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Service Bureau bietet hochaktuelle Workshops an, doch in einigen Schulen ist die Medienzeit stehen geblieben
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Bremens Super-Nannys für das Internet

Anke Velten 18.12.2017 0 Kommentare

WES Freizi Findorff Expertenkonferenz Medien Smartphone-Projekt der OS Findorff
Die Findorffer Oberschülerinnen Sara und Samara klären ihre Mitschülerinnen und Mitschüler über den Messaging-Dienst Instagram auf. So funktionieren seit inzwischen zehn Jahren die Bremer „Expertinnenkonferenzen“ für kritische Mediennutzung. (Roland Scheitz)

Abgesehen davon, dass das Aufwachsen auch in früheren Zeiten nicht immer pure Idylle war: Die digitale Welt ist da, mit all ihren Chancen und Risiken, und man muss sich gut auf sie vorbereiten, um damit zurechtzukommen. Das Pädagogenteam des Service Bureau Bremen brachte das Thema schon vor zehn Jahren in die Schulen, weil sich niemand sonst richtig darum kümmerte. Und eigentlich ist das bis heute so geblieben.

Wie seit inzwischen zehn Jahren treffen sich die Schülerinnen und Schüler des Findorffer siebten Jahrgangs klassenweise im Jugendzentrum Findorff, um jeweils einen Schultag lang kritisch zu betrachten, wie sie mit digitalen Medien umgehen. Samara und ihre Zwillingsschwester Sara haben sich Instagram vorgenommen, erklären ihren Mitschülern die Unternehmensgeschichte, berichten über Nutzerzahlen, Faszination, Vor- und Nachteile des Messaging-Dienstes. Die Zwillingsschwestern hatten ihre Smartphones zum letzten Geburtstag bekommen, erklären sie. „Wir waren die Letzten in der Klasse“, weiß Samara. „Aber man braucht das so langsam.“ Handys seien praktisch, aber sie machten auch bequem, findet Samara. „Es ist einfacher, zu chatten, als sich draußen zu treffen. Aber wie wird es wohl in fünfzig, hundert Jahren sein?“, fragt sie. „Sprechen die Menschen dann überhaupt noch miteinander?“ Es sei der Vater gewesen, der die Anschaffung so lange wie möglich hinausgezögert habe, sagt Sara. „Er war nicht so begeistert, und hat uns beigebracht, wo wir aufpassen müssen.“ In der Schule, sagen beide, hatte es eine kritische Auseinandersetzung mit dem Internet vorher nie gegeben. „Dabei gab es Kinder, die schon in der Grundschule ein Smartphone hatten.“   

Preisverleihung
Bei der Verleihung des Dieter-Baacke-Preises in Frankfurt am Main: Uwe Lütjen, Leiter der Oberschule Findorff, und der Bremer Medienpädagoge Markus Gerstmann (2. und 3. von links). (GMK)

Im Dezember 2007 hielt das Service Bureau die erste „Expertinnenkonferenz“ an der Oberschule Findorff ab – so genannt, weil die Jugendlichen selbst als Fachleute beim Thema Neue Medien fungieren. Sie geben vor, mit welchen Aspekten sie sich beschäftigen wollen. „Das ist unser Trick“, sagt Gerstmann: „Die Schülerinnen und Schüler sind kompetent, und es ist genau ihr Thema. Darum haben sie schon immer gerne mitgearbeitet. Außerdem honorieren sie es, wenn sie auf Augenhöhe mit externen Fachleuten diskutieren können.“ Gleichzeitig betrachten die Medienpädagogen die Workshops als Weiterbildungen in eigener Sache, um auf dem Laufenden zu bleiben: „Schließlich ändern sich die angesagten Tools ständig, und manchmal ist es von Schule zu Schule unterschiedlich, welche Portale, Messagingdienste, Spiele oder Blogger gerade die größte Rolle spielen.“

Vor zehn Jahren war das Smartphone gerade erst auf den Markt gekommen. Doch rund 80 Prozent aller Schülerinnen und Schüler hatten Zugang zu einem Computer mit Internetanschluss, und nutzten ihn auch ausgiebig, wie sie damals erzählten: Meist stundenlang und zum Unmut ihrer Eltern, die häufig gar nicht verstehen konnten, was ihre Kinder daran so toll finden. Die Video-Plattform YouTube gab es schon, und ein halbes Jahr zuvor war das Netzwerk „Schüler VZ“ gegründet worden, von dem heute niemand mehr redet. Killerspiele waren vor einem Jahrzehnt ein wichtiges Thema, Chatforen, Computersucht und „Cyberbullying“ – das Mobbing via Internet. Sich der Gefahren bewusst zu sein, sich aber nicht verrückt machen zu lassen: Das ist das Mantra, das der Medienpädagoge bei Elternabenden vermittelt hat. „Wir sagen spaßeshalber: Wir sind die Super-Nannys der modernen Medienwelt.“

WES Freizi Findorff Expertenkonferenz Medien Smartphone-Projekt der OS Findorff
Sebastian Reuser unterstützt bei den „Expertinnenkonferenzen“. (Roland Scheitz)

