100 Jahre Bremer VHS

Standort Teerhof blieb Illusion

In einer fünfteiligen Serie würdigt der WESER-KURIER das 100-jährige Bestehen der Bremer Volkshochschule. Zum Auftakt erinnern sich langjährige Angestellte an die Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten.
29.07.2019, 09:00
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Von Anke Velten
Standort Teerhof blieb Illusion

Die langjährigen Mitarbeiter Renate Kösling und Werner Dammann gelten als Urgesteine der Bremer Volkshochschule.

Frank Thomas Koch

Bremen. Mit gerade einmal 25 Veranstaltungen und zwei Dutzend Lehrkräften fing es vor 100 Jahren an. Heute beschäftigt die Bremer Volkshochschule (VHS) 950 Dozentinnen und Dozenten, gut 100 Angestellte und fast 100 Freiwillige aus 58 Ländern und mit 53 Sprachen. Pro Jahr werden mit mehr als 5000 Veranstaltungen rund 60 000 Menschen erreicht.

Der Stundenplan wuchs in dieser Zeit vom dünnen Heftchen zu einem fast 300 Seiten starken Buch, und die VHS wurde zur mit Abstand größten Schule Bremens. Doch den einen Ort, an dem man sie hätte finden können, gab es fast 90 Jahre lang nicht. Stattdessen lehrte und lernte man in bis zu 250 Klassenzimmern, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt waren.

Bis zum Umzug ins Bamberger-Haus an der Faulenstraße vor zwölf Jahren war die Bremer Volkshochschule unter den bundesdeutschen Großstädten tatsächlich jahrzehntelang die einzige ihrer Art ohne eigenes Gebäude: Ein Alleinstellungsmerkmal, auf das man liebend gerne verzichtet hätte, berichtet Werner Dammann. „Die Räume zu organisieren war ein wahnsinniger Planungsaufwand”, erinnert sich der Leiter des Bereichs Verwaltung und Finanzen.

Unterrichtet wurde in Begegnungsstätten, Bürgerzentren, in Gemeinderäumen, Jugendfreizeitheimen, meist jedoch in Schulen. Wählerisch durfte man nicht sein. „Oft waren es Grundschulen, in denen die Kursteilnehmer auf Kinderstühlen saßen“, erzählt Dammann, der seit knapp 30 Jahren für die VHS tätig ist. Die Geschäftsstelle war in den Nachkriegsjahren mehrfach umgezogen und schließlich im Jahr 1972 an der Schwachhauser Heerstraße 67 gelandet.

Viele Besichtigungstermine

Für den Unterricht wurden in der alten Villa „zwei feuchte Kellerräume und ein umfunktioniertes Büro” genutzt, so Dammann. Allerdings durfte man damals noch die begründete Hoffnung hegen, dass es sich nur um eine befristete Zwischenstation handeln würde.

Bereits 1970 hatte die Stadt einen Gestaltungswettbewerb für ein „Volksbildungszentrum“ ausgelobt. Der geplante Neubau auf dem Teerhof wurde indes nie Wirklichkeit, sondern blieb Illusion. Stattdessen wurde die Schulleitung im Laufe der Jahre zu vielen Besichtigungsterminen eingeladen. Keine der vorgeschlagenen Optionen erwies sich als die Richtige – auch nicht die Nachbarschaft mit der Stadtbibliothek im Polizeihaus am Wall, die kurz nach der Jahrtausendwende geprüft und verworfen wurde.

Im Jahr 2005 stellte der Bremer Bauunternehmer Klaus Hübotter seine Pläne für den Wiederaufbau des ehemaligen Kaufhauses Bamberger vor, brachte auch gleich die VHS als Mieterin ins Spiel, und schloss damit einen historischen Kreis, erklärt Renate Kösling. “Julius Bamberger gehörte zur Gruppe liberal-fortschrittlicher Bremer Bürger, die sich 1919 für die Gründung einer Volkshochschule engagiert hatten.“ Zum Zuge kam allerdings die konservative Fraktion um den Oberlehrer Richard von Hoff, der sich als fanatischer Rassist entpuppte, 1931 in die NSDAP eintrat und von 1933 bis 1945 als Bremer Bildungssenator seine Ideologie im Bremer Schulwesen umsetzen konnte – aber das ist eine andere Geschichte. “Es wurde uns damals erst klar, wie eng wir mit dem Namen Bamberger verbunden waren”, erklärt Pädagogin Kösling, die von 1975 bis zu ihrem Ruhestand 2015 für die VHS arbeitete und dort den Fachbereich “Älter werden” aufgebaut und geleitet hat. Die Gebühr betrug im Gründungsjahr 25 Pfennig pro Stunde, in manchen Vorträgen drängelten sich bis zu 200 Menschen, heißt es in der VHS-Chronik. Die „Wiedergeburt“ nach Ende des Zweiten Weltkriegs war Schlussstrich und Neubeginn. „Es gab viel Nachholbedarf“, erklärt Renate Kösling. Ein vergilbtes Heftchen mit dem ersten Veranstaltungsprogramm erinnert an die Aufbauhilfe durch Bildung: Berufsbildende Angebote wie Schriftverkehr und Buchhaltung, Schulwissen wie Mathematik und Deutsch, sowie das Erlernen von Fremdsprachen nahmen in den Nachkriegszeiten einen immer größeren Raum ein.

