Polizei ist häufiger unterwegs

Stimmung im Bremer Viertel wird aggressiver

Die Polizei hat ihre Präsenz im Viertel deutlich verstärkt. „Die Zahl der Antanzdelikte hat sich in den letzten Wochen verdoppelt“, erklärt der Einsatzdienstleiter Heinfried Keithahn.
08.11.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Stimmung im Bremer Viertel wird aggressiver
Von Milan Jaeger
Stimmung im Bremer Viertel wird aggressiver

Treffen vor dem „Eisen“: Marcus Fress, Tarek Teut, Justin Sommer und Lajana Schaub (von links) planen den Abend.

Christina Kuhaupt

Abends im Viertel. Es ist gegen 23 Uhr. Plötzlich sprintet ein Mann dicht gefolgt von einem Jugendlichen über die Straße Vor dem Steintor. Mitten auf den Straßenbahnschienen lässt der Ältere ein Handy fallen, überquert den Ziegenmarkt und rennt weiter in Richtung Sielwall. Der Junge, er heißt Walid Almustafa, brüllt ihm hinterher: „Ich hätte dich gekriegt.“ Er bricht seinen Spurt ab, sammelt das Telefon auf und kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück: Eine Mischung aus Kiosk und Handyladen, schräg gegenüber vom Ziegenmarkt. Eine Szene, wie sie sich so ähnlich häufig im Viertel abspielt. Nicht immer enden die Fälle so glimpflich wie heute.

Almustafa war hinten im Lager, um ein paar Kisten auszuräumen, als ihn das Knistern einer Plastiktüte aufhorchen ließ. „Als ich nach vorne gegangen bin, habe ich gesehen, wie sich der Typ über die Ladentheke gelehnt hat, mein Handy griff und aus dem Laden gerannt ist.“ Almustafa sagt, dass er den Mann kenne, er sei ein Drogenabhängiger, der viel in der Gegend um den Ziegenmarkt herumhänge. Jetzt ist Almustafa einfach nur froh, dass er sein Telefon wieder hat, zum Glück funktioniert es noch. Es hat nur einen kleinen Kratzer abbekommen.

Keine 300 Meter weiter, an der Sielwallkreuzung, steht Justin Sommer mit seinen Freunden Marcus, Tarek und Lajana. Sie haben nichts von dem versuchten Diebstahl mitbekommen. Sie sind zwischen 18 und 24 Jahre alt und kennen sich aus ihrer Gemeinde. Von der Debatte um das Viertel, die in den letzten Wochen aufgekommen ist, haben sie natürlich gehört. Von den sogenannten Antänzern, die hier unterwegs sind, von den jungen Leuten, die im Krankenhaus endeten, als sie sich gegen Taschendiebe wehrten. Ob dies Auswirkungen auf ihr Verhalten hat? „Nein“, sagt Justin. „Idioten gab es hier schon immer.“

Nachfrage bei den Türstehern. Sie sind ja so eine Art Seismograf in Sachen Gewalt. Sie bekommen es als erstes zu spüren, wenn sich die „Idioten“ plötzlich vermehren. Sie merken, wenn die Stimmung unter dem Partyvolk und auf der Straße aggressiver wird. Offen sprechen will keiner von ihnen. „Dann könnte ich ja gleich in ein offenes Messer laufen“, sagt einer.

Carsten Roelecke und Heinfried Keithahn.

Carsten Roelecke und Heinfried Keithahn.

Foto: Christina Kuhaupt

Erzählen können die Türsteher im Viertel einiges. Manche haben längst Konsequenzen gezogen. Sie berichten, dass der Mitarbeiter einer Bar vor etwa einem Monat im sogenannten Bermudadreieck, also zwischen Fehrfeld und Römerstraße, von zwei Taschendieben angegriffen wurde. Der Mann ertappte sie wohl auf frischer Tat und wollte dazwischen gehen. Die Polizei bestätigt den Vorfall, sie ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung. Demnach haben die Täter, die den Ermittlern als „junge Nordafrikaner“ beschrieben wurden, den Barmann zunächst mit Bierflaschen angegriffen und ihm schließlich eine kleine Schnittwunde am Oberschenkel zugefügt. Seither tragen einige Türsteher schusssichere Westen. Einer klopft sich zum Beweis – „Tock-tock“ – vor die Brust.

Justin, Tarek und die anderen lassen sich von derlei Geschichten nicht abschrecken. Sie stehen ein bisschen unschlüssig an der Ecke Sielwall / Bernhardstraße, also dort, wo sich der Verlauf eines typischen Viertelabends entscheidet: „Lila Eule“, „Eisen“ oder doch „Bermudadreieck“. Es kann aber auch bei Döner und Bier auf dem Ziegenmarkt enden. Die Vier gehören zu den typischen Abendbesuchern des Quartiers: Sie sind jung, tragen Sneakers oder Stiefeletten, in jedem Fall aber Jeans und wollen sich vergnügen. Bis auf Tarek wohnen alle im Umland, in Schwarme, Achim und Brinkum. Ins Viertel kommen sie oft. „Um Freunde zu treffen und zum Essen und Trinken.“ Bestimmt zwei- oder dreimal pro Woche, schätzt Justin.

