Seidenstraße

Straße der Hoffnung

Hunderte Jahre lang bestimmte die Seidenstraße den Welthandel, heute ist sie vor allem ein Mythos, auf dessen Spuren Touristen ferne Länder entdecken.
04.08.2017, 22:20
Lesedauer: 24 Min
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Straße der Hoffnung
Von Kathrin Aldenhoff
Straße der Hoffnung

Kasachstan - neue und alte Seidenstraße 2017

Christian Werner

Wird in der kasachischen Steppe ein Pferd geboren, dann friert es nicht, egal wie kalt der Wind bläst, egal wie viel Schnee liegt. Ein Pferd trinkt einmal bei seiner Mutter, und es kann rennen, kilometerweit, wenn es sein muss. Otemis Makhanow bewundert Pferde. Für ihre Stärke, ihren Stolz, ihre

Schönheit. Sagt es und zieht ein Kamelbaby vom Boden in die Höhe. Vor drei Stunden kam es zur Welt, sie haben dem Kleinen ein Tuch um den Bauch gebunden, damit es nicht friert. Und Otemis Makhanow will jetzt mal sehen, ob er es nicht dazu bringen kann, ein paar erste Schritte zu gehen. Er liebt die Pferde, aber in die Kamele setzt er all seine Hoffnung für die Zukunft.

Vor langer Zeit ruhte die Hoffnung der Kasachen schon mal auf den Kamelen. Und nicht nur die der Kasachen, auch die der Chinesen, die der Völker, die heute in Usbekistan, Kirgisistan und Turkmenistan leben. Vor hunderten Jahren lasteten auf den Kamelen die Waren dieser Welt.

Bis zu zwei Tonnen kann ein Kamel tragen

Sie ermöglichten den Handel von China bis nach Europa, sie waren die Symbole der Seidenstraße. Bis zu zwei Tonnen kann ein Kamel tragen. Die Kraft, die Genügsamkeit und das Durchhaltevermögen dieser Tiere sind der Grund, warum die Seidenstraße zu dem Mythos werden konnte, der sie heute ist: Die Kamele waren die Transportmittel.

Die Seidenstraße – schon der Klang dieses Namens weckt Bilder von Wüsten, schneebedeckten Gipfeln, staubigen Straßen und Karawanen. Die Seidenstraße verband China mit Europa, durchquerte Zentralasien. Auf ihr reisten Geschäftsmänner und Krieger, wertvolle Waren wie Seide, Keramik und Glas wurden gehandelt, Religionen und Ideologien verbreitet.

Dschingis Khan nutzte sie, um seine Eroberungsfeldzüge vorzubereiten. Die Seidenstraße, sie ist Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die Reisende und Archäologen noch heute begeistert. Und vielleicht ist die Seidenstraße auch die Zukunft. China holt den Mythos aus den Reisekatalogen und Museen in die Gegenwart, will die Seidenstraße zum Leben erwecken, lässt entlang der alten Handelsrouten Zugtrassen und Schnellstraßen bauen.

Wege zwischen China und Europa sollen kürzer werden

„One Belt, one Road“ – auf Deutsch „ein Gürtel, eine Straße“ – heißt das Projekt, das nach Angaben der chinesischen Regierung durch 67 Länder führen soll. Eine feste Route gibt es nicht, vielmehr ist die neue Seidenstraße ein Netzwerk von Handelsstraßen zwischen Ost und West – so wie es auch die alte war. Die Wege zwischen China und Europa sollen kürzer werden, sicherer.

Mehr als 900 Milliarden Euro sollen investiert werden, von China, chinesischen Banken und auch aus dem Ausland. Im Jahr 2013 sprach der chinesische Staatspräsident Xi Jinping zum ersten Mal von dem gigantischen Infrastrukturprojekt, das Europa und China enger verbinden soll, zu Land und zur See.

Seine Rede hielt er in der kasachischen Hauptstadt Astana und erklärte: Der nördliche Strang der neuen Seidenstraße werde durch Kasachstan verlaufen, der mittlere durch den Kaspischen Raum, der südliche durch den Iran. Kasachstan sieht sich als Schlüsselland in dem Projekt – und ist es, als vergleichsweise stabiler Staat in Zentralasien, wohl auch.

China strebt eine Führungsrolle an

Im Mai fand in China ein Seidenstraßen- Gipfel mit Vertretern aus hundert Ländern statt, auch Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries war dabei. Xi Jinping sprach von einer „Straße des Wohlstands“, einer „Straße des Friedens und des Aufschwungs“. In einer Zeit, in der die USA sich abschotten und aus internationalen Verträgen austreten, strebt China eine Führungsrolle an.

