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Wenn die Familie zusammenkommt

Christian Hasemann 21.05.2019 0 Kommentare

Erste Nutznießerinen und die Macherinnen des Projektes in Hemelingen: Elisabeth Jacobsen (von links), Stefanie Brunßen mit Rafael, Julia Huber und Petra Putzer.
Erste Nutznießerinen und die Macherinnen des Projektes in Hemelingen: Elisabeth Jacobsen (von links), Stefanie Brunßen mit Rafael, Julia Huber und Petra Putzer. (PETRA STUBBE)

Hemelingen. Ein Familienleben ist von Höhen und Tiefen geprägt, manchmal auch von Krisen. In früheren Zeiten trat dann häufig die Familie oder die Sippe zusammen, um über das Problem zu beraten und Lösungen zu finden. Diesen Mechanismus möchte das Modellprojekt „Familienrat“ in Hemelingen mit Unterstützung von Fachkräften mit neuem Leben füllen und als niedrigschwelliges Hilfsangebot im Stadtteil etablieren. Das Projekt könnte Vorbildcharakter für ganz Bremen bekommen.

In seiner modernen Form ist der Familienrat in anderen Städten teilweise ein schon seit Jahren erfolgreiches Modell. In Hamburg beispielsweise gibt es in allen Bezirksämtern Familienratsbüros, aber auch andere Städte in Deutschland haben Familienräte als Angebote für hilfesuchende Familien eingerichtet. Seinen Ursprung hat die Methode Familienrat in der neuseeländischen Maori-Tradition, der indigenen Bevölkerung Neuseelands. Unter der Bezeichnung „Family Group Conferencing“ (FGC) ist er als verpflichtendes Verfahren Jugendwohlfahrtsgesetz des Inselstaates aufgenommen worden.

Neuer Versuch

Auch in Bremen habe es schon mal einen Versuch gegeben, erklärt Petra Putzer vom Amt für Soziale Dienste in Hemelingen, die das Projekt maßgeblich initiiert hat. Damals seien die Strukturen allerdings zu kompliziert gewesen und das Projekt habe sich in seiner derzeitigen Form und Organisation nicht bewährt. Die Struktur ist nun eine andere. So läuft die Finanzierung über das Stadtteilbudget des Jugendamtes, das speziell für kleinteilige Projekte aufgelegt wurde und es stehen zwei feste Ansprechpartner mit jeweils einer halben Stelle zur Verfügung.

Elisabeth Jacobsen und Julia Huber sind die Koordinatorinnen des Familienrats. Die beiden jungen Frauen sind Sozialarbeiterinnen beim Kinder- und Jugendhilfeträger St. Petri und waren nach eigenen Worten gleich begeistert von dem Projekt. „Das Besondere ist, dass die Familien selbst nach Lösungen suchen und Entscheidungen treffen“, erklärt Elisabeth Jacobsen.

Der Familienrat läuft in drei Phasen ab. In der ersten stellen die Koordinatorinnen den Ablauf und die Gesprächsregeln vor. In der zweiten Phase verlassen die Fachkräfte den Raum und die Familienmitglieder und Freunde besprechen, welche Lösungen sie sich vorstellen können. Die Größe des Familienrates könne dabei variieren, sagt Petra Putzer. „Das können 20 Leute oder auch nur drei oder vier Freunde und Bekannte sein.“ Es sei tatsächlich ein bisschen so, wie früher in einer Großfamilie. „Man setzt sich zusammen und beratschlagt, was zu tun ist.“ In der dritten Phase stellt die Familie den Plan vor. Die Koordinatorinnen achten darauf, dass Absprachen klar formuliert sind und Verantwortliche verbindlich genannt werden.