Jetzt holen sie sich erst einmal einen Döner in der „Taverna“, direkt an der Sielwallkreuzung. Hier ist auch unter der Woche einiges los. Das „Eisen“ ist schon gut gefüllt, bei der „Lila Eule“ machen sie hingegen gerade erst auf. „Kein Ort in Bremen ist wie das Viertel“, sagt Tarek. Er wohnt gleich um die Ecke. Wenn er mit seinen Freunden abends weggehen wolle, komme nur das Viertel in Frage. „Hier herrscht eine ganz andere Kultur als im Rest von Bremen.“ Nur hier würden so viele unterschiedliche Menschen und Kulturen aufeinanderprallen, nur hier gebe es so viel Subkultur. Die Frage ist nur, wo hört der Charme auf. Auch Tarek räumt ein, dass er ein mulmiges Gefühl habe, wenn seine Verlobte Lajana nachts allein im Viertel unterwegs sei. „Das versuche ich zu vermeiden“, sagt sie. Wenn sie aber gemeinsam mit Tarek unterwegs sei, fühle sie sich sicher.

Ortsamtsleiterin Hellena Harttung.

Ortsamtsleiterin Hellena Harttung.

Foto: Christina Kuhaupt

Die Polizei hat ihre Präsenz im Viertel deutlich verstärkt. Bei einem Treffen auf dem Ziegenmarkt am Nachmittag zuvor erklären Carsten Roelecke und Heinfried Keithahn die Schwerpunkte ihrer Arbeit. Sie haben eine Gruppe von straffälligen Jugendlichen ausgemacht, auf deren Konto ein Großteil der Straßenkriminalität hier gehen soll. „Die meisten kommen aus Algerien und Marokko“, sagt Roelecke, der momentan die Inspektion Mitte leitet und für das Viertel zuständig ist. Auch die Gruppe von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die seit Wochen im Gespräch ist, trete hier in Erscheinung.

„Die Zahl der Antanzdelikte hat sich in den letzten Wochen verdoppelt“, erklärt der Einsatzdienstleiter Keithahn. Allerdings erfasse die Polizei keine gesonderten Zahlen für das Viertel, das mache aus einsatztaktischer Sicht keinen Sinn. Keithahns Zahlen fassen also die Situation rund um den Hauptbahnhof, auf der Diskomeile und eben im Viertel zusammen. So sei dort die Zahl der Raubüberfälle innerhalb der ersten Jahreshälfte von etwa acht auf 16 pro Woche und die der Taschendiebstähle von etwa 20 auf 45 gestiegen. Keithahn betont aber auch: „Im September haben wir Schwerpunktmaßnahmen gestartet und konnten die Straßenraubdelikte wieder eindämmen.“ Nach wie vor bereiten diese den Ermittlern aber Sorgen.

Das Dreieck Vor dem Steintor, Fehrfeld und Römerstraße haben die Ermittler als eine Art Hotspot ausgemacht. Hier liegt die Filiale der Sparkasse, vor der sich abends regelmäßig Drogendealer versammeln. Von hier geht es in die nur spärlich beleuchtete Straße Fehrfeld. Jetzt, am Abend, stehen hier einige Männer, die die Vorbeigehenden mit einem „Hey, alles klar?“ ansprechen. Sie sind auf der Suche nach Kundschaft. An der Ecke Fehrfeld / Römerstraße steht ein Grüppchen von Barbesuchern. Ob sie sich von den Dealern gestört fühlen? „Nein, aber auf dem Heimweg überlege ich schon zweimal, ob ich unbedingt durch das Fehrfeld muss“, sagt einer.

Bestohlen worden: Walid Almustafa.

Bestohlen worden: Walid Almustafa.

Foto: Christina Kuhaupt

Auch Ortsamtsleiterin Hellena Harttung beschäftigt die Straßenkriminalität im Viertel. „Ich habe in den letzten Wochen viele Gespräche mit dem Stadtteilbeirat, Anwohnern und Wirten im Viertel geführt“, sagt sie. Auch für die nächsten Wochen plane sie weitere Gespräche. „Wir müssen gemeinsam überlegen, was wir tun können.“ Hellere Straßenlaternen sind in ihren Augen eine Möglichkeit. Ihr ist es aber auch wichtig, keinen rassistischen Zungenschlag aufkommen zulassen. Ähnlich wie der Chef des „Eisen“, der via Facebook Ende Oktober auf die vielen Diebstähle und Überfälle im Viertel hinwies, wägt sie ihre Worte sehr genau ab. Sie will auf keinen Fall, dass „rechte Gruppierungen auf dieses Thema aufspringen“.

Für Justin, Marcus, Tarek und Lajana steht derweil fest, dass sie sich ihre Abende im Viertel nicht verderben lassen wollen. Bisher wurden sie nicht überfallen, und sie sind optimistisch, dass das so bleibt. Für die Gruppe endet der Abend am Ziegenmarkt, mit einem Bier aus dem Supermarkt. „Ein typischer Viertelabend“, sagt Justin.

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