Wiltrud Ahlers erinnert bei einem Stadtteil-Spaziergang an die Ermordeten des Nazi-Regimes Steine der Erinnerung

Blumenthal. Zwischen 5,5 und 6,3 Millionen Juden sind nach heutigen Schätzungen während des Holocaust ermordet worden. Auch Sinti, Roma, Behinderte, Homosexuelle und Kommunisten wurden unter dem Nazi-Regime umgebracht.
27.05.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Doris Friedrichs

Blumenthal. Zwischen 5,5 und 6,3 Millionen Juden sind nach heutigen Schätzungen während des Holocaust ermordet worden. Auch Sinti, Roma, Behinderte, Homosexuelle und Kommunisten wurden unter dem Nazi-Regime umgebracht. An die Getöteten in Blumenthal wird seit 2004 mit sogenannten Stolpersteinen erinnert, die vor dem einstigen Wohnhaus der Betroffenen verlegt wurden. Wiltrud Ahlers von der Aktion Stolpersteine nahm jüngst rund 20 Teilnehmer mit auf einen Rundgang zu Häusern der Ermordeten.

Zunächst aber schilderte Ahlers im Café Nunatak die Schickale strenggläubiger Christen und überzeugter Kommunisten, die sich dem Regime der Nationalsozialisten verweigerten und dafür von den Nazis getötet wurden. Insgesamt fünf Stolpersteine erinnern an sie, 22 weitere an jüdische Einwohner. Die Messingsteine, vom Kölner Bild­hauer Gunter Demnig initiiert und geschaffen, sind jeweils zehn mal zehn Zentimeter groß und im Gehweg eingelassen, wie in der Fresenbergstraße 2, wo die junge ­Gesine Vielstich lebte, damals Mitglied einer freikirchlichen Gemeinschaft.

„Als sie 1937 operiert wurde, behielt sie von der Narkose eine Psychose zurück“, berichtete Wiltrud Ahlers. Sie sei daraufhin ins Krankenhaus Ellener Feld geschaffen worden und später nach Lüneburg in ein psychiatrisches Krankenhaus, das eine Tötungsanstalt für Kinder gewesen sei. Die Erwachsenen habe man sich selbst überlassen. „Gesine starb an einer Bronchitis. Der Sarg ­wurde überstellt mit der Auflage, dass er nicht mehr geöffnet werden durfte.“

Anders, aber nicht besser erging es Willy Kulla, Arbeiter auf der Bremer Wollkämmerei und wie sein Freund Gerd Bauer aus Aumund Mitglied der Kommunistischen Partei. „Nachdem die Kommunistische Partei 1933 verboten worden war, haben sie im Untergrund weitergearbeitet“, erzählte Wiltrud Ahlers. „1935 wurden sie geschnappt, zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und außerdem für wehrunwürdig erklärt.“ Als sie 1937 entlassen worden seien, hätten sie weiter arbeiten dürfen, allerdings unter Aufsicht der Gestapo. Als man 1942 Soldaten-Nachschub gebraucht hätte, sei ihre Wehrunwürdigkeit aufgehoben worden. „Sie kamen in Strafbataillone, bekamen nie Heimaturlaub und sind beide gefallen.“

Auch das Schicksal der beiden Kommunisten Leo Drabent und Hans Neumann endete mit einem frühen Tod. Beide arbeiteten auf dem Bremer Vulkan. Beide wurden verhaftet, verteilten aber nach ihrer Entlassung weiter Flugblätter. 1943 folgten eine weitere Verhaftung und die Verurteilung zum Tode durch das Fallbeil wegen Hochverrats. Wiltrud Ahlers las aus einem Brief von Hans Neumann an seine Ehefrau vor, den er kurz vor seiner Hinrichtung geschrieben hatte und der unter den Besuchern ­große Bestürzung auslöste.

Anschließend machte sich die Gruppe auf einen Rundgang zu insgesamt acht Stationen, an denen Stolpersteine liegen. Viele Juden sind nach den Worten von Wiltrud Ahlers mit der Industrialisierung nach Blumenthal gekommen. Sie hätten keine Bürgerrechte gehabt und einen Schutzbrief gebraucht, um überhaupt hier leben zu können. „Sie durften auch viele Berufe nicht ausüben. Es blieb ihnen fast nur der Handel mit bestimmten Dingen.“ Nur wenige seien wohlhabend gewesen. Vor der Industrialisierung hätten nur zwei jüdische Familien in Blumenthal gelebt. „Das Zusammenleben im Ort scheint nicht schlecht gewesen zu sein, aber von dicken Freundschaften habe ich nicht gehört. Es gab immer Hetze gegen die Juden.“

Den ersten Stopp machte die Gruppe vor einem Haus in der Kapitän-Dallmann-­Straße, wo einst die jüdische Familie Kayser lebte. Einer der Bewohner, Moritz Kayser, so berichtete Wiltrud Ahlers, soll in den 1930er Jahren nach Breslau umgezogen sein und habe daraufhin 10 000 Reichsmark bezahlen müssen, die sogenannte Reichsfluchtsteuer für Juden. 1941 emigrierte er über Spanien nach Kuba. „Normalerweise werden nur Steine für Juden verlegt, die gestorben sind, aber hier wollten wir aufzeigen, wo es überall Geschäfte gab“, sagte Ahlers. „Jeder hätte hier eigentlich mitkriegen müssen, was passiert war.“

Ein Haus weiter liegt bereits der nächste Stolperstein, „Emma Isselbächer, Tricotagen“, ist darauf zu lesen. In der Reichspogromnacht sei ihr Wäschegeschäft verwüstet worden, erzählt das Mitglied der Internationalen Friedensschule. Auch das Eiserne Kreuz, dass Emma Isselbächers Mann im Ersten Weltkrieg verliehen bekam, habe nicht vor Verfolgung geschützt. Nach der Pogromnacht hätten sie Blumenthal verlassen müssen. „Juden wurden ab 1939 in sogenannte Judenhäuser eingewiesen und ihr Besitz wurde beschlagnahmt.“

„Alfred Levy, geb. 1894, 1939 gezwungen zur Geschäftsaufgabe, ermordet in Minsk“ ist auf einem anderen Stolperstein vor dem ehemaligen Schuhgeschäft der Familie Nordenholz eingraviert. Hermann Nordenholz, schilderte Wiltrud Ahlers, soll dem damaligen Besitzer, dem Vater von Alfred Levy, das Haus 1938 abgekauft haben, immerhin für 3000 Reichsmark mehr als dieser gefordert hatte. Eric Isselbächer, einer der Überlebenden des Holocaust, schrieb später aus seiner neuen Heimat Liverpool an Hermann Nordenholz, dass er einer der wenigen Aufrechten gewesen sei und menschlich, wie Wiltrud Ahlers vorlas.

2012 wurde laut Wiltrud Ahlers der letzte Stolperstein in Blumenthal verlegt. Weitere Verlegungen seien nicht geplant. „Soweit wir wissen, haben alle durch das Nazi-Regime Ermordeten einen Erinnerungsstein bekommen.“

„Alle Ermordeten haben einen Erinnerungsstein bekommen.“ Wiltrud Ahlers
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