Wetter: Regen, 9 bis 17 °C
Blaumeier
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Walles wohl wunderbarster Waschsalon

Sigrid Schuer 18.09.2019 0 Kommentare

Waschechte Bühnenkunst: Die Schauspieler Brigitte Helga Lampe und Heinz Wolfgang Grolewsky.
Waschechte Bühnenkunst: Die Schauspieler Brigitte Helga Lampe und Heinz Wolfgang Grolewsky. (MARIANNE MENKE)

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“, philosophiert die Marschallin in Richard Strauss‘ Oper „Der Rosenkavalier“. Um dieses sonderbare Ding dreht sich auch die Blaumeier-Produktion „30 Grad, 60 Grad, 90 Grad“. Die Regisseurinnen Andrea Herbst, Olga Bauer und Selin Portele haben einen Abend mit Impro-Stücken von je 30 Minuten Länge inszeniert.

Ungestüm stürmt die kecke junge Rosie (Tanja Peschke) in Blaumeiers wunderbaren Waschsalon, in dem sich die Kurz-Dramolette abspielen. Goldene Ballerinenschühchen, rosa Glitzerrock. Den weißen Schleier zaubert sie nebst Waschmittel aus dem Wäschesack. Wer weiß, wer ihr an diesem Ort noch so alles begegnen wird. Ihr Ziel hat sie fest ins Auge gefasst: „Ich will heiraten“. Ein Tango argentino schmachtet aus den Lautsprecherboxen samt Texten über das Begehren und die Liebe des Lebens. Und das könnte jedes Wesen sein, das im Salon aufkreuzt. Wenig geeignet erscheint Kandidat Nummer 1, ein kurz vor dem Burnout stehender Betriebshektiker (André Woiczik), der ständig Kraftausdrücke und „ich habe keine Zeit!“ in sein Smartphone brüllt. Das einzige, was er von seiner Nachbarin will, ist ihr Waschmittel. Am Ende stellt sich heraus, dass er es wohl doch nicht so mit Frauen hat. Genauso wie der erste Zeitreisende (Andreas Hallmen), der sich mit seinem Kollegen (Thomas Hoppe) im Zeitlupen-Tempo aus der Waschmaschine windet. Seine Ansage auf ihre Annäherungsversuche: „Du bist echt charmant, aber ich steh’ nun mal auf Männer“. So geht Rosie erst einmal mit dem Publikum auf Kuschelkurs.

Der zweite, außerirdische, Kandidat, erliegt ihrem Charme. Es folgt ein Happy End samt Film-Kuss und ein kleines Wunder: Die Zeit, die zuvor noch unerbittlich weiter tickte, steht plötzlich still und lässt Raum für eine eher düstere Vision: ein Blick in das Jahr 2260, in dem die Klima-Apokalypse Wirklichkeit geworden ist. Die glühende Erde ist vermüllt, die Ozeane sind mit Plastik verseucht. Doch die Liebe als Sprache des Universums ist samt Popsong „Sugar baby love“ mit Glück stärker als alle Endzeit-Horror-Szenarien. Ungemein kurzweilig und humoristisch ist das alles.

Von zarter Melancholie und Sentimentalität umflort ist dagegen die Begegnung von zwei älteren Menschen im Waschsalon. Auch sie empfinden die Zeit als ein „sonderbar Ding“. Er: „Ohne sie wäre alles nichts. Es gäbe kein Leben und keinen Tod.“ Rührend kümmert sich der alte Herr zunächst um die leicht disparat wirkende ältere Dame, die verunsichert an ihrem Kleid herumzupft. Sie ist auf der verzweifelten Suche nach ihrer Lieblingskette, die ihr einst ihr Vater geschenkt hat. „Das ist das Wichtigste, was ich habe“, sagt sie weinerlich. Doch die Kette ist weg. Er beschwichtigt sie schließlich, dass sie sie weiterhin in ihrem Herzen tragen wird.