Stefanie Brunßen war eine der ersten, die das Angebot angenommen hatte. „Meine Fallmanagerin hatte mir davon erzählt und ich war davon hellauf begeistert, da gab es eigentlich nicht lange etwas zu überlegen“, sagt sie, während ihr Sohn Rafael auf ihrem Schoß sitzt. Sie habe selbstständiger sein wollen und suchte nach mehr Unterstützung. Ein wenig Angst habe sie allerdings vor der Reaktion der Familie gehabt. „Das war meine große Sorge, wie die Familie das aufnimmt, aber die waren begeistert. Es hat eine Eigendynamik entwickelt und wir haben geredet und geredet.“

Entscheidungen sind tragfähig

Nach drei Stunden Gespräch in der Familie sei es am Ende ein wundervoller Tag gewesen. Das bestätigt auch Julia Huber. „Am Anfang war die Stimmung etwas gedämpft, am Ende fast euphorisch.“ Zum Schluss verabredete die Familie ganz konkrete Hilfen: Der Bruder hilft bei finanziellen Dingen, mit der Mutter zusammen soll ein Kochbuch entstehen und gemeinsam will man die Küche ausbauen. Stephanie Brunßen spricht an, was viele Menschen daran hindert, solche für andere vielleicht selbstverständliche Hilfestellungen anzunehmen: „Eigentlich ist die Familie sehr hilfsbereit, aber man traut sich ja manchmal nicht, nach Hilfe zu fragen.“ Außerdem seien Sachen angesprochen worden, die zwischen den Familienmitgliedern noch „geknistert“ hätten. Ihr Fazit: „Ich kann das nur empfehlen, mir hat das sehr geholfen.“

Elisabeth Jacobsen ist von der Durchsetzbarkeit der Familienentscheidungen überzeugt. „Ich glaube, dass Entscheidungen von Familien von allen Beteiligten viel eher getragen werden können.“ Außerdem könnten so ganz andere Ideen und Lösungen entstehen, als die der Fachkräfte, die von außen auf die Familie schauen. Von der Idee her sei die Methode im Prinzip für jede Familie geeignet. „Die Frage ist, ob sich die Familienmitglieder vor dem sozialen Netzwerk öffnen.“ Die Erfahrung zeige aber, dass Familien und Freunde tatsächlich unterstützen wollten.

Für Petra Putzer geht es nun darum, das Angebot zu verstetigen, das heißt es zu einer dauerhaften Einrichtung auszubauen. „Das ist quasi unser Auftrag.“ Sie sei guten Mutes, dass das klappen kann. Als nächstes könnten unter Umständen die benachbarten Stadtteile Vahr und Osterholz einbezogen werden. Zunächst soll der Familienrat aber noch im Stadtteil Hemelingen sichtbarer gemacht werden. Julia Huber sagt: „Man merkt schon, dass es bei den Familien noch nicht so bekannt ist.“

Um für den Familienrat auch in Fachkreisen zu werben, veranstaltet das Amt für Soziale Dienste und die St. Petri Kinder- und Jugendhilfe am 6. Juni im Jugendhaus Hemelingen einen Fachtag. Anmeldungen und weitere Informationen: ann-kathrin.liesert@afsd.bremen.de.

Weitere Informationen

Jeden ersten Donnerstag im Monat gibt es von 13 bis 15 Uhr eine Sprechstunde „Familienrat“ im Sozialzentrum Hemelingen in der Pfalzburger Straße 69 a in der sechsten Etage. Kontaktmöglichkeiten zu den Koordinatorinnen
bestehen per Email an julia.huber@stpetribremen.de und elisabeth.jacobsen@stpetribremen.de und per Telefon unter 01 52 / 56 45 85 12 sowie 01 52 / 56 45 85 43.


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Leserkommentare
suziwolf am 23.10.2019 12:00
@lterwaller ...

Die ,autofreie Innenstadt‘ ist nur mit
zusätzlichen Brücken über die Weser zu haben.

Wird sich ...
peteris am 23.10.2019 11:59
Das kann doch niemals kontrolliert werden, da fehlt es doch an "Personal"!

Wenn man den Drogenhandel schon nicht in den Griff bekommt, ...
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