Havenhaus und „Grauer Esel“ in Vegesack

Standlust-Chef übernimmt Historie

Strandlust-Geschäftsführer Philipp Thiekötter pachtet zum 1. Oktober 2016 die Traditionshäuser „Grauer Esel“ und das Hotel-Restaurant Havenhaus in Vegesack mit seinen zwanzig Hotelzimmern.
29.09.2016, 00:00
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Von Volker Kölling
Standlust-Chef übernimmt Historie

Philipp Thiekötter will die Tradition wahren, plant aber langfristig auch Neuerungen.

Volker Kölling coast communication

Strandlust-Geschäftsführer Philipp Thiekötter pachtet nun zum 1. Oktober 2016 die Traditionshäuser „Grauer Esel“ und das Hotel-Restaurant Havenhaus in Vegesack mit seinen zwanzig Hotelzimmern.

Das Personal wechselt nach Thiekötters Worten mit dem bisherigen Pächter in dessen weitere Gastronomiebetriebe. „Dass die Leute mitgehen, hat sich erst spät herausgestellt und bedeutet für uns jetzt natürlich erhebliche Mehrarbeit. Aber man kann ja auch ein paar Wochen schneller schlafen,“ sagt ein gut gelaunter Philipp Thiekötter wenige Tage, nachdem die Tinte unter den Verträgen trocken ist. Unter Hochdruck muss er nun gute Leute für Küche und Service finden, will anfangs aber auf jeden Fall auch auf sein Strandlust-Personal zurückgreifen. Das Vegesacker Traditionshotel direkt an der Fähre hat der in St. Magnus aufgewachsene Thiekötter vor nunmehr zehn Jahren übernommen. Das Angebot zur Übernahme des Havenhauses und des Restaurants „Grauer Esel“ kam jetzt über eine Projektagentur.

„Wir haben natürlich gerechnet. Und ich habe sofort gesagt: Das wird eine tolle Sache, die unser Portfolio perfekt ergänzt“, ist sich Thiekötter sicher. Aus der Nähe zum Haupthaus Strandlust ergäben sich Synergieeffekte etwa in der Verwaltung und im Ein- und Verkauf. Die Rezeptionsdienste etwa bei der Buchung der Hotelzimmer im Havenhaus will der Hoteldirektor künftig über die Strandlust abwickeln.

Die Einrichtung der beiden Traditionshäuser will Thiekötter erst einmal belassen, wie sie ist. „Aber natürlich haben wir langfristig schon Ideen, etwas Neues reinzubringen. Und für einige sinnvolle Investitionen.“ Hier und da würden sich nun die Gesichter für die Stammkunden ändern, „aber das wird nicht zum Negativen sein“. In der Karte des Restaurants Havenhaus findet Thiekötter momentan eine gehobene norddeutsche Küche mit viel Fisch und einem leichten französischen Einschlag. Der „Graue Esel“ bedient laut Thiekötter eine gutbürgerliche Küche „mit Preisen, zu denen der Gast 'prima' sagt“. Die Ausrichtung soll auch erst einmal so weiterlaufen.

Mittelfristig überlegt Philipp Thiekötter aber schon, aus einem Bekenntnis zu absoluter Frische heraus die Karte im Umfang etwas einzudampfen: „Und dann kann man mit den Themen natürlich auch ein bisschen mehr spielen. Fisch wird dabei immer wichtig sein, aber vielleicht auch einmal ungewöhnlich dargeboten und etwas experimenteller. Jetzt gibt es hier in drei Häusern Scholle Finkenwerder Art. Das kann man heutzutage natürlich anders variieren.“

Dass Thiekötter sein Unternehmen nach der Strandlust und dem „Strandlust Boardinghouse“ noch um ausgerechnet diese beiden Häuser erweitert, erklärt sich aus seiner Sicht auch mit der Historie der Häuser: „Das sind echte Perlen der Gastronomie in Vegesack mit jahrhundertelanger Geschichte.“ Tatsächlich ist das Havenhaus von 1648 das älteste Vegesacker Haus am Hafen. Es wurde 25 Jahre nach dem Hafenbau für den Hafenmeister Bosche Hasselmann als Wohn- und Dienstgebäude gebaut. Der Hafenmeister war damals einer der wichtigsten Männer im Ort, sein Haus das einzige Amt. Die erwirtschafteten Überschüsse gingen an das Haus Seefahrt, welches den Hafen gebaut hatte.

Hasselmanns Nachfolger Heinrich Pundt erlebte 1671 die Übernahme des Hafens durch die Stadt Bremen. Aus diesem Jahr ist auch schon die Übergabe des Schankrechts an Pundt belegt, praktisch der Beginn der Gastronomie im Havenhaus. Den verheerenden Brand von 1719 überstand das Haus als eines der wenigen im Ort Vegesack durch seine Brandmauern und das Schindeldach. Die reetgedeckten Fachwerkhäuschen in der Nachbarschaft brannten komplett nieder. Die lange Tradition als Amtshaus spiegelte sich für den neuen Pächter jetzt auch bei den Vertragsverhandlungen wider. Mit ihm am Tisch saßen als Eigentümer die Vertreter der Wirtschaftsförderung Bremen.

Der „Graue Esel“ entstand 1777 als Stallgebäude des Havenhauses. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lohnte sich aber offenbar an dieser Stelle die Viehhaltung nicht mehr. Aus dem Stall wurde eine Hafenschenke, direkt an der Treppe hinunter zu den Torfkähnen, die den Brennstoff nach Vegesack brachten. Den Namen „Grauer Esel“ bekam das Lokal erst im Jahr 1910. Der berühmteste Stammkunde verriet sich erst 2001 in seiner Festrede zur Eröffnung der heutigen Jacobs University Bremen. Helmut Schmidt hatte in Grohn seinen zweijährigen Militärdienst als Rekrut abgeleistet. Vom Laufschritt und den Liegestützen in der Roland-Kaserne war der Altkanzler Jahrzehnte später immer noch nicht sonderlich begeistert. Die Strandlust, das Havenhaus und den Bierverleger Taake hatte er aber in bester Erinnerung. Und in den Saal hinein fragte er: „Gibt es am Vegesacker Hafen eigentlich noch den Grauen Esel?“

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