Dafür haben die beiden, aus denen nach diesem Abend vielleicht doch ein Pärchen werden könnte, etwas viel Schöneres erlebt: Sie haben einander nach Jahrzehnten wiedergefunden. Die beiden Bühnenkünstler Heinz Wolfgang Grolewsky und Brigitte Helga Lampe agieren mit großer Glaubwürdigkeit. Und er schmachtet seine Helga berlinernd wie damals zärtlich an: „Diese Oogen! Mensch, ick freu mir!“ Aufgewachsen im gleichen Berliner Kiez, in Wilmersdorf, aber in völlig unterschiedlichen Lebenswelten.

Näher kamen sich die Kinder dann beim Spielen in den Ruinen und als sie in der Lungenklinik ihre Tuberkulose-Erkrankung gemeinsam auskurierten. Nur widerwillig lässt sie es geschehen, dass er mit weißen Bett-Tüchern dieses Szenario nachspielt. Ja, die Zeit ist ein sonderbar Ding und „beim Erinnern wählen wir aus, verharmlosen und verherrlichen die eigene Realität“.

Der niedrigste Waschgang dieses dreigeteilten Theaterabends erinnert in seiner philosophischen Handlungsarmut an Becketts „Warten auf Godot“. Immer wieder sinnieren die Akteure (Rognvald von Seleski, Sven Halberstadt, Markus Pöhlmann und Hajo Krukenberg) über den Verlauf und den Wert von Zeit und, was an verschiedenen Orten auf der Welt zeitgleich passiert.

Blaumeiers theatrale Betrachtung der Zeit hat am Freitag, 20. September, um 20 Uhr im Theatersaal des Blaumeier-Ateliers, Travemünder Straße 7a Premiere. Weitere Aufführungen: Sonnabend, 21., Freitag, 27. und Sonnabend, 28. September, jeweils um 20 Uhr. Am den Sonntagen 22. und 29. September, um 18 Uhr. Tickets gibt es im Blaumeier-Atelier unter Telefon 8 35 06 66 oder online unter
tickets@blaumeier.de sowie bei Nordwest Ticket, Telefon 36 36 36. Sie kosten 15 Euro, ermäßigt sechs Euro.


Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 17 °C / 9 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Gewitter.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 70 %
Berichte aus den Bremer Stadtteilen
Sehen Sie in dieser Bildgalerie, wie facettenreich Bremens Stadtteile sind.
Was ist los in meiner Nachbarschaft? Welche Veranstaltungen finden in meinem Ortsteil statt und welche Debatten führen die Beiräte auf Stadtteilebene? Hier geht es zu den Inhalten des STADTTEIL-KURIER.
Entdecken Sie das historische Bremen
... die Teerhofinsel zu sehen.

Ob Bahnhof, Marktplatz, Weserstadion oder Schlachte: Das Bremer Stadtbild hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Wir berichten über vergessene Bauten, alte Geschichten und historische Ereignisse.

Leserkommentare
frankmichael am 18.10.2019 19:13
Zitat: "Nach Überzeugung der Staatsanwälte hätte er jederzeit um Versetzung an die Front bitten können" sagen die Staatsanwälte.
M.E. eine ...
Video2000 am 18.10.2019 19:07
Zynisch könnte man sagen, in vielen Schulen in BHV siehts ja nicht besser aus. Nein, man hat schon viel zu viel Geld in dieses "Wahrzeichen" ...
Sporttabellen & Ergebnisse
Sporttabellen & Ergebnisse

Welcher Verein wann in Bremen oder der Region spielt und wie die Begegnung ausgegangen ist, erfahren Sie in unserem Tabellenbereich. Auch die Ergebnisse der Spiele der höheren Ligen finden Sie dort.

Aktueller Mittagstisch in Bremen
Traueranzeigen
job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Sonderthemen aus den Stadtteilen
Sonderthemen aus den Stadtteilen
Anzeige