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Warnstreik der BSAG: Chaos in Bremen bleibt aus

Am Dienstag fahren wegen eines Verdi-Warnstreiks keine Busse und Bahnen der BSAG. Was bedeutet das für die Pendler? Und wie sieht es aktuell an den Knotenpunkten aus?
29.09.2020, 14:07
Lesedauer: 6 Min
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Warnstreik der BSAG: Chaos in Bremen bleibt aus
Von Nico Schnurr
Warnstreik der BSAG: Chaos in Bremen bleibt aus

Rund 300 Menschen nahmen an der Kundgebung der Gewerkschaft Verdi vor der BSAG-Zentrale teil.

Christina Kuhaupt

Seit dem frühen Morgen ruht Bremens Nahverkehr. Alle Busse und Bahnen der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) werden wegen eines Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi für den kompletten Tag stillstehen. Man muss eine ganze Zeit zurückgehen in der jüngeren Bremer Geschichte, um eine ähnliche Situation zu finden. 2004 hatte es einen Warnstreik bei der BSAG gegeben, er begann morgens und war nach ein paar Stunden vorbei. Am Nachmittag fuhren die Busse und Bahnen wieder. Das wird an diesem Dienstag anders sein.

300 BSAG-Mitarbeiter bei Kundgebung

Rund 300 Angestellte der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) nahmen am Dienstagvormittag an einer Kundgebung der Gewerkschaft Verdi vor der BSAG-Zentrale am Flughafendamm teil. Dennis Stahmann, Stellvertretender Vorsitzender des BSAG-Betriebsrats betonte dabei, dass die Mitarbeiter des Verkehrsunternehmens mit diesem Streik ein Signal gesetzt haben. „Wenn die Arbeitgeber nicht an den Verhandlungstisch kommen, sind wir bereit für weitere Tage“, sagte er. „Dass die Arbeitgeber nicht mit der Gewerkschaft sprechen wollten, sei „respektlos“, „eine Unverschämtheit“, so Hartmann weiter. Auf die Frage, ob weitere Streiks möglich seien, erwiderte er: „Wer guten öffentlichen Personennahverkehr möchte, benötige gute Arbeitsbedingungen in den Betrieben. Die Menschen sind bereit für ihre Interessen einzustehen. Der Ball läge nun bei den Arbeitgeberverbänden.

Wie sieht es aktuell in Bremen aus?

Der Verkehr in der Bremer Innenstadt läuft am Dienstagmorgen zunächst fast so, als wäre es ein gewöhnlicher Tag. Ohne Busse und Bahnen, hatten viele befürchtet, könnte es ein kleines Chaos geben, weil noch mehr Berufspendler aufs Auto setzen würden. Doch die Straßen wirken gegen 7 Uhr nicht viel voller als sonst. Nur gelegentlich stockt der Verkehr am Breitenweg. Gegen 8.30 Uhr sieht das schon anders aus. An vielen Verkehrsknotenpunkten wie dem Stern oder dem Osterdeich staut sich der Verkehr massiv. Wer sich vor der Fahrt zur Arbeit informieren möchte, findet aktuelle Informationen unter vmz.bremen.de.

Wer profitiert, wenn die Bahnen und Busse stillstehen? Am Dienstagmorgen scheint es, als würden die Taxifahrer am Bremer Hauptbahnhof erstmals seit vielen Monaten wieder ein gutes Geschäft machen. In der Corona-Krise hatte die Branche massive Umsatzrückgänge hinnehmen müssen. Keine Geschäftsreisenden, weniger Touristen, weniger alte Menschen, die ins Krankenhaus gefahren werden wollen. „Fünf Monate Katastrophe“, sagt ein Fahrer am Hauptbahnhof, „heute ist endlich mal eine Ausnahme.“ Vielen sind an diesem Morgen eher aufgestanden als sonst, sie haben ihren Dienst ein, zwei Stunden früher begonnen, in der Hoffnung, dass sie heute gebraucht werden. Und tatsächlich muss kaum ein Taxifahrer lange auf einen Fahrgast warten. Die Stimmung am Taxistand ist gelöst. „Wunderbar“, sagt einer, „so könnte es gerne jeden Tagen laufen.“​

