Ehresmann leitet Gedenkstätte Stalag XB nahe Sandbostel

Altstadt. Nahe Sandbostel, südlich von Bremervörde gelegen, befand sich im Zweiten Weltkrieg eines der größten Kriegsgefangenenlager - das Stalag XB. Bei "Wissen um elf" im Haus der Wissenschaft berichtete Andreas Ehresmann, Projektkoordinator der Stiftung Lager Sandbostel und Leiter der Gedenkstätte, über den Weg vom Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager zur Gedenkstätte. "Geschichte und Transformation eines verdrängten Ortes" lautete der Untertitel des Vortrags.
14.03.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Solveig Rixmann

Altstadt. Nahe Sandbostel, südlich von Bremervörde gelegen, befand sich im Zweiten Weltkrieg eines der größten Kriegsgefangenenlager - das Stalag XB. Bei "Wissen um elf" im Haus der Wissenschaft berichtete Andreas Ehresmann, Projektkoordinator der Stiftung Lager Sandbostel und Leiter der Gedenkstätte, über den Weg vom Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager zur Gedenkstätte. "Geschichte und Transformation eines verdrängten Ortes" lautete der Untertitel des Vortrags.

Andreas Ehresmann hat Architektur, Politik und Geschichte studiert. Vor seiner Arbeit an der Gedenkstätte Sandbostel, die er 2007 antrat, war er sieben Jahre lang an der KZ Gedenkstätte Neuengamme tätig.

35 Hektar war das Gelände des Kriegsgefangenenlagers Sandbostel groß. In vier Blöcken für je 2500 Gefangene bot es Platz für 10000 Kriegsgefangene. Etwa eine Million Kriegsgefangene und Internierte durchliefen das Lager. "Die Unterkunftsbaracken sind systematisch überbelegt worden", beschrieb Andreas Ehresmann die Zustände. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurden viele Häftlinge in andere Lager gebracht und sowjetische Kriegsgefangene eingeliefert. Die sowjetischen Gefangenen wurden laut Ehresmann systematisch unterversorgt, nicht so die westlichen Gefangenen.

Ab dem 12. April 1945 wurde das Kriegsgefangenenlager Sandbostel auch zum Auffanglager für etwa 10 000 Häftlinge des KZ Neuengamme. "Die Bedingungen im KZ Auffanglager waren katastrophal", sagte Andreas Ehresmann. Die Menschen waren unterernährt, es gab keine medizinische Versorgung, Typhus grassierte. Allein in der kurzen Zeit des Auffanglagers, bis zur Befreiung am 29. April 1945, starben etwa 3000 Inhaftierte.

Aus Angst vor einer Typhus-Epidemie brannte die britische Armee dann Teile des Lagers nieder. Nach Schätzungen starben in Sandbostel zwischen 8000 und 50000 Gefangene. "Je nach politischer Couleur", erklärte Andreas Ehresmann die enormen Abweichungen.

Anschließend wurde das Gelände als britisches Internierungslager für SS-Führer und NS-Funktionäre genutzt. Dann war es Außenstandort des Zuchthauses Celle, von 1952 bis 1960 dann Durchgangslager für jugendliche DDR-Flüchtlinge und anschließend Bundeswehrdepot. 1974 wurde das Gelände privatisiert und in ein Gewerbegebiet umgewandelt. "Knapp 20 Baracken blieben aber erhalten", berichtete Andreas Ehresmann. Darunter der Eingang und die Desinfektion. Seit 1992 stehen diese Gebäude unter Denkmalschutz.

"Der memoriale Fokus wurde auf den Friedhof gelegt", erläuterte Andreas Ehresmann. Ein Gedenken an der Stelle des Lagers selbst war zunächst nicht erwünscht. Alle dort Verstorbenen wurden in den 1950er-Jahren auf den Friedhof umgebettet. Dort befand sich auch die Kriegsgräberstätte. Derartige Gedenkstätten würden für bei Kriegshandlungen Getötete eingerichtet, verdeutlichte Andreas Ehresmann. Die Häftlinge im Stalag XB aber seien nicht in einem Gefecht oder bei einem Angriff gestorben. 53 Massengräber seien außerdem oberirdisch zusammengefasst worden - und ließen die Zahl der Toten kleiner erscheinen.

Bereits im Jahre 1975 wurde in einer Kundgebung der im Stalag XB umgekommenen Häftlinge gedacht. Anfang der 1980er-Jahre forderten lokale Initiativen erstmals eine Gedenkstätte. Der Prozess war langwierig und stieß auf massiven Widerstand in Sandbostel. Der Verein Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel konzipierte eine Wanderausstellung, die später an einem festen Ort in Bremervörde ausgestellt wurde. Sie wurde zur Kommunikationsbasis.

2004 eskalierte die öffentliche und kontrovers geführte Diskussion. Um die Lage zu beruhigen, wurden Mediatoren eingesetzt. Die Diskussion führte zur Gründung der Stiftung Lager Sandbostel. Erklärtes Ziel ist die Erinnerung an das Lager und der Erhalt der Gebäude. Angrenzende Flächen wurden zurückgekauft. 2007 begann die Stiftung mit den ersten Sanierungsarbeiten. Die Eröffnung der Gedenkstätte ist für April 2013 vorgesehen.

Die Gedenkstätte, Greftstraße 5, in Sandbostel, und die Dauerausstellung sind am Sonntag, 27. März, von 12.30 bis 17 Uhr wieder geöffnet. Nähere Informationen über die Stiftung Lager Sandbostel gibt es unter der Telefonnummer 04764/810520 und im Internet auf der Website www.stiftung-lager-sandbostel.de.

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