Serie „Die Brinkmänner“ Ständiger Nachschub aus aller Welt

Um die Tabakeinlagerung bei der Firma Martin Brinkmann AG in Bremen-Woltmershausen kümmerte sich viele Jahre der Küper Gerd Svoboda. Sein Kollege Heiner Ritter war Tabakeinkäufer in Griechenland.
21.06.2019, 18:14
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Ständiger Nachschub aus aller Welt
Von Detlev Scheil

Nach dem Schulabschluss stand für Gerd Svoboda fest: „Ich will Küper werden.“ Heute ist dieser Beruf kaum noch bekannt. Doch als in den bremischen Häfen noch richtig Betrieb herrschte, waren diese Männer als Fachleute für die Wareneinlagerung gefragt. Mit Schiffen erreichten große Mengen Rohtabak aus aller Welt die Hansestadt. Der Bestimmungsort hieß meist: Martin Brinkmann AG in Woltmershausen.

„Als Container noch nicht üblich waren, waren die Tabakblätter in Kisten oder Kartons verpackt, teilweise auch nur zu Bündeln zusammengeschnürt. Aus den USA wurde der Tabak dagegen nur in Holzfässern geliefert“, berichtet Svoboda. Seine Küper-Lehre hatte er 1960 bei einer Firma im Hafengebiet absolviert. Mit Tabak-, Tee- und Kaffee-Importen hatte er dort täglich zu tun. Nach der Lehre wechselte Svoboda 1964 zu Brinkmann und arbeitete zunächst weiter am Überseehafen, wo Brinkmann Lagerflächen angemietet hatte.

Dann errichtete die Zigaretten- und Tabakfabrik auf ihrem Woltmershauser Areal drei mächtige Speichergebäude, jeweils 125 Meter lang und 25 Meter hoch, um die Lieferungen aus aller Welt aufzunehmen. Bis zu 35 Millionen Kilogramm Tabak konnten dort untergebracht werden. Es wurden riesige Tabakvorräte für mindestens neun Monate angelegt, um Produktionssicherheit zu haben. Eines der Lagerhäuser war speziell für die Aufnahme der amerikanischen Tabakfässer gebaut und ausgerüstet worden. „In den USA wurde ein Vorbild dafür angeschaut und hier nachgebaut“, berichtet Svoboda, der heute in Habenhausen wohnt.

Das Holz zahlreicher Fässer ist in Woltmershausen noch heute vorhanden – als verbautes Material für Parzellenhäuschen oder Gartenzäune. „Das hochwertige Holz wurde von der Firma Brinkmann an die Beschäftigten verschenkt“, erzählt Gerd Svoboda.

Die Tabakfachleute für die Einlagerung mussten die Übersicht behalten, an welcher Stelle sich welche Sorte befand – ob Burley aus Malawi, Orient aus der Türkei oder Virginia aus den USA, um nur die wichtigsten Sorten zu nennen. Sie überprüften auch ständig, ob die Qualität des Tabaks einwandfrei war. Es musste vermieden werden, teilweise verschimmelte oder mit Tabakkäfern befallene Ballen einzulagern. Weil die Fabrik viele Zigaretten- und Rauchtabaksorten produzierte, sei es wichtig gewesen, vorausschauend zu arbeiten, betont Svoboda. Die Tabakkomponenten für jede Marke, die an einem bestimmten Tag dran war, mussten vorsortiert bereitgestellt werden, damit sie in der richtigen Reihenfolge direkt in den Produktionsprozess der Fabrik eingebracht werden konnten.

Obwohl Mitte der 80er-Jahre die Zigarettenproduktion komplett nach Berlin verlagert wurde, blieb auch wegen der Hafennähe und der bewährten Speicher die umfangreiche Tabak-Lagerhaltung noch bis 2009 in Bremen. „Die hier eingelagerten Tabaksorten mussten dann jeweils zeitgerecht per Lkw nach Berlin gebracht werden“, so Svoboda. Wurde es zeitlich eng, wurde der Tabak per Flugzeug nach Berlin transportiert.

Als Heiner Ritter 1963 seine kaufmännische Lehre bei Brinkmann begann, ahnte er nicht, wie weit er herumkommen würde. Nach der Lehrzeit wurde er in der Rohtabak-Abteilung eingesetzt, die für reiselustige junge Leute die begehrteste Firmensparte war. „Dann wurde ich nach Griechenland geschickt“, berichtet der Oberneulander Rentner. Er sollte erfahrenen Tabakeinkäufern über die Schulter schauen und bei einer griechischen Kooperationsfirma Erfahrungen sammeln, worauf es im Rohtabak-Handel ankommt.

Kaum war Ritter nach Bremen zurückgekehrt, erhielt er das Angebot, für längere Zeit nach Griechenland zu gehen. Er willigte ein – und blieb sechs Jahre dort, bis 1976. „Ich musste mit den griechischen Bauern über Preise verhandeln, die Tabakqualität überprüfen, Proben ziehen und den Export nach Deutschland vorbereiten“, erzählt Ritter, der insgesamt 43 Jahre lang bei Brinkmann beziehungsweise den Nachfolgefirmen Rothmans und BAT arbeitete. Insgesamt sei es eine gute Zeit bei einem großzügigen Arbeitgeber gewesen, resümiert der Ruheständler.

Für den Tabakeinkauf reiste Ritter von Griechenland aus auch in die Türkei und nach Bulgarien, aus beiden Ländern bezog Brinkmann große Mengen Tabak. Der Ablauf sei im Grunde immer gleich gewesen: Wenn Brinkmann einem Bauern zum Beispiel 50 Tonnen Tabak abkaufen wollte, seien auf Zufallsbasis 20 Ballen herausgepickt und genau auf ihre Qualität untersucht worden. Und es seien Proben genommen worden, die per Flugzeug nach Bremen zum Proberauchen geschickt wurden. Erst wenn die Brinkmann-Zentrale grünes Licht gab, konnte der Kauf perfekt gemacht werden.

Ab 1976 kümmerte sich Ritter in Woltmershausen um das sogenannte Blending, also die Zusammenstellung der Mischungen für die Zigaretten. „Für eine Marke werden 30 bis 40 verschiedene Tabaksorten aus aller Welt verwendet“, so Ritter. An Verbesserungen und neuen Marken sei ständig gearbeitet worden. Nicht immer seien Markteinführungen erfolgreich verlaufen. „Die mit großem Werbeaufwand gestartete Zigarettenmarke Condor erwies sich als Niete“, resümiert Ritter. Sie wurde hektisch wieder vom Markt genommen, als stark öffentlich kritisiert wurde, dass der Name an Hitlers Legion Condor, einen deutschen Luftwaffen-Verband im Spanischen Bürgerkrieg, erinnere.

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