Nach dem Rennbahn-Volksentscheid

Start frei für das Rennen der Ideen

Was geschieht nun auf dem Gelände der Galopprennbahn in der Vahr? Nach dem klaren Votum beim Volksentscheid gegen eine Wohnbebauung erwartet die Bürgerinitiative jetzt Ideen von Akteuren und Vereinen.
31.05.2019, 18:57
Lesedauer: 4 Min
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Start frei für das Rennen der Ideen
Von Frank Hethey
Start frei für das Rennen der Ideen

Nach dem klaren Votum gegen eine Wohnbebauung des Galopprennbahn-Areals in der Vahr sind jetzt Ideen für die Gestaltung gefragt.

GS Design

„Alles ist möglich, man kann nichts ausschließen“, sagt Andreas Sponbiel. Der Sprecher der Bürgerinitiative gegen die Bebauung der früheren Galopprennbahn könnte sich auch mit der Schaffung eines privat finanzierten Parkgeländes anfreunden.

„So eine Art Bürgerpark für den Bremer Osten, aber auch für ganz Bremen – warum nicht?“ Nach dem überraschend klaren Votum beim Volksentscheid sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Laut amtlichem Endergebnis stimmten 55,88 Prozent gegen die Bebauungspläne des rot-grünen Senats, nur 44,12 Prozent sprachen sich dafür aus. Ernüchtert reagierte Bausenator Joachim Lohse (Grüne) auf das Ergebnis. Es sei „in höchstem Maße bedauerlich“, dass die Bürgerinitiative die Menschen überzeugt habe.

Interview Frank Lenk

Eine Wiederbelebung des Galopprennsports? „Das ist denkbar, aber ein weiter Weg“, sagt Frank Lenk, Sprecher des Bremer Rennvereins von 1857.

Foto: Christina Kuhaupt

Senat hat keinen Spielraum

Das Ergebnis des Volksentscheids lässt dem Senat keinerlei Spielraum, es ist bindend. Laut Landesverfassung muss ein durch Volksentscheid beschlossenes Gesetz binnen zwei Wochen nach Feststellung des Abstimmungsergebnisses im Gesetzblatt der Freien Hansestadt Bremen verkündet werden. Wohnbebauung oder Industrieansiedlung sind damit ausgeschlossen. Es habe eine demokratische Abstimmung gegeben, sagte Bausenator Lohse. „Dies werden wir als Senat selbstverständlich akzeptieren, auch wenn wir die Fläche als gut erschlossenes Areal für günstigen Wohnraum dringend benötigt hätten.“

Für den Senat ist die Abfuhr auch deshalb eine bittere Pille, weil damit 3,89 Millionen Euro buchstäblich in den Sand gesetzt sind. So viel Geld hatte Bremen in die Hand genommen, um den Betreiber des Golfplatzes in der Mitte der Rennbahn den vorzeitigen Abgang schmackhaft zu machen. Laut Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) sollten die Entwicklungs- und Entschädigungskosten langfristig durch die erwarteten Einnahmen refinanziert werden. Es sei vorgesehen gewesen, die Flächen als Erbpacht zu vergeben.

Rauchende Köpfe

Eigentlich lief der Pachtvertrag des Clubs Golf-Range noch bis 2034. Dessen Geschäftsführer Hans Peter Thomßen sagte in einer ersten Reaktion, man müsse das Ergebnis des Volksentscheids „erst mal einordnen“. An sich gingen die Planungen des Golfclubs nicht über dieses Jahr hinaus. „Nun müssen wir mit den Zuständigen für die Bremer Anlage zusammen besprechen, was auf uns zukommt.“ Damit werde man sich Anfang kommender Woche befassen.

Auch bei der Bürgerinitiative rauchen die Köpfe, am nächsten Mittwoch wollen sich die Aktivisten treffen. Deren Sprecher Sponbiel erwartet, dass etliche Vereine und Akteure Ideen zur Nutzung und Gestaltung des Rennbahngeländes vorbringen. Auf jeden Fall gehe es darum, das Areal aufzuwerten und zu öffnen. „Man könnte sich auch überlegen, einen Park über eine gemeinnützige Stiftung auf den Weg zu bringen.“ Als stellvertretender Vorsitzender einer wohltätigen Stiftung kennt sich Sponbiel im Stiftungswesen aus. Gleichwohl will er der Ideenfindung nicht vorgreifen. „Es wäre sehr vermessen, wenn wir das täten.“ Bei der Frage der Nachnutzung müssten die Bürger miteinbezogen werden.

Wiederbelebung des Rennsports?

Plötzlich ist sogar eine Wiederbelebung des Galopprennsports nicht ausgeschlossen. „Das ist denkbar, aber ein weiter Weg“, sagte Frank Lenk, Sprecher des Bremer Rennvereins von 1857. Für Gespräche sei der Verein offen. Allerdings seien im Vorfeld einige Dinge zu klären, schließlich gehöre das Areal der Stadt, „wir sind total raus“.

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Allerlei Anregungen kursieren bereits in den sozialen Netzwerken. Da gibt es etwa den Vorschlag, sich am Tempelhofer Feld in Berlin zu orientieren. Das ehemalige Flughafengelände gilt seit seiner Eröffnung vor neun Jahren als eine der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt. Auf der mehr als 300 Hektar großen Fläche tummeln sich Skater, Spaziergänger und Kite-Surfer. Das Rennbahngelände ist mit 30 Hektar allerdings deutlich kleiner.

66,8 Prozent in der Vahr gegen eine Bebauung

Bei der Abstimmung hatten sich die meisten Menschen in der Vahr – mithin in dem Stadtteil, in dem das Rennbahngelände liegt – gegen eine Bebauung ausgesprochen: 66,8 Prozent stimmten für den Gesetzesvorschlag der Bürgerinitiative. Den höchsten Zustimmungswert für die Senatspläne gab es mit 55,9 Prozent in der Östlichen Vorstadt.

Wie in den einzelnen Ortsteilen abgestimmt wurde, zeigt diese interaktive Karte.

Ob die komplizierte Fragestellung den Volksentscheid verfälscht haben könnte, lässt sich nicht eindeutig beantworten. „Anhand der Stimmzettel ist nicht zu erkennen, ob die Wähler verunsichert waren“, sagte Evelyn Temme von der Landeswahlleitung. Ungültig waren 1,92 Prozent der Stimmen – die meisten, weil die Stimmzettel leer abgegeben wurden, ein deutlich geringerer Anteil war durchgestrichen oder kommentiert.

Am Volksentscheid durften nur 420.355 Menschen teilnehmen, deutlich weniger als bei der Bürgerschaftswahl (474.103) und der Europawahl (470.181). Bei der Bürgerschaftswahl gab es die meisten Wahlberechtigten, weil alle Bremer ab 16 Jahre abstimmen durften. Niedriger fiel dieser Wert bei der Europawahl aus, für die man 18 Jahre alt sein musste. Noch weniger Menschen waren beim Volksentscheid zugelassen, da nur Bewohner der Stadt Bremen, aber nicht Bremerhavener abstimmen durften.

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