Eines ändert sich auch an diesem Dienstagmorgen nicht: Die Menschen am Hauptbahnhof sind in Eile, sie hasten durch die Halle, hin zum Bahnhofsvorplatz. Doch weil dort heute keine Busse und Bahnen auf sie warten, haben sich viele Pendler etwas einfallen lassen. Sie tragen Skateboards unter dem Arm. Sie schieben Fahrräder neben sich her, kleine Klappräder vor allem. Sie ziehen Roller durch den Bahnhof, meist die Variante ohne Strom.

„Irgendwas musste ich mir ja überlegen“, sagt Gina, 22 Jahre alt. Sie ist auf dem Weg in den Hauptbahnhof, gleich will sie einen Zug nach Mahndorf nehmen. Weil sie von dort noch mal eine Viertelstunde zu ihrer Firma braucht, hat sie einen dieser Roller dabei, bei denen man noch selbst Schwung holen muss. Ein altes Teil, ewig nicht benutzt. Der Roller gehöre ihrem Freund und habe lange irgendwo im Keller gestanden. Als die beiden am Freitagabend von den Streikplänen gehört hätten, habe ihr Freund ihr den Roller angeboten, sagt Gina, als sie das Teil in die Bahnhofshalle schiebt. „Ich habe das Angebot natürlich sofort angenommen„, sagt sie, “damit ist das Problem für mich gelöst.“​

So wie Gina scheint es einigen Pendlern an diesem Morgen zu gehen. Viele, die mit dem Zug fahren und dann noch ein paar Meter zurücklegen müssen, haben offenbar vorher in der Garage nachgeschaut, ob sie dort nicht noch irgendein Fortbewegungsmittel finden können. Im Zweifel tut es ja auch ein Skateboard. Die Not macht an diesem Dienstag erfinderisch.

Wann wird gestreikt?

Es wird von Dienstbeginn bis Dienstschluss gestreikt, die etwa 2000 Beschäftigten der BSAG werden ihre Arbeit von 3 Uhr am Dienstag bis 3 Uhr am Mittwoch niederlegen. In dieser Zeit werden keine Busse und Bahnen fahren, die Kundenzentren bleiben geschlossen und die Leitstelle wird nicht besetzt sein.

Wo wird gestreikt?

Verdi hat für diesen Dienstag bundesweit zu Warnstreiks im Nahverkehr aufgerufen. Im Verdi-Landesbezirk Niedersachen-Bremen sind etwa 6000 Beschäftigte betroffen, neben der BSAG auch die kommunalen Verkehrsbetriebe in Hannover, Braunschweig, Osnabrück, Wolfsburg, Göttingen und Goslar. In Bremen ist für 10 Uhr eine Kundgebung vor der BSAG-Zentrale am Flughafendamm geplant. Coronabedingt soll der Protest in einem kleinen Kreis stattfinden, es werden bis zu einhundert Teilnehmer erwartet.

Warum wird gestreikt?

Grund für den Warnstreik ist die Entscheidung der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände, nicht in Verhandlungen für einen bundesweit gültigen Tarifvertrag einsteigen zu wollen. In den vergangenen Jahren hatte jede Kommune mit ihrem jeweiligen Verkehrsbetrieb eigene Verträge abgeschlossen. Insgesamt geht es um 130 Unternehmen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) mit 87.000 Mitarbeitern. Verdi fordert für sie unter anderem deutschlandweit zentrale Regelungen zu Urlaubstagen oder Sonderzahlungen.

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Wie steht die BSAG dazu?

„Wir werden bestreikt, die Verantwortung trägt Verdi“, sagt BSAG-Sprecher Jens-Christian Meyer, „wenn wir uns es aussuchen könnten, hätten wir gerne darauf verzichtet.“ Nach den ersten Monaten in der Corona-Krise kehre das Vertrauen in den ÖPNV gerade erst zurück, man stehe bei 70 Prozent der sonst üblichen Auslastung. Der Warnstreik komme zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

Was sagen die Arbeitgeber?