Es könne auch gar nicht anders aufgrund seiner strategischen Interessen und des wachsenden Gewichts der chinesischen Wirtschaft, schreibt der Journalist und Asienexperte Tom Miller in seinem Buch „China’s Asian Dream: Empire Building Along the New Silk Road“. Die EU ist zurückhaltend, Vertreter der deutschen Wirtschaft diskutieren, ob die neue Seidenstraße Bedrohung oder Chance ist.

In Bremen warnen manche davor, dass der Standort an Bedeutung verlieren könnte, wenn die Landhandelsrouten gestärkt werden. Die Deutsche Bank hat vor Kurzem entschieden, zusammen mit der China Development Bank drei Milliarden US-Dollar für das Projekt zur Verfügung zu stellen. Immer wieder betonen Vertreter Chinas, die neue Seidenstraße sei kein Soloprojekt Chinas, keine Einbahnstraße. Sie sprechen von einer „Win-Win-Situation“.

Kamelzüchter glaubt an die neue Seidenstraße

Die kasachische Regierung sieht im Großprojekt des Nachbarlandes eine Chance – die ehemalige Sowjetrepublik will profitieren, will sich im Zentrum der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und China positionieren. Die Seidenstraße, die den Ländern 2000 Jahre lang internationale Handelsverbindungen und Reichtum brachte, sie soll nun wieder Reichtum bringen. Sie soll die Wirtschaft wachsen lassen, Länder verbinden. Aber kann sie das? Wird die neue Initiative dem alten Mythos gerecht?

Der Kamelzüchter Otemis Makhanow glaubt an die neue Seidenstraße. Er sitzt am Tisch in der Küche seines Hauses, auf der Plastiktischdecke steht ein großer Teller mit breiten Nudeln, Pferdefleisch und Pferdewurst, daneben Schüsseln mit eingelegten Tomaten und Gurken. Vor ihm steht eine Porzellanschale mit Schubat, vergorener Kamelmilch.

Die Seidenstraße, ja, sie kann Kasachstan in eine gute Zukunft führen, sagt er. Nimmt einen Schluck von der kühlen, sauer-salzigen Kamelmilch und sagt: „Wir brauchen Austausch, wir brauchen Wissen von außen und neue Erfahrungen, um uns weiterzuentwickeln.“ Er hofft, dass er auch ganz persönlich von Chinas Großprojekt profitieren kann.

Zehn Menschen leben auf der Farm

Otemis Makhanow ist 68 Jahre alt, vor 14 Jahren hat er noch einmal ganz von vorne angefangen. Gemeinsam mit seiner Frau ist er aus Taraz im Süden in die Nähe von Almaty gezogen, der Kinder wegen. Mit zehn Pferden und zwei Kamelen fing er an, inzwischen hat er 150 Pferde, 200 Kamele und 500 Schafe. Wenn ihn jemand anruft, dann klingelt sein Handy nicht, dann wiehert es wie ein Pferd.

Ihn ruft oft jemand an: Seine 91-jährige Mutter, die er zu einer Hochzeit fahren soll, Leute, die seine Farm besuchen wollen, ein Kunde, der Kamelmilch nach Frankreich exportieren will. Zehn Menschen leben auf der Farm und arbeiten für ihn, eine von ihnen ist Gulchira Seitova. Jeden Tag führt die 32-Jährige eine Kamelmutter nach der anderen in einen Unterstand, bindet ihr mit einem Strick die Hinterbeine zusammen, um sie zu melken.

Die kleinen Kamele stehen zusammen in einem Teil des Stalles, eines nach dem anderen darf hinaus zu seiner Mutter. Es trinkt, und nach einer Weile stellt sich Gulchira Seitova mit einem Eimer dazu und melkt die Kamelstute. 500 Liter Kamelmilch und 300 Liter Stutenmilch produziert die Farm jeden Tag. Besonders die Kamelmilch gilt in Kasachstan als sehr gesund.

Stolz auf das Fohlen

An diesem Tag ist Otemis Makhanow dabei, nach dem Melken löst er
den Strick um die Hinterbeine und führt das Kamel nach draußen. Die Haut an seinen Händen ist dünn, aber die Hände sind stark und kräftig. Hände, mit denen er ein Kameljunges vom Boden hochzieht, ein Kamel auf der Weide einfängt und festhält. Und Hände, mit denen er liebevoll das gelbe Fohlen tätschelt, das vor wenigen Tagen zur Welt kam.

Die Farbe hat es von seinem Vater und den Stolz auch, sagt Otemis Makhanow, selbst sehr stolz auf das wunderschöne Fohlen. „Um sich gut um Tiere zu kümmern, muss man sie von Herzen lieben“, sagt er. Und erzählt: Wenn er sich krank fühlt, dann geht er zu einem seiner Pferde und legt ihm die Arme um den Hals. Danach fühlt er sich besser.

