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Film als Abschlussprojekt
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Ein Statement gegen die Gleichgültigkeit

Matthias Holthaus 06.01.2018 0 Kommentare

SOS Schülerin Adiza Leonie Yacoubou 3. Platz Bundessiegerin Körber Stiftung Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten
Adiza Yacoubou hat einen Film gedreht über das Schicksal zweier Bremer, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas in der NS-Zeit verfolgt  wurden. (Roland Scheitz)

„Ich war die Einzige im Jahrgang, die einen Film gemacht hat“, erzählt Adiza Yacoubou – und das mit Erfolg: Für ihr Werk „Fight for your conviction – Die Geschichte der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus, gezeigt anhand der zwei Bremer Bürger Otto Kewitz und Franz Pieper“ wurde die 16-jährige aus Sebaldsbrück als einzige Bremer Schülerin beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten mit einen dritten Platz ausgezeichnet.

Mehr als 5000 Kinder und Jugendliche hatten sich bundesweit an dem Geschichtswettbewerb zum Thema „Gott und die Welt. Religion macht Geschichte“ beteiligt. Ausgrenzung und Verfolgung aufgrund von Religionszugehörigkeit spielten dabei bei vielen der insgesamt 1639 eingereichten Beiträge eine Rolle.

Den 47-minütigen Film hat Adiza Yacoubou als Abschlussprojekt an der Schule erstellt. Im Oktober 2016 fing sie mit der Arbeit an, im Februar 2017 konnte sie den Film vollenden. Zusammengearbeitet hat sie dabei auch mit dem Historiker Hans Hesse, der im Jahr 2017 das Buch „Stolpersteine – Idee. Künstler. Geschichte. Wirkung“ herausgegeben hat. „Ich habe ihn vorher angeschrieben und gefragt, ob er ein Interview mit mir machen könnte“, erzählt die 16-Jährige. Das Interview haben sie dann im Schulmuseum in Hastedt geführt. Aber nicht nur der Kölner Historiker, auch die Schulbibliothekarin, deren Mann und Frau Goebel, Adiza Yacoubous Klassenlehrerin, waren wertvolle Hilfen für die Preisträgerin: „Wir haben zuerst geschaut, ob es etwas zur NS-Zeit gab. Und bei der Arbeit durfte ich auch außerhalb der Öffnungszeiten und auch am Wochenende in der Bibliothek sein“, sagt sie. „Frau Goebel hat mir viel beim Schriftlichen und beim Quellenverzeichnis geholfen. Und sie hat mir viel Mut gemacht.“

Neben dem Studium von Quellen hat Adiza Yacoubou auch die Musik zum Film selbst komponiert. Sie spielt Querflöte und Klavier, erzählt sie, und sie habe versucht, emotional zu sein. „Musik geht auch über Gefühl und es war auch entspannend, seine Emotionen loszulassen, die sich angestaut hatten.“

Und die Schülerin hat auch zwei Interviews mit Nachfahren von Otto Kewitz und Franz Pieper geführt. Während Otto Kewitz das Konzentrationslager Sachsenhausen überlebt hat, wurde Franz Pieper wegen „Wehrkraftzersetzung“ im Februar 1940 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Als Otto Kewitz aus Sachsenhausen zurückgekommen ist, habe seine Frau gesagt, dass das nicht mehr ihr Mann gewesen sei. „Er musste erst wieder lernen, als Mensch zu leben“, hat Adiza Yacoubou erfahren. „Die Enkelin von Franz Pieper kam extra aus Süddeutschland für das Interview nach Bremen. Da konnte sie sogar viel Neues aus der Familiengeschichte erfahren.“ In der Überseestadt gebe es sogar das „Franz-Pieper-Karree“ und in der Elsflether Straße in Walle einen Stolperstein. „Darauf steht allerdings ,Pazifist´ und nicht ,Zeuge Jehovas´, das finde ich nicht so gut.“

Neben Interviews und der schuleigenen Bibliothek hat Adiza Yacoubou auch Internetquellen, das Bremer Staatsarchiv und auch das Archiv der Zeugen Jehovas in Selters im Taunus für ihre Arbeit genutzt. „Dort gibt es viele Quellen, alte Zeitungsartikel und viel Privates von den Opfern und den Familien“, sagt Adiza Yacoubou, die selber eine Zeugin Jehovas ist.

Wohl auch deshalb war die Arbeit an dem Film keine einfache Aufgabe: „Zuerst war es mir gleichgültig, doch dann habe ich gemerkt, dass auch Bekannte von mir Verwandte hatten, denen das passiert ist. Das war sehr emotional. Das ist schon etwas anderes, wenn man selbst davon berührt wird und wenn man die Papiere im Staatsarchiv in der Hand hält.“

Danach wollte sie erst einmal nichts mehr von dem Thema wissen. Nachdem sie den Beitrag abgeschickt hatte, kam auch längere Zeit erst einmal nichts. „Wir haben gar nicht mehr damit gerechnet“, erzählt sie. Doch dann kam Mitte November ein Brief mit den Glückwünschen vom Bundespräsidenten. „Da ich aber zeitgleich auf einem Seminar war, konnte ich leider nicht nach Berlin ins Schloss Bellevue fahren. Die Urkunde kam dann mit der Post“, erklärt Adiza Yacoubou, die nach dem Erreichen des erweiterten Realschulabschlusses nun eine Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten macht. Danach hätten viele Zeugen Jehovas aus ganz Deutschland angerufen, um zu gratulieren, erzählt sie.

Und auch von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern sei viel gekommen. „Das war auch mein Ziel, dass sich auch Jüngere ­Gedanken machen und mal über den ­Tellerrand blicken.“ Das Medium „Film“ hat sie dabei nicht ohne Grund gewählt: „Uns Jüngere ist das Thema in der Regel egal. Da ist ein Film das Beste, da die Jugendlichen eher schauen als lesen“, ist ihre Erfahrung.

Die Vergangenheit könne sie auch nicht ändern, sagt Adiza Yacoubou, aber sie könne ihren Teil dazu beitragen, dass so etwas nicht wieder geschieht: „Die Nazi-Zeit hat nur Kummer und Schmerz gebracht. Kein Mensch hat zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht. Ich wollte einfach ein Statement abgeben und zeigen, dass mir das nicht egal ist. Das Projekt hat meine ganze Sichtweise auf die Dinge geändert.“


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Leserkommentare
linde79 am 20.10.2019 17:58
Wie wäre es denn, wenn man auch mal die Qualität der Lehrer und Lehrerinnen hinterfragte? Wie wäre es in Anbetracht der Bildungsmisere, die ...
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Grundschüler brauchen Unterricht, der ...
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