"Zeitschrift der Straße" feiert fünfjähriges Bestehen Steiniger Weg bis zur 35. Ausgabe

2011 haben Studierende aus Bremen ein Konzept für eine Obdachlosenzeitschrift entwickelt. Nicht alles sei laut dem Redaktionsleiter nach Plan verlaufen, aber vieles. Daher konnte die "Zeitschrift der Straße" nun ihr fünfjähriges Bestehen feiern.
04.02.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von SASKIA BÜCKER

2011 haben Studierende aus Bremen ein Konzept für eine Obdachlosenzeitschrift entwickelt. Nicht alles sei laut dem Redaktionsleiter nach Plan verlaufen, aber vieles. Daher konnte die "Zeitschrift der Straße" nun ihr fünfjähriges Bestehen feiern.

Luftballons hängen an der Zimmerdecke, und auch der Zigarettenrauch ist noch nicht ganz abgezogen. Es seien Überbleibsel einer ausgelassenen Jubiläumsfeier im Vertriebsbüro der „Zeitschrift der Straße“, erklärt Michael Vogel. Der Redaktionsleiter war von Anfang an dabei. Am 2. Februar 2011, vor fünf Jahren also, lag die erste Ausgabe der Bremer Obdachlosenzeitschrift vor ihm auf dem Tisch. Nicht alles sei seitdem nach Plan verlaufen, aber vieles besser als erwartet. Man müsse die Zeitschrift als Medien-, Sozial- und Lernprojekt verstehen, sagt er. „Effizienz ist da kein wichtiges Erfolgskriterium.“

Eigentlich arbeitet Michael Vogel als Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Bremerhaven. Vor sieben Jahren hatte er seine Studierenden mit einer Aufgabe vom Seminarraum auf die Straße geschickt: Sie sollten ein Konzept für eine Obdachlosenzeitschrift in Bremen und Bremerhaven entwickeln.

Aus der Theorie wurde schnell Realität. Herausgegeben wird das Blatt nun seit fünf Jahren vom Verein für Innere Mission. Es hat sich aus einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit heraus entwickelt: Studierende, Wohnungslose, Hochschullehrer, Journalisten und Ehrenamtliche arbeiten zusammen und kümmern sich um Design, Inhalte und Vertrieb.

Knapp 300 000 Hefte sind bislang unter die Leute gebracht worden, sagen die Herausgeber. Eine Zeitschrift kostet zwei Euro, die Hälfte davon bleibt beim Zeitungsverkäufer. Das sei eine Wertschätzung für Menschen, die sich in schwierigen Lebenslagen befinden, betont Vertriebskoordinator Reinhard Spöring. Insgesamt 750 Verkäufer seien in den vergangenen fünf Jahren beschäftigt worden. Einen regelmäßigen Verkauf gebe es nicht. Die Verkäufer entscheiden selbst, wann und wo sie die Zeitschriften anbieten wollen.

Derzeit holen sich rund 60 Verkäufer die Hefte in der Vertriebszentrale ab. Die liegt zwischen Nachtklubs, Dönerbuden und dem Siemens-Hochhaus am Bremer Hauptbahnhof – direkt neben dem Café Papagei, der sozialen Anlaufstelle des Vereins für Innere Mission. Feste Mitarbeiter hat die Zeitschrift nicht. Trotzdem gibt es inzwischen 35 Ausgaben.

Lege der Leser sie alle nebeneinander, halte er „ein bisschen Sozialgeschichte Bremens“ in den Händen, sagt Uwe Mletzko, Mitherausgeber und Vorstandssprecher des Vereins für Innere Mission. Für jede Ausgabe suchen sich die Texter, überwiegend Studierende der Hochschule Bremen, eine bestimmte Straße der Stadt – zunächst zum Beobachten, dann zum Recherchieren. In der aktuellen Ausgabe dreht sich alles um die Straße Am Schwarzen Meer.

