Bekleidung soll Valentin S. überführen Statistische Berechnung zu DNA-Spuren belastet Werder-Ultra

DNA-Spuren auf einem Stein sollen den Bremer Valentin S. der Körperverletzung überführen. Mit dem faustgroßen Stein wurde am 1. Mai 2014 in Rostock bei einer Demonstration der NPD ein Mensch verletzt.
05.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Statistische Berechnung zu DNA-Spuren belastet Werder-Ultra
Von Ralf Michel

DNA-Spuren auf einem Stein sollen den Bremer Valentin S. der Körperverletzung überführen. Mit dem faustgroßen Stein wurde am 1. Mai 2014 in Rostock bei einer Demonstration der NPD ein Mensch verletzt.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Valentin S. den Stein geworfen hat. Zumindest kommt er nach der kriminaltechnischen Untersuchung als Mitverursacher der DNA-Spuren auf dem Stein infrage, sagt ein Sachverständiger am achten Tag des Prozesses gegen zwei Werder-Ultras am Landgericht.

Auf dem Stein wurde zwar nur eine sogenannte Mischspur gefunden, was in diesem Fall heißt, dass sie von mindestens zwei Personen stammt. Doch die passe zur DNA von Valentin S., sagt der Experte. Dann nennt er eine Zahl, die die Möglichkeit untermauert, dass es Valentin S. gewesen sein könnte. Angesichts der gefundenen Merkmalskombination von 17 unterschiedlichen DNA-Spuren komme aus einer Gruppe von 28,87 Milliarden Menschen nur genau einer als Mitverursacher der Mischspur in Betracht.

Die Tat ist bestens aufgeklärt

Doch wie es mit Sachverständigen vor Gericht meistens so ist: Alle Versuche des Vorsitzenden Richters, den Diplom-Biologen des Landeskriminalamtes (LKA) Mecklenburg-Vorpommern zu einer konkreten Einschätzung zu bewegen – „Was sagt uns diese Zahl? Kann man daraus ableiten, dass Valentin S. der Verursacher der Spur ist?“ – scheiterten. Dies sei angesichts der Zahl von 28,87 Milliarden zwar schon sehr wahrscheinlich, so der Sachverständige. „Aber letztlich ist das nicht mehr als eine statistische Berechnung.“ Horst Wesemann, Verteidiger von Valentin S., rang dem LKA-Mann zudem noch die Aussage ab, dass „mindestens zwei Personen“ als Verursacher der Mischspur durchaus auch „sechs bis zehn Personen“ bedeuten könne. Dann sei die DNA-Spur aber „wenig überzeugend“, kommentierte der Anwalt.

Es war wie immer in diesem Prozess im Saal 218 des Landgerichts: Die Tat, um die es geht, ist bestens aufgeklärt. Bei einer NPD-Demonstration am 1. Mai 2014 in Rostock wurde ein Mann, der den Zug fotografierte, von einem faustgroßen Stein verletzt. Geworfen wurde der aus einer Gruppe linker Gegendemonstranten, sagten zwei Polizisten aus, die damals vor Ort waren. Beide identifizierten denselben Mann als Werfer. Denn der sei der einzige aus der ansonsten durchgehend schwarz gekleideten Gruppe gewesen, der eine beigefarbene Hose getragen habe.

Beschreibung passt

Sogar Fotos gibt es, die dies belegen. Sie zeigen einen schlanken, hochgewachsenen Mann mit schwarzem Kapuzenpullover, beigefarbener Hose und einer schwarzen Tasche der Marke Eastpak vor dem Bauch. Die Staatsanwaltschaft meint, Valentin S. in dem Mann zu erkennen, doch der Werfer ist vermummt. Auch den zweiten Angeklagten, Wesley S., will die Anklagebehörde auf den Fotos ausgemacht haben, aber auch dieser Mann hat ein Halstuch vor dem Gesicht.

Zu Valentin S. steht zumindest fest, dass er am 1. Mai 2014 vor Ort war – dank einer Personenkontrolle abends am Rostocker Bahnhof durch einen Bundespolizisten. Auch er wurde als Zeuge gehört. Seine Beschreibung von Valentin passt zu den Angaben über den Steinwerfer, auch dieser Polizist sprach von einer hellen Hose. Ob auch andere aus der Gruppe so bekleidet gewesen seien, konnte er jedoch nicht sagen.

