Dynamik lässt nach

Städteranking: Lebensqualität in Bremen verbessert sich

Lebensqualität top, Dynamik flop - zu diesem Ergebnis für Bremen kommt das Städteranking des Instituts der deutschen Wirtschaft und der "Wirtschaftswoche".
21.11.2019, 10:23
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Städteranking: Lebensqualität in Bremen verbessert sich
Von Stefan Lakeband
Städteranking: Lebensqualität in Bremen verbessert sich

Die Überseepromenade an der Weser.

Christina Kuhaupt

Wenn es Abend in der Innenstadt wird und ein Geiger die wenigen Passanten auf dem Marktplatz mit seiner Musik beglückt, wenn die Stadtmusikanten angestrahlt werden und ihren langen Schatten auf das Pflaster werfen, wenn von der anderen Weserseite der Geruch des Bierbrauens rüberweht – wenn all das passiert, dann kann man das schön finden oder auch nicht. Das Lebensgefühl in einer Stadt, ihre Eigenschaften und ihre Qualität, lassen sich mit solchen Eindrücken schwer bewerten. Es gibt aber noch andere Faktoren, die etwas über einer Stadt aussagen. Solche, die sich anhand von Zahlen festmachen lassen. Auf die greift nun ein Städteranking zurück, das an diesem Donnerstag veröffentlicht wurde.

Bremen kommt dabei zu einem Ergebnis, das auf den ersten Blick als kurios bezeichnet werden könnte. Die Autoren der Studie bescheinigen der Stadt eine gestiegene Lebensqualität – gleichzeitig habe die Stadt aber an Dynamik verloren.

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Erstellt wurde das Ranking durch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Zusammenarbeit mit der „Wirtschaftswoche“ und dem Internet-Portal Immobilienscout24. Als Merkmale für die Lebensqualität sehen die Forscher Fakten, die den Alltag der Bürger beeinflussen – eine schöne Innenstadt und wohlige Gerüche gehören demnach nicht dazu. Stattdessen fließen aber etwa die Ärztedichte, die Versorgung mit Kita-Plätzen, die Lebenserwartung, die Geburtenrate, der Anteil der naturnahen Fläche und die Zahl der Gästeübernachtungen in das Ergebnis. In dieser Kategorie landet Bremen im Vergleich mit 70 anderen deutschen Städten auf Platz 17. Im Vorjahr reichte es in dieser Kategorie nur zum 30. Platz. Vor allem die Entwicklung bei den Straftaten dürfte das Ergebnis positiv beeinflusst haben. Sie sind laut Studie seit 2013 gesunken.

Abgestiegen ist Bremen jedoch in einer anderen Rubrik: in der Dynamik. Hierbei haben die Autoren bewertet, wie sich einzelne Faktoren in den vergangenen fünf Jahren entwickelt haben, dazu zählen etwa der Arbeits- und der Immobilienmarkt. Bremen rutschte von Platz 36 auf Platz 57 ab. Vor allem die Entwicklungen beim Neubau von Wohnungen und die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss hat das Ergebnis gedrückt.

Gegenwärtig im Mittelfeld

Besser sieht es hingegen beim Ist-Zustand aus. Hier landet Bremen mit Rang 45 im Mittelfeld. Anders als beim Niveau-Ranking wird hier nicht die Entwicklung bestimmter Faktoren bewertet, sondern der gegenwärtige Zustand. So spiegelten etwa die Mietpreise und die Vermarktungszeit die Attraktivität des Wohnungsmarkts einer Stadt wider, heißt es in der Untersuchung. Um die Leistungsfähigkeit des Arbeitsmarkts einzuschätzen, fließen etwa die Pendlerquoten in die Untersuchung ein. Beim Gewerbesaldo ist Bremen laut Studie sogar bundesweit führend. Der Wert gibt das Verhältnis zwischen neu angemeldeten und abgemeldeten Unternehmen an.

Ungefähr gleich – Platz 44 – steht Bremen bei der Zukunftsfähigkeit da. Hier haben die Autoren überprüft, wie gut deutsche Großstädte auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet sind. Schlaglichter, die das Bremer Ergebnis beeinflussten, sind die vergleichsweise hohe Zahl an Beschäftigten in der Industrie 4.0, die Zahl der Forschungsinstitute und die Ingenieursquote. Schlecht schnitt Bremen jedoch bei der Zahl der Patente und der Opern- und Theatergänger ab.

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Ähnlich durchwachsen schneiden auch die Städte in Niedersachsen ab: So ist Wolfsburg im Dynamik-Ranking von Platz fünf auf 49 abgestürzt. In puncto Zukunftsfähigkeit und bei der aktuellen Lage steht die Stadt landesweit mit Platz sieben allerdings am besten da – und damit weit vor der Region Hannover (Platz 46) und Oldenburg (Platz 22).

Unverändert in der Topliga spielt München. Die bayerische Landeshauptstadt landete bei der aktuellen Lage das siebte Mal in Folge auf dem Siegertreppchen. Die einmalige Kombination aus hoch leistungsfähiger Wissenschaft und wettbewerbsfähiger Wirtschaft wirke „wie ein Turbo für den Großraum München“, sagt Hanno Kempermann von IW Consult. Auf Spitzenreiter München folgen auf den Plätzen zwei und drei Erlangen und Stuttgart. Unter den Top zehn befinden sich auch die Bankenmetropole Frankfurt sowie Hamburg, Regensburg, Würzburg und Ulm. Am unteren Ende der Tabelle verharren Bremerhaven (Rang 69) sowie die Ruhrgebietsstädte Herne (70) und Gelsenkirchen (71).

Schlusslichter im Ruhrgebiet

Großstädte des Ruhrgebiets bilden seit Jahren die Schlusslichter des Städterankings. Dennoch sieht Kempermann Chancen für die Region. Als Pluspunkte nennt er unter anderem vergleichsweise günstigen Wohnraum, kulturelle Offenheit, eine dichte Besiedlung, spezialisierte Fachkräfte, Universitäten und Forschungsinstitute, sowie Flughäfen.

Am besten gerüstet für die Zukunft ist der Analyse zufolge weiterhin Darmstadt. „Die südhessische Stadt ist Sitz einer großen Anzahl erfolgreicher und hoch innovativer Unternehmen“, sagt Kempermann. Dazu zählt unter anderem der Pharma- und Chemiekonzern Merck. Auf den weiteren Plätzen folgen München, Erlangen, Stuttgart und Jena.

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Ein neues wirtschaftliches Kraftzentrum ist aus Sicht der Studie in Mittelfranken um die Städte Erlangen, Nürnberg und Fürth entstanden. Die Region hatte einen harten Strukturwandel durchlebt. Konzerne wie Grundig oder Quelle, die in Fürth ansässig waren, existieren nicht mehr. Die frühe Konzentration auf Zukunftstechnologien wie Medizintechnik habe jedoch bei der Bewältigung des Wandels geholfen.

Berlin hat die Forscher – 30 Jahre nach dem Mauerfall – von seiner Dynamik überzeugt und führt hier bundesweit den Vergleich der 71 kreisfreien deutschen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern an. Vor allem auf dem Arbeits- und Immobilienmarkt sei das Tempo deutlich gestiegen, heißt es in der Untersuchung. Von 2012 bis 2017 seien rund 250.000 Menschen mehr nach Berlin gezogen als abgewandert.

+ + Dieser Text wurde um 19.22 Uhr aktualisiert + +

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