Bei der Ladeparty in Aumund treffen sich E-Auto-Enthusiasten und laden zur Probefahrt ein Stecker statt Rüssel

Aumund. Eine Ladeparty verläuft anders als herkömmliche Partys: Hier fließt kein Alkohol, sondern nur Strom, Strom für Elektro-Autos. Der Gesprächsstoff der Party dreht sich selbstredend um Elektro-Fahrzeuge, schadstofffrei und kostengünstig im Verbrauch.
29.05.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Aumund. Eine Ladeparty verläuft anders als herkömmliche Partys: Hier fließt kein Alkohol, sondern nur Strom, Strom für Elektro-Autos. Der Gesprächsstoff der Party dreht sich selbstredend um Elektro-Fahrzeuge, schadstofffrei und kostengünstig im Verbrauch.

Zahlreiche Besucher fanden sich jetzt auf dem Parkplatz des Edeka-Markts in Aumund zu einer Ladeparty zusammen, um eine neue Stromtankstelle einzuweihen. Einige waren dafür eigens aus Schleswig-Holstein angereist. Frank Damerow, Betreiber des Supermarkts, hatte darauf gedrängt, auf seinem Kundenparkplatz eine Ladestation für E-Autos einzurichten. Es ist die zweite Station in Vegesack.

Auf dem großen Parkplatz reihen sich zum Beispiel ein BMW i3, ein Renault Zoe oder ein Tesla 90 D. Carsten Hünecke, bekennender Elektroauto-Fan aus Bremen Nord, lädt zu einer Probefahrt in seinem Quad ein, einem Zweisitzer, in dem der Fahrgast etwas beengt hinter dem Fahrer Platz nehmen muss. Geräuschlos fährt das Quad los, das es auf Tempo 80 bringt, 7000 Euro kostet und für zehn Jahre steuerfrei ist.

„Damit kann ich 80 Kilometer weit fahren und zahle nur drei Euro für einmal voll laden – ich würde nie wieder ein anderes Auto als mit Elektro-Antrieb fahren“, sagt Carsten Hünecke. Mit seinem Renault Zoe fährt es bis Salzburg – kein Problem, denn der hat eine Reichweite von 400 Kilometern.

Viele potenzielle Elektroauto-Käufer schreckt bisher das wenig ausgebaute Netz von Ladestationen in Deutschland ab, doch laut Jonas Kossendey vom Versorgungsunternehmen EWE wird das Netz von Stromtankstellen immer dichter: Im Kerngebiet Weser-Ems betreibt die EWE nach eigenen Angaben bereits rund 150 Ladestationen. Parallel dazu richtet die SWB als Energieversorger in Bremen weitere Ladesäulen ein – von derzeit 16 soll die Zahl bis zum Jahresende auf 40 anwachsen. Das Netz wächst auch über Kooperationen, zum Beispiel mit Cambio Carsharing und der Brepark. So können Elektroauto-Besitzer in drei Parkhäusern in Bremen ihren Wagen aufladen.

Es ist Zeit, die silberne Stromsäule in Gang zu setzen. „Stecker statt Rüssel“ steht darauf, und als eine Stromkarte in der Säule steckt und der erste Strom fließt, ist es ein wenig wie bei einer Schiffstaufe. Doch bei einer Stromparty fließt nicht Champagner, sondern Strom, und die E-Mobilisten können auf der Ladeparty den Fahrern von Verbrennungsmotoren eine ganze Reihe von Vorteilen entgegenhalten: Ihr Motor läuft nahezu geräuschlos, er erzeugt keine Emissionen, und er ist mit einem Wirkungsgrad von 90 Prozent extrem energieeffizient, wogegen ein Verbrennungsmotor 65 bis 80 Prozent Wärmeverluste habe.

Zudem sind seit Januar 2016 alle E-Fahrzeuge für fünf Jahre von der Steuer befreit, und auch bei der Reichweite hat sich etwas getan: Schafft der Renault Zoe schon 400 Kilometer, so bringt es der Tesla Model S 90D sogar auf 560 Kilometer. Doch selbst beim Renault Kangoo Z.E. reichen 125 Kilometer aus, wenn man nur kürzere Wege zur Arbeit hat. Auch mit den langen Ladezeiten, die oft bemängelt werden, soll bald Schluss sein: Inzwischen dauern Schnell-Ladungen nicht länger als 30 Minuten, und sogar an einer normalen Haushaltssteckdose lässt sich der Wagen über Nacht wieder vollständig aufladen.

Nadine McLaren arbeitet bei einem Autohändler in Blumenthal, der künftig verstärkt auf den E-Fahrzeugmarkt setzen will. Die Kfz-Mechaniker bräuchten allerdings eine gesonderte Ausbildung, die mit einem „Hoch-Volt-Schein“ zertifiziert werde, denn bei einem Stromantrieb geht es nun mal im Wageninneren anders zu als bei herkömmlichen Verbrennungsmotoren. Auch Nadine McLaren sieht die Zukunft in der Elektromobilität.

Der Pkw-Markt in Bremen steckt allerdings derzeit in der Diesel-Krise: Nach Angaben des Kfz-Landesverbands Niedersachsen-Bremen gab es im April 2017 ein Minus von 18,4 Prozent bei Neuzulassungen. „Die Verbraucher sind stark verunsichert über die Zukunft des Diesels“, sagt Karl-Heinz Bley, Präsident des Kfz-Landesverbands Niedersachsen-Bremen. Einen Lichtblick würden nur die Neuwagen mit Elektro-, Hybrid- oder Gasantrieb bieten. Dennoch seien die Elektro-Prämien in Bremen derzeit immer noch Ladenhüter, berichtet der Kfz-Landesverband. Zwar beträgt die Förderung von Staat und Herstellern für Elektrofahrzeuge 4000 Euro und für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge 3000 Euro, doch in Bremen gibt es seit dem Start der Förderungen im Juli 2016 nur 91 Förderungen. Deutschland insgesamt hinkt bei der Entwicklung im E-Automarkt deutlich hinterher: Der hatte im Jahre 2016 nur einen Marktanteil von 0,75 Prozent, während er in Norwegen schon 29 Prozent beträgt.

Dennis Witthus, Inhaber eines Hammer-Fachmarkts, fährt eine Elektro-Limousine des US-amerikanischen Konzerns Tesla, der stark auf E-Autos setzt. Witthus lädt auf der Ladeparty ebenfalls zu einer Probefahrt ein. Der Wagen hat zwar mit mehr als 500 Kilometern eine große Reichweite, aber auch seinen Preis. Der Flitzer, der Leistung eines Ferrari entsprechend, hält die Spur von allein und bremst dank eines eingebauten Bremsassistenten automatisch. Als Witthus das Gaspedal voll durchtritt, werden die Fahrgäste gegen die Sitze gedrückt wie bei einem Flugzeug kurz vor dem Abheben. Der Wagen kann eine Spitzengeschwindigkeit von 250 Stundenkilometer erreichen.

Trotz immer kürzerer Ladezeiten und größerer Reichweiten sind auch E-Automobile vor Pannen nicht gefeit. E-Autofan Carsten Hünecke ist schon zweimal mit seinem Wagen liegen geblieben. „Kein Problem, ich hab‘ einfach in einem Haus nach Strom gefragt, und jedes Mal stellte man mir bereitwillig eine Steckdose zur Verfügung.“

„Damit kann ich 80 Kilometer weit fahren und zahle nur drei Euro.“ Carsten Hünecke, E-Auto-Fan
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