Stephan Rosengart über neuere Architektur in Oberneuland / Plädoyer für einen langfristigen Gestaltungsplan 'Stereotype Bauten passen nicht zum Ort'

In einem Vortrag in Oberneuland hat sich der Bremer Architekt Stephan Rosengart jetzt kritisch zu zahlreichen Neubauten im ländlich geprägten Stadtteil geäußert. Was ihm missfällt und welche Kriterien er für das Bauen anlegt, erläutert er in einem Interview mit Andreas Becker. Rosengart arbeitet für die Architektengruppe Rosengart und Partner. Sie ist Nachfolgebüro der Architektengemeinschaft mit Carsten Schröck, Fritz Busse und Horst Rosengart von 1954.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste

In einem Vortrag in Oberneuland hat sich der Bremer Architekt Stephan Rosengart jetzt kritisch zu zahlreichen Neubauten im ländlich geprägten Stadtteil geäußert. Was ihm missfällt und welche Kriterien er für das Bauen anlegt, erläutert er in einem Interview mit Andreas Becker. Rosengart arbeitet für die Architektengruppe Rosengart und Partner. Sie ist Nachfolgebüro der Architektengemeinschaft mit Carsten Schröck, Fritz Busse und Horst Rosengart von 1954.

Welche baulichen Entwicklungen in Oberneuland gefallen Ihnen gut und was ist weniger gelungen?

Stephan Rosengart: Titel meines Vortrags ist die Bedeutung der regionalen Architektur. In diesem Sinne empfinde ich die oft sehr stereotyp erscheinenden Bauten, im - wie es in Verkaufsanzeigen heißt -'modernen Bauhausstil' als fremd in einer ländlich und landschaftlich geprägten Nachbarschaft. Außerdem finde ich, dass es für einen so bedeutenden Stadtteil, oder sollte man sagen Ort, wie Oberneuland einen langfristigen Entwicklungs- und Gestaltungsplan zum Beispiel nach dem Vorbild von Fischerhude geben könnte. Ein sehr gelungenes Beispiel für eine höchst individuelle Architektur und einen vorbildlichen Umgang mit dem Außenraum, ist meiner Meinung nach die Wohnbebauung im Hoffmanns Park und das Büro und Geschäftgebäude der GWB an der Oberneulander Heerstraße, kurz hinter der Sparkassen- und Volksbankfiliale.

Was macht für Sie generell gute Architektur aus, und inwieweit ist sie abhängig vom herrschenden Zeitgeschmack?

Gute Architektur macht aus, dass sie sich nicht abhängig macht vom Zeitgeschmack. Gute Architektur sollte vor allem die Nutzer befriedigen und den Ort und Raum für die neu geplante Architektur reflektieren.

Die traditionellen Baustile in Bremen werden meist auf das Altbremer Haus reduziert. Was gibt es historisch noch an prägenden Bauten?

Wenn Sie weitere prägende Baustile meinen, so hat es vor allem in den 1950er- und 60er-Jahren, der 'Nierentischzeit', ganz entscheidende und stadtprägende Entwicklungen gegeben. Besonders wichtig für die stadträumliche Qualität in Bremen war meiner Meinung nach die Entscheidung, die historischen Wallanlagen zu erhalten sowie die bauliche Annäherung an die Weser entlang der Schlachte bis in den Hafen. Wichtige prägende Bauten sind sicher das historische und neue Rathaus, das Aalto-Hochhaus, die alte Stadthalle vor den noch heute unverzeihlichen Umbauten und das Focke-Museum.

Die Häuser werden immer individueller. Kann man heutzutage überhaupt noch von einem vorherrschenden Baustil sprechen?

Individualität hat nichts mit einem Baustil zu tun. Außerdem gehe ich als Architekt nicht an eine Planungsaufgabe, indem ich sage 'heute baue ich mal im Stil des Bauhauses und morgen im Stil des Biedermeiers'. Architektur entwickelt sich aus Aspekten der Nachhaltigkeit, der Nutzbarkeit. Der Bauherr hat Anspruch auf 'Nullserien', die maßgeschneidert werden. Außerdem sollte sich Architektur aus dem räumlichen Kontext des Bauplatzes ergeben. Habe ich ein Waldgrundstück, ein Sonnengrundstück oder ein Grundstück am Wasser. Und in welcher Region liegt das Grundstück? Handelt es sich um ein Grundstück in der Stadt oder im ländlichen Raum? Zur Zeit wird Architektur auch geprägt durch technische Anforderungen an Wärmeschutz und Energieeffizienz.

Alte Häuser werden oft positiver beurteilt als Neubauten. Woran liegt das?

Diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Vielen Leuten fehlen vielleicht die Vorstellungskraft und der Mut, sich auf den Neubau eines maßgeschneiderten Hauses einzulassen. Daher ist es oft der Weg des geringsten Widerstands, eine Altbauimmobilie zu erwerben. Auch wenn der Abstellraum eigentlich zu klein, die Kinderzimmer zu groß, das Grundstück falsch ausgerichtet und die Räume zu niedrig sind. Wir vergessen, dass die historischen Bauten, die heute vielleicht allgemein als schön empfunden werden, in der damaligen Zeit auch als neu und ungewohnt betrachtet wurden. Und wenn jemand heute in einem Altbremer Reihenhaus wohnen möchte, dann soll er das mit all den baulichen Nachteilen tun. Jede Epoche hat ihre gesellschaftlich und technisch geprägte Ausdrucksform hervorgebracht.

Was ist aus Sicht des Architekten die größere Herausforderung: eine schöne Villa zu bauen oder einen ansprechenden Wohnblock mit Mietwohnungen?

Beides erfordert den gleichen Grad der intensiven Planung und Auseinandersetzung. Der Mietblock stellt insofern eine größere Herausforderung dar, da hier für Menschen gebaut wird, die ihre Wünsche und Anforderungen nicht formulieren können. Oft stehen dann eher Kosten-Nutzen- Aspekte im Vordergrund.

In Oberneuland wird kontrovers über einen geplanten Supermarkt diskutiert. In jedem Fall soll er sich optisch in den Stadtteil einfügen. Ist das bei einem Zweckbau nicht ein Widerspruch in sich?

Nein, durchaus nicht. Ich gehe davon aus, dass sich die Stadt, in Form des Planungsamtes, hier eine erhebliche Einflussnahme auf die Qualität und das Erscheinungsbild der Architektur gesichert hat. Wie der Presse zu entnehmen war, soll es ja auch einen Architektenwettbewerb geben. Wichtig ist in dem Zusammenhang nur, dass im Vorfeld die Wünsche, Anforderungen und Bedenken von Oberneuland einfließen können. Ich würde solch großflächigen Veränderungen in einem Stadtteil sogar als Chance bewerten. Vielleicht kann in diesem Zuge die gesamte Mühlenfeldstraße in ihrem Erscheinungsbild profitieren.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+