Erinnerung an Blumenthalerin

Stolperstein erneut verlegt

Weil der Busbahnhof in Blumenthal komplett umgestaltet worden ist, wurde auch der Stolperstein zur Erinnerung an Jenny Ries vorübergehend entfernt. Jetzt ist er wieder an seinem Platz.
25.10.2017, 16:26
Lesedauer: 2 Min
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Von Gabriela Keller
Stolperstein erneut verlegt

Schüler der Oberschule an der Eggestedter Straße erinnern bei der Verlegung des Stolpersteins an das Schicksal von Jenny Ries, die 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden ist.

Christian Kosak

Blumenthal. Der Gedenkstein liegt wieder an seinem Platz. Genau an der Stelle, wo er Anfang April für den Umbau des Blumenthaler Busbahnhofes weichen musste. Jetzt ist der Betonquader mit der Messingtafel vor einem Geschäftshaus an der Lüssumer Straße 1 neu verlegt worden. Zur Erinnerung an das Schicksal der Frau, deren Namen auch der neu gestaltete Bahnhofsplatz trägt, der am Sonntag eingeweiht wird: Jenny Ries.

Wie im Jahr 2009, als der Stolperstein für die von den Nazis ermordete jüdische Geschäftsfrau am Standort ihres ehemaligen Kaufhauses erstmals verlegt wurde, waren Schüler der Oberschule Eggestedter Straße an der Aktion beteiligt. Vor sechs Jahren hatte Lehrerin Monika Eichmann mit einer damaligen 13. Klasse eine Patenschaft für den Gedenkstein vor dem Gebäude übernommen, in dem sich heute eine Filiale der AOK befindet. Zur neuerlichen Verlegung war die Pädagogin mit zwei Geschichtsgrundkursen und der Klasse 6c gekommen. „Zum Ende der fünften Klasse hatten die Schüler in einer Aktion vor den Sommerferien Stolpersteine in der Umgebung der Schule geputzt und im Internet die jeweiligen Lebensläufe der Opfer recherchiert. Den Gedenkstein von Jenny Ries konnten wir damals nicht besuchen, weil er wegen der Bauarbeiten auf dem Bahnhofsplatz entfernt wurde“, berichtet Eichmann. Die Lehrerin selbst hatte den Stein für die Dauer der Arbeiten in ihre Obhut genommen.

„Jenny Ries war jahrzehntelang völlig vergessen, obwohl sie ein großes und bekanntes Geschäftshaus an der Lüssumer Straße in Blumenthal betrieben hatte“, sagt sie. Umso mehr freut es sie, dass jetzt nicht nur der neu verlegte Stein an die frühere jüdische Geschäftsfrau erinnert, sondern künftig auch der Bahnhofsplatz ihren Namen trägt. Joshua Büsing, Adelia Stachobski, Alexandra Sali und Emiraan Alsancak aus der 6c ließen die Lebensgeschichte von Jenny Ries mit ihrem traurigen Ende Revue passieren.

Die 1867 geborene Kauffrau hatte das Kaufhaus an der Lüssumer Straße im Jahre 1900 mit ihrem Mann David Ries eröffnet. Mehrere Schicksalsschläge trafen die Familie. Sohn Arthur fiel im Ersten Weltkrieg, 1923 starb Tochter Flora. Nach dem Tod ihres Ehemanns 1920 adoptierte Jenny Ries Emil Jacobs, mit dem sie ihr Kaufhaus bis 1935 führte. Es galt als „erstes Haus am Platz“. 15 Angestellte waren in guten Zeiten hier beschäftigt. Wer einen Ausbildungsplatz bei Ries fand, konnte sich glücklich schätzen.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, brachen für die Blumenthaler Kauffrau schwere Zeiten an. Die Nazis riefen zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Jenny Ries und ihr Adoptivsohn waren gezwungen, ihr Geschäft 1935 zu verpachten. Per Gesetz verboten die Nazis ab 1. Januar 1939 Juden den Besitz von Grund und Boden. Das Kaufhaus Ries ging in die Hände eines neues Besitzers über. Jenny Ries lebte damals bereits in einem jüdischen Altersheim in Gröpelingen. Am 23. Juli 1942 wurde sie mit 75 Jahren in das Getto Theresienstadt deportiert, acht Wochen später am 23. September im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Adoptivsohn Emil Jacobs-Ries und seine Frau überlebten die Nazi-Verfolgung im Untergrund in Brüssel, nach dem Krieg wanderten sie in die USA aus.

Burghard Bock rahmte die Verlegung des Stolpersteins musikalisch mit passenden Werken ein. So spielte er das Stück „Ich wandre durch Theresienstadt“ nach einem Gedicht der jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber. Sie hatte es nach ihrer Deportation ins Prager Getto 1942 verfasst, bevor sie 1944 im KZ Auschwitz ermordet wurde.

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