch war, die Überlebensrate nun höher und die Abstoßungsreaktionen besser zu kontrollieren. „Vorgeschrieben ist, dass die Hirnfunktionen irreversibel ausgefallen sein und Patient und Angehörige zugestimmt haben müssen“, sagt sie. Diagnostiziert werden müsse der irreversible Hirnfunktionsausfall, also der Ausfall sämtlicher Funktionen des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms, durch zwei Ärzte. Geprüft werden dabei zuerst die Voraussetzungen, also ob eine schwere Hirnschädigung vorliegt und keine andere Ursache der Ausfallsymptome des Gehirns festgestellt werden kann. Danach werden die klinischen Symptome des Ausfalls der gesamten Hirnfunktion festgestellt: Liegt ein Koma vor und sind die Reflexe des Hirnstamms und die Eigenatmung ausgefallen. Anschließend wird die Unumkehrbarkeit des Ausfalls der gesamten Hirnfunktionen nachgewiesen.

Für die Entscheidung, Organe spenden zu wollen, müsse eine schriftliche Erklärung verfasst werden, etwa mittels einer Patientenverfügung oder eines Organspendeausweises. „Doch theoretisch reicht schon ein Zettel im Portemonnaie“, sagt Ruth Denkhaus. Wobei ein Organspendeausweis nicht automatisch gleichbedeutend mit dem Einverständnis zur Organspende sei: „Man kann im Organspendeausweis auch widersprechen oder angeben, nur bestimmte Organe spenden zu wollen. Und man kann Personen nennen, die über die Organspende entscheiden sollen.“

Ob Menschen mit irreversiblem Hirnfunktionsausfall wirklich tot sind, darüber wird immer wieder diskutiert. Doch Ruth Denkhaus sagt, nach Expertenmeinung sei der Mensch medizinisch-naturwissenschaftlich gesehen tot und könne aus solch einem Zustand weder etwas wahrnehmen noch aufwachen.

Keine Hirnfunktion, aber Herzschlag

Verwirrend sei an der Situation jedoch, dass zwar die Hirnfunktionen ausgefallen seien, Herzschlag, Temperaturregelung und Verdauung weiterliefen. „Man kann sagen, dass dieser Zustand künstlich erzeugt worden ist. Man kann aber auch sagen, dass der Mensch dadurch noch nicht ganz tot ist. Doch letztlich kommt es darauf an, was sie für sich entscheiden: ,Ist das für mich tot genug?´“ Dabei helfen könne vorab eine Patientenverfügung, wofür es bereits Vordrucke gebe. Die Evangelische Kirche sagt zum Thema, dass eine Entnahme von Organen nicht die Menschenwürde verletzt und auch die Totenruhe nicht stört. Eine christliche Verpflichtung zur Organspende gebe es jedoch nicht.

Im Podiumsgespräch meint Nicole Schmidt vom Kinderhospiz Löwenherz, im Hospiz werde viel darüber geredet, wann man tot sei und ob man spenden solle oder eher nicht. „Das wird bei uns sehr kontrovers diskutiert. Doch wichtig ist, dass die Menschen bei der Trauerverarbeitung nicht alleine sind.“ Sina Sperling leidet unter Mukoviszidose und hat 2011 eine neue Lunge erhalten, im November 2016 nach Abstoßungsreaktionen eine weitere. Sie sagt: „Ich bin den Spendern sehr dankbar, dadurch wurde mir zwei Mal ein neues Leben geschenkt.“ Jochen Holdorff ist Arzt mit einer Praxis in Arsten: „Es ist mir fast egal, welche Lösung kommt, Hauptsache, sie kommt. 90 Prozent der Menschen sind für die Organspende, doch nur 30 Prozent haben einen Ausweis, das ist nicht optimal.“ Ihm würde eine Regelung sehr entgegenkommen: „950 Organe werden verpflanzt, demgegenüber stehen 9500 Wartende – ein Verhältnis von 1:10, das kann nicht so bleiben.“