Abschlussmodenschau des Projektes "In Hülle und Fülle" begeistert mit Ideen von elegant bis ironisch Starke Frauen in starken Kreationen

Tenever. Wer übergewichtig ist, muss noch lange nicht in Sack und Asche durch die Gegend laufen. Das zeigten jüngst elf Teilnehmerinnen des Projektes "In Hülle und Fülle", das Quartier gGmbH gemeinsam mit dem Mütterzentrum Tenever auf die Beine gestellt hat. Auf der Abschlussmodenschau präsentierten die Frauen vor gut 200 begeisterten Zuschauern ihre eigenen Kreationen im OTe-Saal. Und die deckten eine Bandbreite von elegant bis ironisch ab.
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Von Melanie Öhlenbach

Tenever. Wer übergewichtig ist, muss noch lange nicht in Sack und Asche durch die Gegend laufen. Das zeigten jüngst elf Teilnehmerinnen des Projektes "In Hülle und Fülle", das Quartier gGmbH gemeinsam mit dem Mütterzentrum Tenever auf die Beine gestellt hat. Auf der Abschlussmodenschau präsentierten die Frauen vor gut 200 begeisterten Zuschauern ihre eigenen Kreationen im OTe-Saal. Und die deckten eine Bandbreite von elegant bis ironisch ab.

Licht aus, Spot an: "Big girl you are beautiful" schallte es durch den Veranstaltungsraum im OTe-Zentrum, als elf Frauen den roten Teppich betraten. Sie alle haben eines gemeinsam: zu viele Kilos auf den Rippen und mindestens Kleidergröße L. Statt immer wieder erfolglos zu überlegen, wie sie zu einem dünneren Körper kommen, haben sie in den vergangenen sechs Monaten daran gearbeitet, mit ihren eigenen Rundungen rundum glücklich und gesund zu leben.

"Dick zu sein, ist in unserer Gesellschaft ein Problem", sagte die Künstlerin Elke Prieß, die mit den Teilnehmerinnen gearbeitet hat. "Viele dicke Frauen werden im Alltag und vor allem im Beruf immer wieder diskriminiert."

Und das nagt am Selbstbewusstsein und schlägt sich auch in der Körpersprache nieder. Daher haben die Teilnehmerinnen regelmäßig mit Choreograf Johannes Hehr den aufrechten Gang geübt. Der Tänzer probte mit den Frauen die Laufformationen für die große Modenschau.

"Früher bin ich wie ein graues Mäuschen durch die Gegend geschlichen", erinnerte sich Bianca Bergmann aus Tenever, die sich vor dem Workshop auch nie für Mode interessiert hat. Schließlich gebe es für ihre Größe keine attraktive Auswahl: "Das sind meist eher Säcke. Aber man kauft halt, was man kriegen kann."

Auch Ute Junker aus Achim ist mit dem Angebot für Mollige und Dicke nicht glücklich: "Nur weil wir mehr auf den Rippen haben, müssen wir uns noch lange nicht verstecken", meinte die 52-Jährige, "wir sind schließlich nicht hässlich." Dass füllige Frauen schick und ausgefallen gekleidet sein können, stellten die elf Projektteilnehmerinnen mit ihren Kreationen unter Beweis: Sie haben weite, weiße Kimonos mit Blumenmustern, Schmetterlingen und sogar der charakteristischen Hochhaus-Silhouette von Tenever bemalt. Aus Krepppapier haben sie fantasievolle Hüte gebastelt und viele Meter leichte Stoffe und Bänder mit Hilfe von unzähligen Sicherheitsnadeln um ihre Rundungen drapiert.

"Am Anfang waren die Frauen erst zögerlich, aber schließlich konnte es ihnen gar nicht bunt und schrill genug sein", erinnerte sich Elke Prieß. Auch bei den alltagstauglichen Oberteilen bewiesen die Teilnehmerinnen Mut zur Farbe und zu großen Mustern - zur Überraschung der Künstlerin: "Es ging richtig zur Sache."

Bei den Zuschauerinnen und Zuschauern kam die selbst geschneiderte Mode gut an: Mit bewundernden Ah?s und Oh?s und donnerndem Applaus honorierten sie den Mut und die Ideen der Projektteilnehmerinnen, die strahlend, frech und grazil über den Laufsteg trippelten und tanzten. "Das würde ich auch tragen", war ein Satz, der häufiger vom weiblichen Publikum zu hören war.

"Ich fand es ganz große Klasse", beurteilte Gertrud Hinz-Paatz aus Osterholz die Schau. Und Gisela Beins aus Findorff ergänzte: "Die Frauen haben heute etwas von ihrem Selbstbewusstsein zurückbekommen. Sie haben richtig gestrahlt, weil die Leute so geklatscht haben." Petra Maischims war aus Stuhr für die Schau angereist: Ihrer Meinung nach haben die Frauen nicht nur ein großes Talent für Mode bewiesen. Sie hat auch beobachtet, dass viele Männer "mit großen Augen" die fülligen Models angestaunt hätten: "Heute Abend wird so mancher Mann seine Frau in einem anderen Licht gesehen haben", ist sie sich sicher.

Insgesamt rund 10000 Euro hat das Projekt "In Hülle und Fülle" gekostet. Finanziert wurde es vom Kulturressort und mit Mitteln aus den Förderprogrammen "Lokales Kapital für Soziale Zwecke" und "Wohnen in Nachbarschaften". Der Großteil des Geldes sei für das Honorar der sechs Dozenten und Material verwendet worden, erklärte Andrea Siamis von Quartier sichtlich verstimmt auf die Nachfrage, warum das Projekt solch eine Summe verschlungen habe.

Dass die Workshops nun vorbei sind, stimmt die Teilnehmerinnen traurig. "Es hat uns allen total viel Spaß gemacht", sagte Bianca Bergmann. "Wir wissen gar nicht, was wir jetzt nächste Woche machen sollen."

Bei der Projektleiterin ist der Wunsch der Teilnehmerinnen nach einer Neuauflage angekommen: "Wir hoffen sehr, dass es im kommenden Jahr eine Fortsetzung gibt", sagte Andrea Siamis. Die Zuschauer würde es sicher ebenfalls freuen.

Eine Fotostrecke zur Modenschau gibt es auf www.weser-kurier.de/bremen

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