Der Anteil von Arbeitern unter den Kursteilnehmern verdoppelte sich auf rund 35 Prozent, es gab Kurse, die sich speziell an Erwerbslose und Kriegsheimkehrer richteten. Bis Mitte der 1960er-Jahre stieg die Zahl der Schülerinnen und Schüler auf 53 000. Weiterbildungs- und Bildungsurlaubsgesetz schafften Mitte der 1970er-Jahre weitere Arbeitsbereiche und Personalstellen. Manche Bereiche – wie die Schulabschlüsse und der gewerblich-technische Bereich – wurden später ausgegliedert. Andere verselbstständigten sich wie die Angebote für Behinderte, die von anderen Trägern und Institutionen übernommen wurden. Doch das Wachstum blieb keineswegs kontinuierlich.

Die 1980er-Jahre wurden zur Krisenzeit. Die öffentlichen Mittel wurden immer stärker gestrichen, das Programm musste um die Hälfte reduziert werden, dementsprechend sanken auch die Teilnehmerzahlen und mit ihnen die Einnahmen, berichtet Dammann. Über die Akquisition von Drittmitteln, neue Veranstaltungs- und Lernformen und die Hinwendung zum Markt konnte die Wende gelingen.

Vier Regionalzentren

Seit 1999 ist die VHS ein Eigenbetrieb der Stadt Bremen, und arbeitet mittlerweile zu fast 70 Prozent kostendeckend, sagt ihr „Finanzchef“. Marktorientierung heißt in diesem Fall: “Wir haben uns immer danach gerichtet, was die Menschen lernen möchten und gesellschaftliche Themen aufgegriffen”, erklärt Renate Kösling. In den 1980er-Jahren wuchs das Bewusstsein für Gesundheit und Ökologie, mit EDV und Informationstechnologie entstanden neue Interessensgebiete.

Stark gewachsen ist auch der fremdsprachliche Bereich: Zurzeit bietet das Programm Kurse in fast 35 Sprachen – darunter Jiddisch, Isländisch, Koreanisch und Swahili. Rund ein Drittel aller Veranstaltungen findet in den 50 Unterrichtsräumen an der Faulenstraße statt. Doch mit vier Regionalzentren und 170 Standorten ist die VHS ihren (erwachsenen) Schülerinnen und Schülern bis heute nahe ge­blieben.

Renate Kösling erinnert sich noch gut an die Anmelde-Sonnabende in der ehemaligen VHS-Zentrale an der Schwachhauser Heerstraße: „Die Leute standen Schlange von vor dem Eingang bis zur Ampel, warteten teilweise stundenlang, bis sie an die Reihe kamen.“ Am Empfang saßen die Beschäftigten, die die Daten der Kursteilnehmer sorgfältig auf Karteikarten notierten, und den Durchschlag als Quittung mitgaben. „Wenn wir wissen wollten, wie viele Anmeldungen es für einen Kurs gab, mussten wir Karten zählen“, berichtet die Pädagogin.

Anmelden kann man sich längst über das Bürgertelefon und auch online, das Zählen und Verwalten wird von Computerprogrammen unterstützt. Und auch das Lernen hat sich verändert. Längst können Schulstoff und Studieninhalte online mittels Erklärvideos gepaukt werden. Die VHS wird sich darauf einstellen. Und doch ist die Pädagogin sicher: Den „sozialen Kitt“ der Old-School-Methode werden sie nie ersetzen. „Alles, was wir anbieten, konnten die Leute schon früher zuhause lernen – über Bücher, DVDs oder Lernprogramme”, erklärt Renate Kösling. „Sie kommen hierher, weil sie hier andere Menschen treffen, denen es nicht egal ist, ob sie da sind oder nicht.”

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