Hose nicht klar zuzuordnen

Weitere Puzzlesteine, die zu passen scheinen, lieferte eine Durchsuchung der gemeinsamen Wohnung der Angeklagten. In einer Sporttasche im Zimmer von Valentin S. wurde eine beige-graue Hose gefunden, außerdem eine Bauchtasche wie die auf den Bildern, sagte ein Bremer Polizist aus. Im Wagen des Angeklagten fanden sich zudem weiße Schuhe einer Marke, die als „szenetypisch“ bezeichnet werden. „Auch die haben so ausgesehen, wie die, die wir gesucht haben.“

Für Verteidiger Wesemann hat all dies keine Aussagekraft. Die Farbe der Hose stimme nicht überein, sagte er. Ohnehin gebe es keinen Hinweis darauf, dass Valentin S. die gefundene Hose überhaupt getragen habe, und schon gar nicht darauf, dass er sie in Rostock an hatte.

Die Verhandlung wird am 22. März fortgesetzt. Für Wesley S. könnte es der letzte Prozesstag werden. Das Gericht hat alle Vorwürfe gegen ihn abgearbeitet. Zumindest, was seine Beteiligung in Rostock angeht, zeichnet sich das Urteil ab. „Wir haben Zweifel, ob der Mann auf dem Foto wirklich Wesley S. ist“, erklärt der Richter.

Mit vier Handys im Gefängnis

Im Verfahren gegen den Werder-Ultra Valentin S. und Wesley S. hat die Staatsanwaltschaft am achten Prozesstag nachgelegt: Drei CDs mit Abschriften von Nachrichten, die sich die beiden Angeklagten via Whatsapp auf ihren Mobiltelefonen geschickt haben, sollen Aufschluss darüber geben, wie die jungen Männer zur Anwendung von Gewalt stehen. In den Nachrichten sei es immer wieder um Schlägereien im Zusammenhang mit Fußballspielen gegangen, erklärte der Staatsanwalt.

Es waren die Angeklagten selbst, die die Anklagebehörde auf diese Spur brachten. Bei Valentin S., der in Untersuchungshaft sitzt, wurden nicht weniger als vier Mobiltelefone gefunden. Von einem dieser Handys soll er seinen Freund Wesley S. aufgefordert haben, im Viertel Cannabis zu kaufen und es ihm dann über die Gefängnismauer zuzuwerfen.

Dies führte zu einem neuen Ermittlungsverfahren gegen Wesley S., der nun auch unter dem Verdacht steht, Handel mit Betäubungsmitteln zu betreiben. Anfang Februar wurde eine Durchsuchung bei ihm zu Hause vorgenommen und dabei auch sein Mobiltelefon beschlagnahmt. Dessen Auswertung wiederum führte die Ermittler zu dem Chat, der nun Gegenstand in dem Verfahren wegen Körperverletzung werden könnte.

MIC

Wenn Linke wie Rechte aussehen

Der Prozess gegen die Werder-Ultras Valentin S. und Wesley S. ist immer wieder für Kuriositäten am Rande gut. Dies ist eine davon: Nach der NPD-Demonstration im Mai 2014 wollten ein Teil der Rechtsradikalen und einige linke Gegendemonstranten denselben Zug für die Abreise aus Rostock nutzen. Die Polizei versuchte, die Kontrahenten auf dem Bahnsteig und im Zug voneinander zu trennen. Doch dabei wurde die Gruppe um Valentin S. wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes – extrem kurze Haare und ein für die rechte Szene typischer Bekleidungsstil – irrtümlich zur falschen Seite geschickt, erklärte ein Bundespolizist als Zeuge vor dem Landgericht. Erst durch die „Alerta-Antifascista“-Rufe der Gruppe und deren aggressiv-provozierende Gesten gegen die NPD-Leute hätten sie dann der linken Seite zugeordnet werden können.

Wenn die Gruppe sich still verhalten hätte, wäre sie also rechts einsortiert worden? Das wollte daraufhin Jan Sürig wissen, Anwalt von Wesley S. Was der Bundespolizist bejahte und Sürig damit zu folgender Überlegung führte: Dann wäre ja das, was auf die Polizei aggressiv gewirkt habe, doch eher deeskalierend gewesen. Durch ihr lautstarkes Verhalten habe die Gruppe schließlich nichts anderes getan, als darauf hinzuweisen, dass sie Linke waren.

MIC

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+