Obwohl viele Eltern inzwischen längst mehr als genug Gefallen am Internet gefunden haben – und nicht immer bessere Umgangsformen - sind ihre Kinder ihnen meist immer ein paar Schritte voraus. „Facebook“ ist längst ein Terrain, das die Jugend gerne den „Silver Surfern“ überlässt. Zurzeit  ist auch der Foto-Messaging-Dienst Snapchat, der noch in den vergangenen Jahren überaus beliebt war, aus der Gunst gefallen. „Die Nutzerzahlen sinken stark ab“, weiß Gerstmann. Die Siebtklässler von heute folgen Prominenten oder sammeln selbst „Follower“ über Instagram, spielen Fantasyspiele wie „Clash Royal“ und abonnieren die Channels angesagter You Tube-Stars. Kein Problem, so lange man weiß, wie man seine Privatsphäre und Daten schützt, mit „Hatern“ umgeht, wo man bei Mobbing Hilfe bekommt und dass viele „YouTuber“ mit ihren freundschaftlich verpackten Tipps vor allem Geld verdienen wollen.  

Schon um das Jahr 2005/2006 hatten die Pädagogen der Bremer Jugendinformationseinrichtung damit begonnen, sich intensiv um den Bereich Mediennutzung zu kümmern, erinnert sich der 54-Jährige. „„Wir hatten das Gefühl, dass das Thema relevant ist und  gehörten damit bundesweit zu den Vorreitern.“ Anlass sei eine Studie des Zentrums für Empirische Pädagogische Forschung der Universität Landau gewesen, die sich mit dem Phänomen Cybermobbing befasste. Die Bremer Medienpädagogen begannen nicht nur, über Vorträge ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen, sondern entwickelten auch ein Format, mit dem sie in die Bremer Schulen gehen konnten. „Die Mediennutzung entwickelt sich so schnell – ständig auf dem Laufenden zu bleiben, ist für die Lehrkräfte in den Schulen nicht einfach nebenbei zu leisten“, sagt Gerstmann. Im Fokus sind seit jeher die siebten Jahrgänge. „Das ist die entscheidende Phase, in dem die Veränderungen der Pubertät und die intensive Mediennutzung aufeinandertreffen“, erklärt Gerstmann. Sich selbst finden und präsentieren, sich gegenüber anderen abgrenzen – das sei ein völlig normaler Vorgang, bei dem es in der Pubertät zu Überreaktionen kommen könne. Und vieles davon spiele sich eben heute im Internet ab.

Inzwischen sind es mehr als 100 Expertinnenkonferenzen geworden, mit denen er und seine Kollegen mehrere Tausend Jugendliche erreicht haben – nicht nur in Bremen, sondern auch bundesweit, in der Schweiz und den Niederlanden. Auch im neuen Jahr sind die Workshops, die vor sechs Jahren vom Bundesfamilienministerium zertifiziert wurden, wieder auf Monate ausgebucht. Für den „Safer Internet Day“ am 6. Februar 2018 wurden sie in die Gesamtschule West eingeladen, um dort mit den Jugendlichen zum Thema „Respekt im Netz“ zu arbeiten. Außerdem bereitet das Pädagogenteam gerade ein neues Format vor, das sich mit dem Themenkomplex Fake News und Verschwörungstheorien beschäftigt, und der Frage nachgeht, wem man im Internet noch vertrauen und glauben darf. Bundesweite Aufmerksamkeit und den renommierten Dieter-Baacke-Preis für beispielhafte Medienpädagogik erhielt das Smartphone-Projekt, das gemeinsam mit der Bremer Landesmedienanstalt an der Oberschule Findorff durchgeführt wurde.

Von Anfang an hatte das Konzept in Findorff enthusiastische Partner gefunden – bis heute sind die Expertinnenkonferenzen eine Kooperation von Oberschule und Jugendzentrum. Alle teilnehmende Schulen buchten und finanzierten die Workshops in Eigeninitiative, erklärt Gerstmann. Mitunter würden auch die Eltern gebeten, einen Beitrag zu leisten. „Das kann ja nicht sein!“, kritisiert er. „Es ist ein gesellschaftlich so wichtiges Thema. Wir finden: Es ist die Aufgabe der Bildungsbehörde, dafür zu sorgen, dass alle Schulen diese Möglichkeit in Anspruch nehmen können.“ Nicht nur das Budget sei in vielen Schulen ein Problem. „Häufig fehlt es an Wlan, an vernünftigen Geräten, sogar an Räumlichkeiten für solche Angebote.“ Die Welt ist digital geworden. Doch in manchen Schulen ist die Zeit stehen geblieben.


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Leserkommentare
K_ter_Lysator am 22.10.2019 09:14
Das die Verkehrssituation in Findorff (und auch andere Stadtteile) den Status "sub-optimal" nicht erreicht ist kein vom Freimarkt abhängiges Problem. ...
Wesersteel am 22.10.2019 09:04
Deutschland soll Soldaten/innen laut AKK nach Syrien schicken UND hier sitzen die jungen Syrer im trocknen - was verkehrte Welt !

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