Die Arbeitgeber-Vertreter kritisieren die Streikpläne der Gewerkschaft scharf. „Das Verhalten von Verdi ist ein Anschlag auf die Allgemeinheit und die Wirtschaftlichkeit der kommunalen Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs“, sagt Niklas Benrath, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände. Auch Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Lande Bremen, übt Kritik. Die Auswirkungen seien fatal: „In einer Zeit, in der Tausende um ihre Jobs bangen und der Nahverkehr sich gerade erst von der Corona-Krise erholt, ist der Streik verantwortungslos.“ Grundsätzlich sei es Sache der Arbeitnehmer, pünktlich am Arbeitsplatz zu sein. Vor allem Pendler sollten also am Dienstag mehr Zeit für den Arbeitsweg einplanen, so Neumann-Redlin. Wenn sie es dennoch nicht rechtzeitig zur Firma schafften, sollten sie von ihrem Arbeitgeber Verständnis erwarten können.

Warum gibt es keinen Notbetrieb?

Heiko Strohmann, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, fordert den Senat auf, einen Notbetrieb im Nahverkehr sicherzustellen. „Es muss einem städtischen Betrieb möglich sein, kurzfristig und mit einer Hand voll Leuten zu planen, dass wenigstens die frequentiertesten Strecken befahren werden“, sagt Strohmann. Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) weist die Kritik zurück. „Es ist leicht, einen Notbetrieb zu fordern, wenn man dafür keine Verantwortung tragen muss“, sagt Schaefer. Sie habe Gespräche mit BSAG-Vorstand Hajo Müller geführt, gemeinsam sei man zum Entschluss gekommen, dass ein Notbetrieb gegenüber den Fahrgästen nicht zu verantworten wäre. Im schlimmsten Fall würde man damit auch den übrigen Verkehr der Stadt lahmlegen. Warum das passieren könnte, erklärt BSAG-Sprecher Meyer an einem Beispiel: Normalerweise übergebe ein Straßenbahnfahrer sein Fahrzeug nach der Schicht an einer Haltestelle an den nächsten Fahrer. Wenn dieser Kollege nun aber streiken und das Fahrzeug nicht übernehmen würde, stünden irgendwann überall in der Stadt Straßenbahnen herum, die auch den restlichen Verkehr beeinträchtigten könnten. Kritik am CDU-Vorschlag kommt auch von Verdi: Die Gewerkschaft interpretiert den Aufruf dahingehend, dass der verkehrspolitische Sprecher der CDU in Bremen „scheinbar keine Ahnung hat, wie ein Verkehrsbetrieb organisiert ist“.

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Fahren die Züge?

Die Züge, die Pendler aus dem Umland nach Bremen bringen, sollen planmäßig unterwegs sein. Der Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (VBN) erwartet keine Einschränkungen, die Mitgliedsunternehmen seien nicht betroffen. Firmen wie die Nordwestbahn oder die Metronom Eisenbahngesellschaft bleiben von den Streiks unberührt. Auch die Regionalbusse, die Fahrten nach Bremen anbieten, sollen wie gewohnt im Einsatz sein.

Gibt es Alternativen?

Der schwedische E-Scooter-Anbieter Voi hat angekündigt, die Flotte in den vom Streik betroffenen Städten kurzfristig zu erweitern. Das Unternehmen will allen Pendlern, die am Dienstag auf E-Scooter umsteigen, Freifahrten für den Arbeitsweg anbieten. Auch WK-Bike, das Fahrradverleihsystem, an dem die Bremer Tageszeitungen AG beteiligt ist, will seine Präsenz am Dienstag ausweiten und vor allem morgens und nachmittags zusätzliche Räder bereitstellen. Außerdem werden in der Facebook-Gruppe „Bremer kommen immer gut an“ unter #Nimmmichmit kurzfristige Mitfahrgelegenheiten vermittelt.

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