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Zehn Jahre Demenzgottesdienst
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Jörn Hildebrandt 18.09.2019 0 Kommentare

Geht auf die Gefühle und Bedürfnisse dementer Gottesdienstbesucher ein: Diakon Walter Lübbe.
Geht auf die Gefühle und Bedürfnisse dementer Gottesdienstbesucher ein: Diakon Walter Lübbe. (Fotos: Roland Scheitz)

Um den weißen Altartisch, auf dem zwei Kerzen stehen, haben sich etwa 20 ältere Menschen im Halbkreis versammelt. Viele sitzen im Rollstuhl, einige sind gestützt auf den Rollator in den Raum der Kapelle gekommen. „Großer Gott, wir loben dich“ stimmen die Teilnehmer an, bevor Diakon Walter Lübbe in weißem Gewand erscheint. Es ist zehn Jahre her, dass der erste ökumenische Demenzgottesdienst in der Herz-Jesu-Kirche in der Kornstraße abgehalten wurde. Aus diesem Anlass gab es diesmal im Caritas-Stadtteilzentrum St. Michael nach dem Gottesdienst ein kleines Fest.

„Alte Lieder sind bei Demenzkranken besonders lange im Gedächtnis gespeichert“, sagt Walter Lübbe, der diesmal einen Gottesdienst zum Thema „Zeit“ abhält. „Und wenn sie diese Lieder wieder singen, werden alte Erinnerungen aktiviert, die Leute werden wieder lebendiger“, sagt er. Zum Demenzgottesdienst sind außer Menschen aus der Demenzstation des Caritas-Stadtteilzentrums auch mehrere Pflegekräfte und, anlässlich des Jubiläums, auch ehemalige Helfer gekommen. Ehrenamtliche Mitarbeiter haben die Demenzkranken abgeholt und sie begleitet. Und auch wer bettlägerig ist, wird von den Pflegekräften in die Kapelle geschoben und kann am Gottesdienst teilhaben.

„Wir haben diese besondere Form des Gottesdienstes ins Leben gerufen, weil sich die Leute in den normalen Gottesdiensten oft über Demente beschwert haben“, sagt Danuta Klingenberg, Stellvertretende Pflegedienstleiterin im Caritas-Stadtteilzentrum St. Michael, „denn Demenzkranke haben manchmal laut dazwischengerufen und den Gottesdienst gestört.“ Auch zum zehnjährigen Jubiläum verläuft nicht alles störungsfrei: Einige sprechen laut während der Andacht, und Diakon Walter Lübbe muss mehrmals laut „Gesundheit“ rufen, weil seine Predigt von heftigem Niesen unterbrochen wird.

Blick auf Erinnerungen

Erinnerungen sollen geweckt werden – Walter Lübbe hält zum Thema Zeit einen Kalender und eine Wanduhr hoch und gedenkt des Anfangs vor zehn Jahren, als beim ersten Demenzgottesdienst die brennende weiße Kerze auf dem Altar erstmals entzündet wurde. „Wir wollen dankbar sein für diese Zeit“, sagt er und erinnert im Verlaufe der Predigt immer wieder daran, dass Gott uns Zeit zum Leben geschenkt hat.

„Hast und Eile nehmen zu. Herr, mach` mich frei, Herr, erbarme dich.“ Mehrmals singt die Gemeinde Kirchenlieder, von Orgeltönen begleitet, gefolgt von mehreren Gebeten, dann liest Walter Lübbe einen Bibeltext, der zum Thema Zeit passt: „Alles hat eine bestimmte Stunde: das Leben und das Sterben, das Pflanzen und das Ernten, das Niederreißen und das Bauen, das Weinen und das Lachen.“ Jede Zeit habe ihre Kostbarkeit und ihren besonderen Reiz. Und ältere Menschen, die viel Lebenszeit hinter sich gebracht haben, können oft der Jugend eine Antwort auf viele Lebensfragen geben.

Als kleiner Höhepunkt des Jubiläumsgottesdienstes erklingt auf der Violine das Ave Maria von Charles Gounod, das auf dem Präludium Nr. 1 aus dem Wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach basiert und das die feierliche, andächtige Stimmung im hellen Kirchenraum verstärkt. Die Violine spielt der Musiklehrer Eugen Pajonczek, der nach den Worten von Diakon Walter Lübbe mehr als 100 Instrumente beherrscht und sich damit einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde gesichert hat.

Der Diakon bittet den Herrn, den Frieden und die Schöpfung zu bewahren, um am Ende den goldenen Kelch auf den Altar zu stellen, der die Oblaten birgt. „Christus ist jetzt in unserer Mitte“, sagt er, geht zu jedem Einzelnen und legt ihm eine kleine Scheibe in den Mund.

Wohltuende Wirkung für Demenzkranke

„Der Gottesdienst hat eine wohltuende Wirkung. Demenzkranke, die sonst nie mit uns reden, fangen im Gottesdienst plötzlich an zu singen“, sagt Danuta Klingenberg von der Pflegedienstleitung, die in der Demenzstation des Caritas-Stadtteilzentrums St. Michael derzeit 19 Demenzkranke betreut. Ihnen soll ihr eingeschränktes Leben so angenehm wie möglich gemacht werden. „Demente sind gern mit anderen Menschen zusammen“, erklärt Danuta Klingenberg, „deshalb haben wir eine große Küche, in der die Leute zusammenkommen und bei Essen und Trinken Gesellschaft finden.“

Neues Leben in die Station bringt auch der Kindergarten direkt nebenan, der über eine spezielle Rampe für die Senioren leicht erreichbar ist. „Die Kinder und die alten Leute machen viel gemeinsam. Die Senioren tauen auf, und die Kinder freuen sich, wenn sie ihnen etwas Lebensfreude geben können“, sagt Danuta Klingenberg. Besonders stolz ist sie auf die zwei Schafe, die im Außengelände des Pflegeheims grasen. „Die Tiere werden von Demenzkranken gern gestreichelt und gefüttert“, sagt sie, „auch sie geben ihnen ein Stück Lebendigkeit zurück.“

Ein Kuschelsofa für zwei Personen, in dem man schaukeln kann, eine kleine Bildergalerie, die Demenzkranke zeigt, als sie noch jung waren, ein Garten mit vielen Kräutern zum Schnuppern und Fühlen – in der Demenzstation des Stadtteilzentrums St. Michael ist für vieles gesorgt, was Demente lebendig hält. Und auch der besondere Gottesdienst trägt dazu bei.