Kriminelle Clanmitglieder in Bremen "Straftaten der vollen Bandbreite"

In Bremen sorgen kriminelle Clanmitglieder immer wieder für Ärger, doch wie hält die Polizei dagegen? Der WESER-KURIER interviewte dazu LKA-Chef Daniel Heinke.
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Von Jan Oppel

In Bremen sorgen kriminelle Clanmitglieder immer wieder für Ärger, doch wie hält die Polizei dagegen? Der WESER-KURIER interviewte dazu LKA-Chef Daniel Heinke.

In Bremen sorgen kriminelle Clanmitglieder immer wieder für Ärger. Wie hält die Polizei dagegen?

Daniel Heinke: Die Informationssammelstelle für ethnische Clans, kurz Istec, sammelt Erkenntnisse und bereitet diese für die Fachkommissariate auf. Diese starten dann auf Basis dieser Erkenntnisse ihre Ermittlungen.

Die Istec hat 2010 mit vier Mitarbeitern ihre Arbeit aufgenommen, mittlerweile hat die Abteilung nur noch einen Mitarbeiter. Warum wurde das Personal reduziert?

Am Anfang war der Arbeitsaufwand bei der Istec deutlich höher, weil erst einmal die ganzen Informationen zusammengetragen werden mussten. Jetzt geht es nur noch darum, den Datensatz zu pflegen und auszubauen. Der verbleibende Istec-Mitarbeiter wird durch einen Kollegen aus einem anderen Bereich bei der Analyse unterstützt. Wir werden die Informationsstelle für ethnische Clans auch in Zukunft weiter betreiben, gleichzeitig wollen wir im Zuge der Polizeireform aber eine fachübergreifende Analyse-Einheit für alle Abteilungen aufbauen. Die Bearbeitung der Straftaten obliegt dann den Fachkommissariaten. Das richtige Personal muss an der richtigen Stelle sitzen.

Woher kommen diese ethnischen Clans eigentlich?

Sie gehören zur Volksgruppe Mhallamiye. Ein sehr großer Teil von ihnen ist in den 1970er-Jahren aus der Türkei nach Bremen gekommen. Mehrere Familien stammen aus der Region um die Stadt Mersin. Ein weiterer Teil kommt aus dem Libanon. Sie werden zumeist als Kurden bezeichnet.

Wie viele Mhallamiye leben in Bremen?

Mit Einrichtung der Informationsstelle für ethnische Clans im Jahr 2010 sind die Sicherheitsbehörden von 2.600 Personen ausgegangen, die wir zu den Mhallamiye zählen. Mittlerweile ordnet die Polizei dieser Gruppe mehr als 3.500 Personen zu, wovon etwa 1.800 bereits polizeilich in Erscheinung getreten sind.

Was bedeutet „polizeilich in Erscheinung getreten“?

Es geht um Straftaten in der vollen Bandbreite – vom geklauten Schokoriegel bis zum Tötungsdelikt. Das heißt aber ausdrücklich nicht, dass alle 1.800 Personen auch verurteilt worden sind.

Wie zählen sie Angehörige dieser Großfamilien überhaupt?

Das sind Personen, die aufgrund polizeilicher Erkenntnisse diesem Großfamilienverbund zuzurechnen sind. Es sind genauer gesagt mehrere Familien, die häufig in einer verwandtschaftlichen Beziehung zueinanderstehen, aber verschiedene Nachnamen haben.

Warum sind so viele Mhallamiye kriminell?

Die Gesamtzahl ist tatsächlich auffällig. Woran es im Einzelnen liegt, können wir nicht sagen. Wir beobachten aber, dass der kriminelle Teil versucht, Angehörige aus den eigenen Reihen zu rekrutieren. Aus der Kriminologie ist zudem bekannt, dass Faktoren wie etwa geringe wirtschaftliche Aussichten, niedrige Schulbildung oder Gewalterfahrungen in der Familie kriminelle Karrieren befördern.

Beobachten sie denn solche Zustände in diesen Familien?

Ein großer Teil der Personen, die aus diesen Familien stammen, ist tatsächlich von Sozialleistungen abhängig. Wir wissen auch, dass viele Männer aus diesem Spektrum in ihrem Leben bereits Gewalt erfahren haben. Und das in einem Umfang, der über das Normalmaß hinausgeht.

Kommen sich Clanmitglieder bei ihren Geschäften auch mit anderen kriminellen Gruppen in die Quere?

Es gibt Hinweise darauf, dass es zwischen ethnischen Clans und Gruppen aus der organisierten Kriminalität Überschneidungen gibt. Das gilt aber bundesweit. In Bremen kamen viele Mitglieder des mittlerweile verbotenen Ortsvereins des Rockerclubs Mongols MC aus dem Umfeld der Mhallamiye.

Innensenator Ulrich Mäurer hat schon vor Jahren angekündigt, kriminellen Clanmitgliedern mit „null Toleranz“ begegnen zu wollen. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Machen Sie bei allem Engagement noch zu wenig?

Wir treten diesen Strukturen offensiv entgegen. Dass diese Gruppen Bremen beherrschen, ist ein Mythos. Das ist einfach falsch. Straftaten werden von uns konsequent verfolgt und Kriminelle verurteilt. Der Rechtsstaat ist weit davon entfernt, in dieser Sache machtlos zu sein. Gleichwohl erhoffen wir uns, dass unsere Arbeit künftig erleichtert wird.

Inwiefern?

Zum Beispiel durch die Initiative der Bundesregierung, die eine vereinfachte Vermögensabschöpfung vorsieht. Wenn es uns einfacher gemacht wird, illegal beschafftes Geld einzuziehen, könnte das den Anreiz für viele Straftaten verringern.

Das Gespräch führte Jan Oppel.

Zur Person:

Daniel Heinke (42) leitet seit August 2016 die Bremer Kriminalpolizei und das Landeskriminalamt. Vorher war der Terrorismus-Experte als Referatsgruppenleiter bei Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) beschäftigt.

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