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Gröpelinger Arbeitsgruppe fordert größere Anstrengungen in der Suchtprävention
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Das toxische Spiel mit dem Glück

Anke Velten 22.05.2017 0 Kommentare

WES Gröpelingen Gesundheitstreffpunkt West Vortrag Spielsucht
Diplompsychologe Tim Brosowski von der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht sprach im Rahmen der Aktionswoche Sucht für dem Präventionsrat West. (Roland Scheitz)

Die Gefahren der Glücksspielsucht werden in Gröpelingen bereits seit Langem aufmerksam beobachtet. Vor zwei Jahren initiierte der Präventionsrat Bremen-West eine Arbeitsgruppe mit Fachleuten aus verschiedenen Institutionen und Initiativen. Im engen Austausch mit der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht, die seit 2009 im Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen angesiedelt ist, wurde ein Katalog von sieben Empfehlungen zur Bekämpfung der Glücksspielsucht in Bremen entwickelt. Oder besser gesagt: Es sind sieben Appelle, einer Sucht die Substanz zu nehmen, die in ihren Konsequenzen kaum weniger gefährlich ist als die Sucht nach harten Drogen. Diplompsychologe Tim Brosowski aus der Fachstelle Glücksspielsucht fasste den Handlungsbedarf im Rahmen der Bremer Aktionswoche Sucht zusammen.

Zunächst die Zahlen und Daten: Eine Studie aus dem Jahr 2013 ergab, dass 40 Prozent aller Deutschen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal an einem Glücksspiel teilgenommen hatten. Die große Mehrheit ist in der Lage, maß- und verantwortungsvoll zu spielen. Doch 1,5 Prozent davon gelten laut Brosowski als „problematisch oder pathologisch spielend“. In Bremen gibt es laut Schätzungen der Fachstelle Glücksspielsucht zwischen 1100 und 3100 Spielsüchtige. Weitere 1600 bis 3600 Spielerinnen und Spieler hält man für gefährdet, in die Abhängigkeit abzugleiten. Besonders toxisch seien dabei die klassischen „Daddelautomaten“, so Brosowski: 80 Prozent der Problemspieler kommen nicht mehr von den Geldspielgeräten in Spielhallen und Gaststätten los. Zu einem „immer unerfreulicheren Problem“ habe sich in den vergangenen Jahren auch der Bereich der Sportwetten entwickelt. Bereits jetzt seien sie für ein Zehntel der Spielsüchtigen oder Suchtgefährdeten verantwortlich. „Aber wir rechnen damit, dass diese Zahl steigt“, prognostizierte der Suchtforscher.

WES Gröpelingen Gesundheitstreffpunkt West Vortrag Spielsucht
Diplomsozialarbeiterin Sandra Speidel bietet Betroffenen und Angehörigen Beratung an. (Roland Scheitz)

Diejenigen, die irgendwann nicht mehr ein noch aus wissen, sind die Klienten der Diplom-Sozialarbeiterinnen Sandra Speidel und Gisela Koning-Hamers, die in der Dependance der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht an der Bürgermeister-Smidt-Straße 35 Beratung für Betroffene und Angehörige anbieten. Schuldenberge von bis zu 30 000 Euro sind dann bei den meisten Ratsuchenden nicht die Ausnahme, sondern die Regel, so Speidel. Denjenigen, die sich helfen lassen, stehe eine wochenlange stationäre Therapie bevor, und die anschließende dauerhafte Begleitung in einer Selbsthilfegruppe. Obgleich man es den Betroffenen körperlich nicht ansehen könne: Auch die Spielsucht verursache klassische Suchtsymptome wie Rauschgefühle, Kontrollverlust und Entzugserscheinungen und könne zu Persönlichkeitsveränderungen, sozialer Isolation und Beschaffungskriminalität führen. „Die Veränderungen der Hirnstrukturen sind nachweisbar und unterscheiden sich nicht von anderen Suchtkrankheiten“, so der Psychologe. Aus der Spielsucht herauszufinden, sei darum genauso schwer und dauere genauso lange wie bei einer Entwöhnung von Alkohol oder harten Drogen, erklärte Sandra Speidel.

