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Abstimmungskrimi in Hemelingen

Christian Hasemann 13.11.2018 0 Kommentare

Musiker Immo Wischhusen beim Aufbau der
Musiker Immo Wischhusen beim Aufbau der "Palette". (PETRA STUBBE)

Wie in einem Hollywood-Blockbuster erreichte die Spannung auf der jüngsten Beiratssitzung in Hemelingen erst kurz vor Schluss ihren Höhepunkt. Der Grund war die, eigentlich von allen Seiten gewünschte, Wiederauflage des Kulturprojekts „Die komplette Palette“ des Musikers Immo Wischhusen am Weserufer in Hemelingen.

Dass es überhaupt spannend wurde, lag an den zahlreichen Fürsprechern. Einige zeigten Videos von Kindern, die von ihrem Sommer auf dem Gelände an der Weser berichteten, die sich dort unter das Publikum gemischt hatten. Darunter waren aber keinesfalls nur an der „Palette“ beteiligte Helfer, sondern Anwohner aus Hemelingen. Am eindrücklichsten war vielleicht die Schilderung einer alleinerziehenden Mutter: „Ich war dieses Jahr zum ersten Mal da und dann mit meiner Tochter jeden Tag. Das war mehr Urlaub, als ich je hatte. Wir waren nicht nur Gäste, sondern sind inzwischen Teil des Ganzen. Meine Tochter hat dort sogar ihren Geburtstag gefeiert.“ Ähnlich schilderte eine andere Frau ihre Erfahrungen mit der „Palette“: „Ich bin ganz oft bei der Palette gewesen, weil es der einzige Ort in Hemelingen ist, wo wir mit Kindern hingehen können, und wo keine Hunde am Wasser sind. Es gibt Sanitäranlagen und etwas zu trinken.“ Sie hoffe, dass der Beirat das Projekt weiter unterstütze. „Damit Hemelingen lebenswerter wird.“ Immo Wischhusen wünscht sich Planungssicherheit. „Wir brauchen die längerfristige Unterstützung, damit wir mit Institutionen und Künstlern rechtzeitig in Kontakt treten können.“ Durch die Arbeit der vielen freiwilligen Helfer sei ein echtes Naherholungsgebiet für Hemelingen entstanden. „Wir hatten in den 100 Tagen knapp 5000 Besucher beim täglichen Betrieb.“ Dazu seien noch die Besucher der langen Musiknächte gekommen. Insgesamt sei es nur zu drei Beschwerden wegen Lärms gekommen. „Mir geht es bei einer längerfristigen Verlängerung vor allem um den täglichen Betrieb und nicht um die paar Veranstaltungen, die Lärm verursachen“, argumentierte der Musiker. In der Tat konzentrierte sich die Diskussion vor allem auf die Lautstärke der wenigen langen Nächte.

Anwohnerbeschwerden

Im Publikum gab es aber auch negative Stimmen. So berichtete eine Anwohnerin von zurückgelassenen Nägeln und Schrauben, Betonfundamenten im Boden und verbrannten Paletten. Tatsächlich haben die Macher der „Palette“ in Absprache mit Feuerwehr und Immobilien Bremen die Erlaubnis für eine Feuerstelle am Wasser. Die Betonfundamente seien eine Auflage des Statikers gewesen und müssten vorerst nicht entfernt werden, da sie nicht weggeschwemmt werden können, so Immo Wischhusen.

Die fast durchweg positiven Schilderungen aus dem Publikum verfehlten ihre Wirkung nicht und brachten das ein oder andere Beiratsmitglied offenbar zum Nachdenken. An einer grundsätzlichen Unterstützung mangelte es dabei im Beirat nicht. Die Meinungen gingen allerdings in der Frage auseinander, ob der Beirat eine längerfristige Zustimmung geben sollte oder es bei einer erneuten Zustimmung für ein weiteres Jahr belassen sollte. Die SPD-Fraktion und die Piraten sahen durch die Argumentation und Schilderungen einen neuen Sachverhalt und baten per Geschäftsordnungsantrag um eine Unterbrechung der Sitzung. Ergebnis: Ein konkurrierender Antrag, der eine Verlängerung um zwei Jahre vorsah. Damit verwarfen sie den zuvor im Koordinierungsausschuss vereinbarten Kompromiss aller Parteien zu einer Verlängerung um ein Jahr.

Zu den Gegnern einer zwei- oder dreijährigen Verlängerung der „Palette“ gehörten die Grünen, die Partei also, die sich die Förderung junger Kreativer auf die Fahnen geschrieben hat und maßgeblich das sogenannte Freiluftparty-Gesetz auf den Weg gebracht hatte. „Andere Beiräte lassen so etwas gar nicht zu“, erinnerte Ralf Bohr (Grüne). Eine Verlängerung um ein Jahr sei nicht ungewöhnlich. „Lasst uns doch erst mal schauen.“ Ralf Bauer (Piraten/Linke) dagegen meinte: „Es ist nichts ehrenrühriges seine Meinung zu ändern.“ Er sei für eine zweijährige Verlängerung.

In der CDU fand das Manöver der Genossen keinen guten Anklang. „Es gab auch im Beirat Leute, die gegen die Palette waren, aber wir haben uns immer geeinigt“, erinnerte Alfred Kothe (CDU). „Wir wollen dem neuen Beirat nicht vorgreifen“, so Kothe mit Blick auf die anstehenden Wahlen. Beiratssprecher Uwe Jahn (SPD): „Was viel zu kurz kommt bei der Diskussion, ist die Zusammenarbeit der Palette mit den Institutionen vor Ort und die positive Ausstrahlung über Hemelingen hinweg.“ Klar könne ein neuer Beirat die Entscheidung für eine längerfristige Zustimmung einkassieren. „Aber daran glaube ich nicht.“

Die Argumente der Befürworter fruchteten insgesamt nicht. Als die Beiratsmitglieder ihre Stimmen abgaben, votierten die Beiratsmitglieder der CDU und der Grünen gemeinsam gegen den auf der Sitzung von der SPD hastig entworfenen alternativen Beschlussvorschlag. Eine Mehrheit dagegen fand der ursprüngliche im Koordinierungsausschuss ausgehandelte Kompromiss: ein Jahr Verlängerung für die „Palette“.

Freude und Sorge

Anders als beim Blockbuster kam es im Sinne der Unterstützer und Macher der „Palette“ also nicht zu einem Happy End im vollen Umfang. Dennoch war ihnen die Freude darüber, dass es auf jeden Fall im nächsten Jahr weitergehen wird, anzumerken, auch wenn sich in die Freude etwas Enttäuschung mischte. In den Gesprächen nach der Sitzung deutete sich aber auch die Sorge an, was wohl nach der Bürgerschaftswahl geschehen wird, wenn auch die Beiräte neu gewählt werden. Wie ein Gespenst scheint über Hemelingen die Sorge vor (Rechts-)Populisten zu schweben, über einem Stadtteil, der noch offen ist für ungewöhnliche Projekte.


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Leserkommentare
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Grundschüler brauchen Unterricht, der ...
aguahorst am 20.10.2019 16:55
In der Nähe von Wilhelmshaven baut man neue Kavernen, um damit Geld zu verdienen. In Bremen will man sie verfüllen und stilllegen.....was passiert ...
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