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Christian Ebhard vom Schifffahrtsmuseum spricht bei „Wissen um elf“ über Schiffbau-Rituale im Wandel der Zeit
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Taufe und Stapellauf unterliegen der Mode

Christine Gräfing 29.08.2016 0 Kommentare

MIT Haus der Wissenschaft Wissen um elf Dr. Christian Ebhardt
Gab ein Gastspiel im Haus der Wissenschaft: Christian Ebhard (Roland Scheitz)

Vorab erklärt der Historiker und Mitarbeiter im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, was ein Ritual überhaupt ausmacht. Für den Wissenschaftler ist es eine menschliche Handlungsabfolge, erkennbar durch Standardisierung der äußeren Form und Wiederholung. Außerdem habe das Ritual eine hohe Symbolkraft und sei auch Erinnerung an Vergangenes.

Die Abläufe bei Schiffstaufe und Stapellauf blieben in Grundzügen unverändert, sie seien aber immer wieder Zeitströmungen unterworfen, betont der Experte. Beim traditionellen Stapellauf gleitet ein Schiff durch Eigengewicht oder per Winde unterstützt über Helgen auf abfallender Rampe ins Wasser. Heute habe sich der Schiffbau verändert. Schiffe würden in Einzelteil-Bauweise in Trockendocks gebaut, die nach Fertigstellung einfach geflutet werden, bis das Schiff aufschwimmt. Trotzdem bleibt auch hier der Name Stapellauf erhalten, sagt Christian Ebhard und schlägt in seiner wissenschaftlichen Betrachtung einen Bogen von der Arche Noah, über riesige Passagierdampfer bis hin zu gigantischen Öltankern.

Die zeremonielle Schiffstaufe für die Namensgebung und der Stapellauf als eine technische Notwendigkeit – beides findet gegen Ende des Baus und fast immer gemeinsam statt. Die Benennung von Schiffen ist dabei hoch bedeutsam. So wurde für ein Schiff, das der Wissenschaftler als „lebenserhaltendes System in lebensfeindlicher Umwelt“ beschreibt, in der Antike durch die Namenswahl Beistand erbeten – von Göttern, Schutzpatronen und Heiligen. Später kamen auch Namen von Familien, Städten oder Regionen dazu. Die „Polarstern“ wurde nach ihrem Einsatzgebiet als Forschungsschiff benannt, die „Stier“, erhielt den Namen als kraftvoller Hafenschlepper.

Allerdings sei auch die Art der Benennung von Schiffen auch bestimmten Moden unterworfen, schildert Ebhard. Während des Nationalsozialismus wurden Schiffstaufe und Namensgebung besonders für nationale Identitätsstiftung und für politische Zwecke instrumentalisiert. Und obwohl Schiffsnamen in der Regel weiblich sind, wurde beispielsweise auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II. Deutschlands Antwort auf die Titanic ausdrücklich der „Imperator“ genannt. Etwas bleibt. Taufpate ist stets eine Frau, sie lässt eine Flasche mit Sekt oder Champagner, dessen Perlen eine Assoziation zum weißen Meeresschaum hervorrufen soll, an der steilen Schiffswand zerschellen.

Ein weiterer Arbeitsbereich für den Historiker und Buchwissenschaftler Christian Ebhard aus Bremerhaven ist die sogenannte Visual History. Hierbei handelt es sich um ein Forschungsfeld, das die Bilder und Fotografien als Quellen und eigenständigen Gegenstand der Geschichtsforschung betrachtet.

Dass auf einem Stapellauf-Foto weit mehr als Schiff und Menschen zu sehen ist, erklärt Ebhard anhand einer ausgewählten Bildquelle aus dem Archiv des Schifffahrtsmuseums. Als Pfingsten 1954 auf der Hamburger Howaldtswerft Taufe und Stapellauf eines Tankers für saudisches Öl stattfanden, war das nicht nur ein maritimes Ereignis, sondern auch eine bedeutende gesellschaftliche Attraktion von hoher Breitenwirkung. Zu dem minutiös durchgeplanten Ereignis trafen nicht nur Auftraggeber und Akteure aus Wirtschaft und Politik, sondern insgesamt 10000 Schaulustige zusammen.

Gerahmt vom Helgen ist in der Mitte der Öltanker „Al-Malik Saud Al-Awal“ zu sehen. Hoch oben auf der Taufkanzel stehen lediglich die adelige Patin, prominente Ehrengäste und der Auftraggeber Aristoteles Onassis. Unterhalb davor sind deren große Limousinen platziert. Am Rand der zeremoniellen Veranstaltung stehen tausende Schaulustige, aber nur wenige verdiente Werft-Arbeiter dürfen zuschauen. Auffallend ist, dass die eigentlichen Schiffbauer bei der Feier kaum zu sehen sind, denn sie müssen immer noch arbeiten – und das Schiff zu Wasser bringen.

Ein solches Foto, inszeniert für Zeitungen und Zeitschriften, dient in der wissenschaftlichen Analyse dazu, Beziehungen aufzudecken. Einerseits ging es damals um Selbstdarstellung und die Werbebotschaft der Reederei, andererseits war das Foto Symbol für die deutsche Wirtschaftskraft. Zudem macht es laut Ebhard dem Wissenschaftler aber auch die damaligen sozialen Hierarchien deutlich. Champagner war übrigens bei der Taufe der „Al-Malik Saud Al-Awal“ nicht angebracht: Getauft wurde der Öltanker mit Wasser aus dem heiligen Brunnen von Mekka.


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Leserkommentare
elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...
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