Die „Zeitschrift der Straße“ trete anders auf als traditionelle Obdachlosenzeitschriften, sagt Mletzko. Diese Zeitschriften etwa in Berlin oder Stuttgart – oft in den 90er-Jahren entstanden – hätten Obdachlosenschicksale zum Thema und würden auf dünnem Papier gedruckt. Dies locke die Leserschaft aber nicht. Vielmehr werde das Produkt von den Passanten aus Mitleid gekauft. In der Bremer Zeitschrift stellten die Textemacher stattdessen soziale Brennpunkte und die Nöte Einzelner an einem bestimmten Ort der Stadt in vielen Geschichten dar, erklärt Mletzko. So wolle die Straßenzeitung das Thema Armut „in geringer Dosierung“ kommunizieren und gleichzeitig Lust aufs Lesen machen. Mletzko erinnert sich zum Beispiel noch gut an eine Erzählung über „das Knistern der Butter“: Eine blinde Frau erkennt an diesem Geräusch, wie heiß die Pfanne auf dem Herd ist.

Für Vertriebskoordinator Spöring misst sich der Erfolg der Zeitung vor allem an der Beteiligung der Verkäufer:„Wer die Zeitung auf der Straße hochhält, wird als Obdachloser sichtbar. Wir brauchen bei unserer Arbeit viel Geduld, um die Leute in den Verkauf zu bringen.“ Drei große Personengruppen würden damit in einen strukturierteren Tagesablauf finden: Obdachlose, Drogenabhängige und seit einiger Zeit auch Migranten aus Osteuropa. Im vergangenen Jahr sei der Anteil von Verkäufern aus Bulgarien und Rumänien enorm gestiegen. Das bringe auch Probleme mit sich. „Im Vertrieb fehlen uns Leute, die rumänisch sprechen“, so Spöring. Grundsätzlich könne die „Zeitschrift der Straße“ nur weiter bestehen, wenn zusätzliche Ehrenamtliche für das Projekt gewonnen werden könnten. „Denn wer macht denn das Büro für die Zeitungsverkäufer auf, wenn ich mal krank bin?“, fragt sich Spöring.

Der Weg bis zur 35. Ausgabe in diesem Monat war kein einfacher. Dass die Obdachlosenzeitschrift heute immer noch verkauft wird, nennt Redaktionsleiter Vogel „ein kleines Wunder“. Zwei Mal schon habe das Medienprojekt kurz vor dem Aus gestanden. Der Grund: zu wenig Geld, zu wenig Mitarbeiter, zu wenig Käufer. Nur knapp habe man sich mit Verkaufserlösen, Auszeichnungen mit Preisgeldern und Anzeigen über Wasser halten können. Erst im vergangenen Jahr habe sich die Lage entspannt. Seit Januar 2015 seien erfreulicherweise fast alle Ausgaben ausverkauft gewesen, sagen die Herausgeber.

Für dieses Jahr haben sie sich Großes vorgenommen. So wird die Stückzahl von rund 4000 auf 6000 Hefte pro Auflage erhöht. Geplant sind zehn Zeitschriften über Bremer Straßen und Orte, darunter zwei Ausgaben mit Fotografie-Schwerpunkt. „Wir experimentieren gerne“, sagt Vogel. Außerdem wollen die Redaktionsmitglieder einen digitalen Stadtplan für Bremen erstellen. Auf interaktiven Karten sollen auf der Internetseite der Zeitschrift Angebote zu Hilfeleistungen und die Verkaufsstandorte markiert werden. Überdies will man alle Straßen und Orte kenntlich machen, die bereits thematisiert wurden.

Auch eine sogenannte „Uni der Straße“ wird voraussichtlich im Mai dieses Jahres ihren Betrieb aufnehmen. Das Bildungsprogramm soll ein Angebot für Menschen am Rande der Gesellschaft sein, insbesondere für Wohnungslose. „Wir wollen wissenschaftliche, kulturelle und lebenspraktische Veranstaltungen anbieten, um den Menschen Möglichkeiten der Lebensgestaltung zu eröffnen “, erklärt Vogel die Projektidee.

Damit die „Zeitschrift der Straße“ auch langfristig finanziell überleben kann, suchen ihre Herausgeber jetzt weitere Mitglieder für einen neu gegründeten Freundeskreis. Beim Sammeln von Spenden sei das Projekt bisher sehr schlecht gewesen, räumt Vogel ein. Nur etwa fünf Prozent des Budgets seien bisher durch Spenden getragen worden. Das soll sich nun ändern. Ein monatlicher Mitgliedsbeitrag von acht Euro im Monat komme der Zeitschrift dauerhaft zugute.

Die „Zeitschrift der Straße“ lädt zu einem Info-Abend ein: am 18. Februar ab 18 Uhr im Café Papagei, Auf der Brake 2. Weitere Informationen unter www.zeitschrift-der-strasse.de.

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