Bildungsbehörde Statistik zu Gewalt an Bremer Schulen ist lückenhaft

Geht es auf Bremer Schulhöfen immer ruppiger zu? Die CDU-Bürgerschaftsfraktion wollte das von der Bildungsbehörde wissen, doch die vorhandenen Zahlen zeigen keinen eindeutigen Trend.
18.08.2018, 18:11
Lesedauer: 3 Min
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Statistik zu Gewalt an Bremer Schulen ist lückenhaft
Von Jürgen Theiner

An den Bremer Schulen hat es in den vergangenen drei Jahren keine deutliche Steigerung von Gewalt unter Kindern und Jugendlichen oder gegen Lehrkräfte gegeben. Die Zahlen, die der Bildungsbehörde vorliegen, lassen keinen Trend erkennen, sie bieten aber auch „keine Sicherheit auf Vollständigkeit“, wie es in einer Antwort der Verwaltung auf eine Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion heißt. Die Behörde könne sich nur auf die Meldungen einschlägiger Vorfälle durch die örtlichen Schulleitungen stützen.

Die Tageszeitung „Die Welt“ hatte im Juli über einen bundesweiten Anstieg der Gewalt an Bildungseinrichtungen berichtet. Sie bezog sich dabei unter anderem auf eine aktuelle Erhebung des Verbandes Erziehung und Bildung. Darin gaben 26 Prozent von 1200 befragten Schulleitungen an, dass in ihren Klassen in den vergangenen fünf Jahren Gewalt gegen Lehrkräfte ausgeübt worden sei. 2016 hatten dies lediglich 21 Prozent bejaht. In ihrer Anfrage an den Senat macht die CDU darauf aufmerksam, dass zunehmend auch von außen Gewalt in die Schulen getragen werde. Beispiel Huchting: Dort hatten Angehörige einer Großfamilie erst kürzlich das Personal der Schule an der Robinsbalje bedroht, sodass die Polizei alarmiert werden musste.

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Nach Darstellung der Bildungsbehörde zählen insbesondere Fälle schwerer Gewalt, sexueller Belästigung, Bedrohung, Waffenbesitz sowie Suiziddrohungen zu den „besonderen Vorkommnissen“, die der Schulaufsicht von den Schulleitungen gemeldet werden müssen. In den Jahren 2015 bis 2017 gab es demnach an den Berufs- und allgemeinbildenden Schulen im Stadtgebiet 86 meldepflichtige Vorkommnisse unter Schülern. In weiteren 25 Fällen gingen Schüler gewaltsam gegen Lehrer vor, in elf Fällen waren es externe Täter. In zwei Fällen seien Schüler von Außenstehenden attackiert worden.

Meisten Taten gegen Lehrer von unter 14-Jährigen

Die Bildungsbehörde verweist in ihrer Antwort auf die CDU-Anfrage auch auf entsprechendes Zahlenmaterial der Polizei. Zwischen 2015 und 2017 schwankte demnach die Häufigkeit der Attacken auf Schüler und Lehrer, ohne dass ein Trend nach oben oder unten erkennbar wäre. Aus den polizeilichen Daten geht aber immerhin hervor, dass die meisten physisch oder psychisch attackierten Pädagogen Frauen waren. Überraschend zudem: Die meisten Taten gegen Lehrer wurden nicht von älteren Schülern, sondern von Kindern unter 14 Jahren verübt.

Aus Sicht der Christdemokraten lässt die Darstellung der Bildungsbehörde viele Fragen offen. „Das Wissen über Art, Umfang und Auswirkung von Gewalt an unseren Schulen scheint beim Senat nicht sonderlich ausgeprägt“, so CDU-Fraktionssprecherin Rebekka Grupe. Den Daten fehle jegliche inhaltliche Differenzierung. Tatsächlich sagt die Statistik beispielsweise nichts aus über Mobbing im Internet und in sozialen Netzwerken, auch nichts über ethnische oder religiöse Diskriminierung.

Gesamtbild der Situation fehlt

Rebekka Grupe vermisst zudem Aussagen über Fälle „fehlenden Respekts gegenüber weiblichen Schülerinnen, Lehrerinnen oder anderem schulischen Personal aufgrund anderer kultureller Hintergründe“. Grupe: „Gerade vor dem Hintergrund, dass wir in Schulen ein Schild mit ,Schule gegen Rassismus‘ ans Gebäude hängen, aber gar nicht wissen, ob, wie oder in welcher Form es den gibt, ist das schon ein bisschen skurril.“

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gibt es keine fundierten Erkenntnisse über eine mögliche Zunahme der Gewalt an Bremer Schulen. Karsten Krüger, der für die GEW dem Gesamtpersonalrat des öffentlichen Dienstes angehört und selbst an einer Brennpunktschule unterrichtet: „Die Vorstellung, dass hier jeden Tag die Polizei steht, entspricht sicher nicht der Realität.“ Ein Gesamtbild der Situation im Stadtgebiet sei aber schwer zu gewinnen.

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In ihrer Antwort an die CDU-Bürgerschaftsfraktion verweist die Bildungsbehörde auf ein breites Spektrum von Präventionsprojekten, mit denen Gewalt unter Schülern und gegen Lehrpersonal entgegengewirkt werden soll. Aktuell seien die Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren (Rebuz) des Bildungsressorts und das Landesinstitut für Schule dabei, sogenannte Krisenpräventionsteams für einzelne Schulstandorte auszubilden.

Diese Qualifikationsmaßnahme soll „dazu beitragen, besser auf Gewalt- und Krisenereignisse vorbereitet zu sein und der Entstehung von Gewalt im Vorfeld wirksam begegnen zu können“, wie es in dem Papier heißt. Zudem starte im Herbst auch in Bremen das bundesweite Programm „Schule gegen sexuelle Gewalt“, das vom Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs angestoßen wurde. Ein auf mehrere Jahre angelegtes Weiterbildungsprogramm soll die Pädagogen sensibilisieren und in die Lage versetzen, ein maßgeschneidertes Schutzkonzept zu entwickeln.

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