Besonders gefährdet für die Verlockungen des vermeintlich leicht verdienten Geldes sind laut Brosowski männliche Jugendliche und junge Männer mit eher geringem Bildungsstand und Migrationshintergrund, vor allem, wenn Faktoren wie Arbeitslosigkeit, mangelnde familiäre und soziale Unterstützung, ein schwaches Selbstwertgefühl und ein früher Kontakt mit glücksspielenden Bekannten dazu kommen. In sozio-ökonomisch schwächer aufgestellten Stadtteilen wie Gröpelingen, aber auch beispielsweise in Teilen der Neustadt, sei diese Klientel besonders zahlreich. „Das sind auch die Stadtteile, in denen die Spielhallen in den vergangenen Jahren aufgeploppt sind.“ Als potenzielle Risikogruppe betrachtet der Psychologe auch junge männliche Flüchtlinge.

Im Sommer 2015 reagierte der Präventionsrat West mit der Gründung der Arbeitsgruppe, der sich auch das Landesinstitut für Schule, die Gesundheitstreffpunkte, die Wilde Bühne, die Streetworker des Vereins Vaja und die Hilfsorganisation Weisser Ring anschlossen. Im September des vergangenen Jahres organisierte die Arbeitsgruppe einen Fachtag im Gesundheitstreffpunkt West, an dem auch Betroffene, Vertreter aus dem Hilfssystem und sogar diverse Anbieter teilnahmen. Sie erarbeiteten einen Maßnahmenkatalog, der das Problembewusstsein stärken soll und deutlich mehr Anstrengungen in Information, Prävention, Regulation, konsequenter Kontrolle der Anbieter und Unterstützung der Betroffenen einfordert. Denn Tatsache sei, so Brosowski: „Bis jetzt funktioniert der gelebte Spielerschutz überhaupt nicht.“

An erster Stelle steht auf der Maßnahmenliste die schulische und außerschulische Prävention. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen müsse das Bewusstsein gegenüber der Entstehung von Glücksspielproblemen nachhaltig erhöht werden, heißt es in dem gemeinsamen Papier. Weiter fordert die Gruppe eine deutliche Reduktion der verfügbaren Glücksspielangebote – unter anderem durch das Verbot von Spielautomaten in Gaststätten, Mindestabstände von Spielhallen und Wettbüros sowie eine räumliche Distanz zu Schulen und Jugendeinrichtungen. Verbindliche personengebundene Spielerkarten und eine zentrale Sperrdatei wären nicht nur ein Instrument, um Spielersperren standortunabhängig umsetzen zu können. Durch persönliche Zeit- und Einsatzlimits könnten sie den Spielern auch eine Möglichkeit der freiwilligen Selbstkontrolle geben. Die Arbeitsgruppe plädiert außerdem für die Einrichtung einer bundesweit zuständigen Glücksspielbehörde, die die Kompetenzen besser und effektiver bündeln würde. Die Einhaltung von Jugend- und Spielerschutz müsste über verdeckte und unangekündigte behördliche Kontrollen geprüft und Verstöße konsequent sanktioniert werden. Und schließlich müssten Investitionen in das Angebot an qualifizierten Ausstiegshilfen und in die wissenschaftliche Forschung erhöht werden. Auch für den Bereich der Online-Spiele seien durchaus effektive Schutzmechanismen denkbar, so Brosowski. Dicke Bretter, weiß der Suchtforscher. „Aber die Hände über den Kopf zu schlagen und zu sagen: Wir können nichts machen, ist ja auch keine Lösung.“

Viele Informationen zum Thema, Ansprechpersonen für Betroffene und Angehörige bietet die Internetseite www.gluecksspielsucht-bremen.de. Der Wortlaut der „Sieben Empfehlungen“ findet sich auf der Internetseite www.praeventionsrat-bremen-west.org (unter „Aktivitäten“/AG Glücksspiel).
„Das sind die Stadtteile, in denen die Spielhallen aufgeploppt sind.“ Tim Brosowski
„Wir können nichts machen, ist ja auch keine Lösung.“ Tim Brosowski

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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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