Unfallschwerpunkt Stern Entscheidung in Millisekunden: Bremer Kreisverkehr ist Herausforderung

Wer über den Stern fährt, muss auf vieles gefasst sein - und damit rechnen, dass andere gegen die Regeln verstoßen. Es bestehen viele Unsicherheiten über das richtige Verhalten. Ein Ortstermin.
12.08.2022, 05:00
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Entscheidung in Millisekunden: Bremer Kreisverkehr ist Herausforderung
Von Justus Randt

Wie man's macht, macht man's verkehrt. Mit der Befürchtung kann man manchmal zurechtkommen – an Unfallschwerpunkten wie dem Stern nicht. Alexandra von Rex wollte Gewissheit haben. Sie fährt täglich von der Wachmannstraße aus mit dem Rad in den Kreisverkehr und fragt sich, wem sie dann Vorfahrt zu gewähren hat: Den Radfahrern oder auch den Autofahrern, die die Parkallee ansteuern? Leser Karl-Heinz Rogoll hat eine Meinung dazu – will aber auch auf Nummer sicher gehen. Auf Anregung des WESER-KURIER haben sich die beiden am Stern mit drei Fachleuten getroffen: Claudia Hallensleben, Referatsleiterin der polizeilichen Prävention, Michael Kreie, Vorsitzender des Landesfahrlehrerverbandes Bremen, und Sven Eckert, Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) in Bremen.

„Der Stern ist einmalig, er wird nur durch den Utbremer Kreisel getoppt“, sagt Michael Kreie über das Gebilde mit sechs Straßenstrahlen und einem von Straßenbahnen und Bussen durchquerten Zentrum. Der Fahrlehrer versucht, seinen Schülern die „seit Generationen überlieferten Ängste vor dem Stern“ zu nehmen: „Eigentlich ist das relativ einfach zu vermitteln: In den Kreisverkehr Einfahrende müssen warten.“ Voraussetzung ist, dass stets klar ist, wer sich drinnen befindet und wer nicht.

Ortsspur als "Bypass"

Polizistin Claudia Hallensleben weist auf den äußeren Wege-Ring für Radfahrer hin – den müssen Autos beim Ein- und Ausfahren kreuzen. Auch an der Ausfahrt der Hollerallee in Richtung Findorff. Wer dort den Blinker setzt, muss auf Radler achten, hat aber Vorrang vor der dort wiederum außerhalb der Radzone gelegenen sogenannten Ortsspur. Das ist eine Art Bypass, der den von der Parkallee kommenden Verkehrsfluss schnell in die Hollerallee ableitet. Und eine Ausnahme – wie so manches am Stern.

Die Nachbarausfahrt in die Hermann-Böse-Straße lässt sich als einzige nicht direkt von der Hollerallee ansteuern, weil der Winkel zu spitz ist, sondern erfordert eine Kreiselrunde vor dem Abbiegen, stellt Hallensleben fest. Prompt biegt ein Falschfahrer ab. Eine schwierige Stelle, nicht nur für Autofahrerinnen und Autofahrer. „Überall anders ist der Radweg parallel zur Fahrbahn geführt“, beschreibt Sven Eckert die Situation an der besonders schmalen Ausfahrt. „Hier werden Radfahrer auf die Fahrbahn gelenkt.“ Erst ein paar Meter weiter setzt der Radweg ein. Wie auf Stichwort zischt ein Radfahrer auf dem nicht minder schmalen Bürgersteig vorbei. „An der Hermann-Böse-Straße wird Radfahrern besonders oft die Vorfahrt genommen“, hatte wiederum Karl-Heinz Rogoll behauptet – und ein Kleinwagenfahrer beweist es.

Wann ist man drin?

An der von Alexandra von Rex genutzten Radwegmündung aus der Wachmannstraße in den Stern sei die Verkehrsführung eigentlich eindeutig, meint Sven Eckert und ist sich darin mit Karl-Heinz Rogoll einig. Wer drin ist, hat Vorfahrt. Aber: Wann ist man drin? „Ich gewähre jedem Vorfahrt, Fahrrad, Auto, von mir aus auch Kaninchen“, sagt Alexandra von Rex. „Autos, die rechts raus wollen in die Parkallee, lasse ich vor – aber die kennen die Regeln oft nicht und winken mich rein – neulich auch ein Polizist…“

Wenn Autofahrer extra stoppen, sei das erst mal eine eindeutige Geste, gibt Claudia Hallensleben zu bedenken. Ungünstig nur, dass sich der Verkehr schnell staue, wendet von Rex ein, denn gerade morgens gebe es viel Radverkehr in Richtung Innenstadt. Für sie gilt "Vorfahrt achten", und zwar bezogen auf die Radfahrer, die sich im Kreisel befinden. Sobald Alexandra von Rex in den Stern hineingefahren ist, hat sie Vorfahrt vor ausfahrenden Autofahrern.

24 Unfälle in 2021

„Beim Reinfahren in den Kreisel ist es besser, zwei- statt einmal zu gucken, weil alles sehr schnell geht“, sagt Fahrlehrer Kreie. „Beim Rausfahren ist es wichtig, zu blinken beziehungsweise Handzeichen zu geben“, ergänzt Claudia Hallensleben. Der Abstand zwischen Radwegeinmündung und Autoausfahrt ist an dieser Stelle extrem klein. „Eine Fahrradlänge, wenn überhaupt.“ Während Hallensleben sich die Stelle ansieht, biegen zwei Autofahrer unerlaubt über die Taxispur der Wachmannstraße in den Stern ein. Ein Sattelschlepper fährt über die Gleise. Und eine Radfahrerin kommt entgegen der Fahrtrichtung durch den Kreisel – direkt auf die Polizistin zu.

Nur eine Fahrradlänge entscheidet also über Vorfahrt gewähren oder Vorfahrt haben. Sven Eckert spricht von einer „Millimeter-Entscheidung innerhalb einer Millisekunde“. Er versteht, dass das zur Verunsicherung beiträgt. Alexandra von Rex sieht sich in ihrer Meinung bestätigt. Dass sie und Karl-Heinz Rogoll sich gemeldet haben, geht auf einen Bericht dieser Zeitung zurück: 2021 haben sich 24 Unfälle am Stern ereignet, davon 19 mit Radfahrern. Seit der Entschärfung des Kreisels haben sich nicht weniger Unfälle ereignet, aber weniger schwere.

Sven Eckert und die beiden anderen Fachleute sind der Überzeugung, dass die Umgestaltung des Kreisverkehrs 2017 „den besten Stern" hervorgebracht hat, "den wir je hatten“. Man muss ihn zu nehmen wissen oder einen Bogen um dem Kreisel machen.

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