Urteil am Landgericht Stalkerin in Psychiatrie eingewiesen

Das Gericht stuft die Angeklagte als gefährlich für die Allgemeinheit ein und ordnet ihre stationäre Unterbringung an. Ob diese von langer Dauer sein wird, liegt in erster Linie an ihr selbst.
23.03.2017, 16:57
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Stalkerin in Psychiatrie eingewiesen
Von Ralf Michel

Das Gericht stuft die Angeklagte als gefährlich für die Allgemeinheit ein und ordnet ihre stationäre Unterbringung an. Ob diese von langer Dauer sein wird, liegt in erster Linie an ihr selbst.

Die Angeklagte könnte längst auf freiem Fuß sein. Könnte, wenn auch unter Aufsicht, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen. Wenn sie denn einsehen würde, dass sie krank sei und Medikamente benötige, betonte der Vorsitzende Richter, Thorsten Prange, bei der Urteilsverkündung. Da sie dies jedoch ablehne, bleibe dem Gericht keine Wahl, als die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik anzuordnen. Die 48-jährige Stalkerin leide unter einer krankhaften seelischen Störung und stelle ohne ärztliche Behandlung eine Gefahr für die Allgemeinheit dar.

Auch eine Bewährungsstrafe schloss das Gericht aus. „Das ist bitter für Sie und tut uns auch Leid“, räumte Prange ein. „Aber unter den jetzigen Bedingungen können wir das nicht verantworten.“ Der Hass auf ihren langjährigen Partner sei so massiv, dass sie phasenweise jegliche Hemmung und Kontrolle verliere. Was weder mit schlechtem Charakter noch mit krimineller Gesinnung zu tun habe, sondern allein mit ihrer Krankheit, stellt Prange klar. Doch dies ändere nichts an der Gefahr, die von der 48-Jährigen für andere ausgehe. Ihr innerer Handlungsdruck werde immer weiter steigen, hatte die medizinische Sachverständige hierzu ausgeführt. Es sei mit Gewalttaten zu rechnen. Bis hin zu Tötungsdelikten.

Mit diesem Urteil endete am Donnerstagmorgen im Landgericht ein über Monate hinweg mit äußerster Verbissenheit und Härte geführter Prozess. Er habe den Eindruck gehabt, dass von der Verteidigung und seitens eines Unterstützerkreises der Angeklagten geradezu ein Feldzug gegen die forensische Klinik und die Justiz geführt werden sollte, erklärte Richter Prange. Und dass dabei die Krankheit der Angeklagten, ihre eigentlichen Bedürfnisse, in den Hintergrund getreten seien.

Wegen Krankheit schuldunfähig

Alle Angebote des Gerichts mit dem Ziel, zu einer effektiven Therapie für die 48-Jährige zu kommen, seien mit Befangenheitsanträgen quittiert worden. Natürlich sei diese Art der Alles-oder-nichts-Strategie nach der Strafprozessordnung zulässig. Erstaunlich sei sie trotzdem, so Prange. „Denn eigentlich sind sich doch alle einig, dass die Angeklagte schwer krank ist.“ Schließlich hätten auch die Verteidiger der Frau in ihren Plädoyers mit Blick auf die psychischen Probleme ihrer Mandantin deren Schuldunfähigkeit geltend gemacht.

Folgerichtig endete das Verfahren wegen der strafrechtlichen Vorwürfe gegen die Frau mit einem Freispruch. Das Gericht sah es zwar als erwiesen an, dass sie ihrem ehemaligen Freund mit Anrufen, Text-Nachrichten und Mails regelrecht bombardiert hatte, dass sie seinen Wagen mit einem Hammer zertrümmert sowie mit Kot und gebrauchten Tampons beschmiert und die Familie seines Bruders bedroht hatte – „ich will Gerechtigkeit, ich schlitze die Kinder auf“. Doch all dies habe sie in einem Zustand der Schuldunfähigkeit getan.

Die Richter billigten der Frau zu, emotional wesentlich mehr in die über zehnjährige Beziehung zu ihrem Freund eingebracht zu haben. Und dass seine Beendigung der Partnerschaft am Telefon für sie äußerst schmerzhaft gewesen sei. Doch dies ändere nichts an der Einschätzung, dass der Mann zu den einzelnen Vorfällen vor Gericht die Wahrheit gesagt habe. „Und wir hatten auch überhaupt keine Zweifel an der Aussage seines Bruders und dessen Frau, was die Bedrohung der Kinder betrifft.“

Entscheidend für die Anordnung der stationären Unterbringung sei allerdings selbst dies nicht gewesen, erläuterte der Vorsitzende Richter. Die sei vielmehr mit ihrem Verhalten zu genau dem Zeitpunkt des Verfahrens zu begründen, als sich das Blatt zu wenden schien. Im Januar, nach mehreren Monaten Unterbringung in der Psychiatrie, attestierte die medizinische Sachverständige der 48-Jährigen, inzwischen so viel Abstand zu der Angelegenheit gewonnen zu haben und so weit gefestigt zu sein, dass sie aus der Klinik entlassen werden könne. Dies sei ein Vertrauensvorschuss gewesen, so Prange. „Für uns war die Sache damit abgehakt. Wir waren überzeugt, dass sich für sie nun alles zum Guten wendet.“

Im Grunde sei das Verfahren damit auf eine kleine Geldstrafe zugelaufen, erläuterte der Richter. Doch einmal auf freien Fuß, habe die Angeklagte erneut ihren Ex-Freund bedroht. „Sie konnten nicht einmal auf das gute Ende des Prozesses warten. Der Handlungsdruck war zu dominant.“

Die Wende zum Guten verpasst

Postwendend ordnete das Gericht die erneute Unterbringung der Angeklagten an. Auch weil die Verschlechterung ihres Gemütszustandes in der kurzen Zeit der Freiheit selbst für Laien erkennbar gewesen sei. Was ein erneutes medizinisches Gutachten bestätigte: Ihre Psychose habe sich weiter gefestigt, nach ihrer Entlassung habe sich unmittelbar eine neue Krankheitsdynamik aufgebaut, hieß es darin.

Damit habe für das Gericht kein Weg an der Unterbringung vorbei geführt, erklärte Prange. Die aber müsse nicht von langer Dauer sein, versuchte sich der Vorsitzende Richter direkt an die Angeklagte gewandt ein letztes Mal als Brückenbauer. Die Sachverständige habe mehrfach betont, dass eine Therapie sehr gute Erfolgsaussichten hätte. „Wir würden uns deshalb sehr wünschen, dass Sie sich wenigstens versuchsweise doch auf eine Medikation einlassen.“

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