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Kirchturm abgerissen
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Der Turm ist Geschichte

Silja Weißer 17.04.2019 0 Kommentare

Nur noch ein Schutthaufen ist vom Kirchturm der Heilig-Geist-Kirche an der August-Bebel-Allee übrig.
Nur noch ein Schutthaufen ist vom Kirchturm der Heilig-Geist-Kirche an der August-Bebel-Allee übrig. (PETRA STUBBE)

Er ist weg. Und er fehlt. Die Glocken werden nicht mehr erklingen, die Uhr nicht mehr schlagen. Zwei Jahre lang war der Kirchturm der Heilig-Geist-Kirche in der Vahr in ein Gerüst gehüllt, als Vorbereitung für eine Sanierung, die ungeahnte Ausmaße angenommen hätte. Harmlosen Anlass hatten marode Schall-Lamellen gegeben. Sie dienen in erster Linie zur Verbesserung der Klangabstrahlung. Bei genauerer Begutachtung des kompletten Turms hielt zwar der Kern einer Qualitätsprüfung stand, doch das Mauerwerk des 32 Meter hohen Wahrzeichens wies erhebliche Mängel auf. Der zum Teil recht große Sandanteil bereitete Sorgen, und alle Fugen der Steine hätten neu gemacht werden müssen, berichtet Christoph Buße, seit acht Jahren diakonisch pädagogischer Mitarbeiter der Gemeinde. Nach und nach seien immer mehr Mängel zum Vorschein gekommen. Die mit ursprünglich 70 000 Euro veranschlagten Sanierungskosten wurden bald auf 360 000 Euro beziffert.

Auch Claus Nungesser, seit einem halben Jahr Pastor der Evangelischen Kirchengemeinde in der Neuen Vahr, bedauert: „Ein Abriss und Neubau wären ebenfalls zu teuer geworden. Wir müssen auf unsere finanziellen Ressourcen achten.“ Der Kirchenausschuss habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und intensiv diskutiert, doch am Ende stand die Entscheidung für den Abriss fest. Ende März verschwand der Turm in nur eineinhalb Tage aus dem Stadtbild.

Seit 1963 zu hören

So ganz sang- und klanglos sollten die vier Glocken aus dem Turm allerdings nicht abhandenkommen. Mit einem Gottesdienst „Abschied vom Turm“, an dem rund 70 Gemeindemitglieder teilnahmen, wurden sie feierlich verabschiedet. Beim letzten Geläut seien bei dem einen oder anderen sogar ein paar Tränen geflossen, berichtet Nungesser, der die Wehmut gut nachvollziehen kann. Nicht nur zum Gottesdienst, auch zu besonderen Anlässen wie Taufen und Trauerfeiern, gehörten nun einmal Glocken. Und diese sind von Beginn an, seit Bau des Gotteshauses 1963, im Stadtteil erklungen.

An Einschmelzen oder Entsorgen war somit nicht zu denken, als am 21. März die Glocken entnommen wurden. Vorerst lagern sie im Kirchraum, wo sie mit einem Gewicht von 250 bis 800 Kilogramm ein imposantes Denkmal bilden. Über ihre weitere Verwendung wird sich die Gemeindevertretung im Mai Gedanken machen. Zeitdruck gebe es nicht, so ­Nungesser. Dafür aber diverse Möglichkeiten. Eine Option sei es, die kleinste Glocke im Haus zu belassen, eventuell mit einem Metallgestell zu versehen und per Hand zum Schlagen zu bringen, so der Pastor.

Beratungen mit einem Glockensachverständigen hätten ergeben, dass besonders in Ostdeutschland Glocken fehlten, die im Krieg zu Kanonen eingeschmolzen worden waren. Dort könnten die Bremer Glocken wieder erklingen und ihre ursprüngliche Funktion erfüllen, zeigt Nungesser eine der Möglichkeiten auf.

Christoph Buße freut sich über die derzeitige Aufbewahrung der Glocken. „Jetzt sind sie zwar nicht mehr hörbar, dafür aber sichtbar und betonen, dass dies hier eine Kirche ist.“ Der studierte Diplompädagoge hat vor einem Jahr maßgeblich an der Umgestaltung des Gotteshauses an der August-Bebel-Allee mitgewirkt, und einen „Marktplatz der Begegnung“ geschaffen. Auf 270 Quadratmetern bietet nun dort, wo sich ehemals Kirchenbänke reihten, ein Secondhand-Basar mit Regalen und Kleiderständern die Möglichkeit zum Stöbern, Schnäppchen schlagen und zum Klönen in Sitzecken bei kostenlosem Kaffee.

Mittlerweile ist das Team der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die noch gut erhaltenen Sachen einsortieren und für einen guten Zweck sehr günstig weiterverkaufen, auf 17 Personen angestiegen. „Wir freuen uns über weitere Unterstützung“, betont Buße. Um dem Ansturm der rund 300 Besucher pro Woche gerecht zu werden, seien auch stundenweise Aushilfen willkommen.

Das Konzept, nicht nur gebrauchte Sachen aus dem Kleiderschrank und alles, was im Haus vom Dachboden bis zum Keller beweglich ist, Geschirr, Gardinen, Toaster und Co., weiter zu verwenden, sondern auch Menschen aus unterschiedlichen Stadtteilen zusammenzuführen, sei aufgegangen, freut sich der Ideengeber. Die Räumlichkeiten unterstreichen den Gedanken, dass es sich weder um einen Trödelmarkt, noch um eine Lagerhalle handelt. Die bunten Kirchenfenster, die Orgel, der Altar und nun auch die Glocken, weisen auf die ursprüngliche Nutzung hin, mit der es jedoch nicht vorbei ist. Zwei bis drei Mal pro Jahr wird im vorderen Teil der Kirche ein Gottesdienst gefeiert, bei dem ein rollbarer Tisch als Altar fungiert. Auch das von Nungesser eingeführte Agape-Mahl, ein Abendbrot, bei dem nicht nur Fladenbrot, Käse und Weintrauben auf den Tisch kommen, sondern auch Glaubensthemen, wurde so gut angenommen, dass es nun eine monatliche Wiederholung geben wird. Jeden ersten Freitag im Monat können Interessierte ohne Anmeldung um 18 Uhr zu dem einstündigen Austausch hinzustoßen. „Ich bin begeistert von dem genialen Konzept, die Kirche als Raum der Begegnung mit Bewegung und Leben zu füllen“, freut sich Nungesser.

Der 53-Jährige hat nach seinem Theologiestudium 18 Jahre lang im Personalbereich einer Bank gearbeitet und mit der Stelle in Bremen den Quereinstieg in seinen ursprünglich anvisierten Job gewagt. „Ich werde hier zu den Öffnungszeiten häufig präsent sein und stehe für einen Austausch bereit“, plant er. Der angrenzende kleine Raum bietet Platz für intensivere Seelsorge unter vier Augen.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten: Der Marktplatz der Begegnung, August-Bebel-Allee 276, ist montags und dienstags von 9 bis 11 Uhr, mittwochs von 13.30 bis 15.30 Uhr, donnerstags von 10 bis 12 Uhr und sonntags von 11 bis 14 Uhr geöffnet, in den Schulferien nur sonntags.


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Leserkommentare
suziwolf am 21.10.2019 12:19
Und dann ... @kretschmar -
[auch wieder] eine gemeinsame Währung -

Das britische £ - Sterling -
europaweit jetzt ...
suziwolf am 21.10.2019 12:01
Warum dieser einfache Hinweis
auf www.spiegel.de
[ ,auf Erweiterung der Information‘ ]
mit „👎“ bewertet wird,
erklärt sich ...
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