Pferde und Kamele, sie sind die wichtigsten Tiere für die Kasachen. Ein Volk, das einst nicht sesshaft war, durch die Steppe zog, jagte und von der Viehzucht lebte. Das erzählt schon der Name des Landes: Das türkischstämmige Wort „qaz“ bedeutet wandern, die persische Endsilbe -stan Land. Kasachstan, das ist das Land der Wanderer. Die Kasachen sind ein Volk, das heute zu großen Festtagen Jurten aufbaut – runde Zelte aus Filzbahnen, die auf einem leichten Holzgitter liegen und in denen die Nomaden lebten.

Seit 1991 ein unabhängiger Staat

Die Menschen kauen noch immer Kurt, salzige kleine Kügelchen aus getrockneter gesäuerter Milch, dazu gemacht, Wüstenreisende mit Nährstoffen und Mineralien zu versorgen. Und wenn eine Mutter ihre Tochter besonders liebt, dann sagt sie zu ihr Bota, die Abkürzung für Botakanym – mein kleines Kamel heißt das auf Kasachisch.

Pferde und Kamele, sie haben den Lebensstil der Nomaden ermöglicht. Kamele, weil sie so viel tragen können, weil sie genügsam sind, weil sie tagelang durch die Steppe laufen können, mit nichts zu fressen außer einer dürren, trockenen Pflanze, die sie hier Kamelmagen nennen. Pferde, weil sie schnell sind, weil sie die Kasachen in Kriege und zur Jagd getragen haben.

Seit 1991 ist Kasachstan ein unabhängiger Staat, seit 1991 ist derselbe Mann an der Macht: Nursultan Nasarbajew. Manche nennen ihn Papa, manche nennen ihn einen Monarchen, andere einen Diktator. Der 76-Jährige blickt von unzähligen Plakaten auf seine Landsleute, Zitate von ihm finden sich in Museen und neben Denkmälern.

Das Land will sich öffnen

Kasachstan, das ist ein riesiges Land in Zentralasien, das neuntgrößte der Erde. Doch zwei seiner Nachbarn sind noch größer: China und Russland. Und beide beeinflussen sie Kasachstan. Russland sehen viele Kasachen auch mehr als 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als ewigen Verbündeten. China aber ist das Land, das in den vergangenen Jahren Hunderte Millionen Euro in Kasachstan investiert hat.

Von allen zentralasiatischen Ländern ist Kasachstan das mit der größten Wirtschaft – auch dank seiner Bodenschätze. Und das Land will sich öffnen, will unabhängig werden von Russland. Das Land drängt auf die Weltbühne, die Syrien-Gespräche fanden in der kasachischen Hauptstadt Astana statt, die Expo 2017 soll internationale Gäste ins Land holen.

Die Weltausstellung ist eines von Nasarbajews Großprojekten, vom 10. Juni bis zum 10. September ist auch Deutschland mit einem Pavillon in der Hauptstadt Astana vertreten. Das Motto der diesjährigen Expo: Energie der Zukunft. Die Werbung dafür ist überall zu sehen, sie klebt auf den U-Bahnen in der Großstadt Almaty, auf Plakatwänden in Kleinstädten und auf den Zügen, die – beladen mit chinesischen Waren – durch Kasachstan nach Deutschland fahren.

Es geht vor allem um Infrastruktur

Der kasachische Präsident hat im November 2014 das Infrastrukturprogramm Nurly Zhol angekündigt – der strahlende Weg bedeutet das im Deutschen. Dieser strahlende Weg ist eng verknüpft mit Chinas gigantischem Plan, die Seidenstraße wieder aufleben zu lassen. In Kasachstan geht es dabei vor allem um Infrastruktur: Es werden neue Straßen und Logistikzentren gebaut.

Es fließt viel Geld, bis zum Jahr 2020 will die kasachische Regierung rund 18 Milliarden Euro in die Transportindustrie investieren, rund 2500 Kilometer Straße werden neu gebaut oder ausgebaut. Der Kamelfarmer Otemis Makhanow beklagt, dass die Kasachen ihr Land, ihre traditionellen Produkte, den Reichtum, den sie haben, nicht zur Kenntnis nehmen.

Seine Kamele und seine Schafe schert er, aus der Wolle lassen sich leichte und warme Decken machen, die besten, sagt er, und ganz natürlich. Fünf Tonnen Wolle musste er im vergangenen Jahr wegwerfen, keiner wollte sie kaufen. Wenn die neue Seidenstraße fertig ist, will er Kamelmilch und Wolle nach China und Europa verkaufen.

Billige Stoffe in der Freihandelszone Khorgos

Otemis Makhanow ist nur ein kleiner Händler. Aber er ist ein Beispiel dafür, wie einfache Menschen von der neuen Seidenstraße profitieren könnten. Ein Beispiel für die Chancen, die Menschen in Chinas Großprojekt sehen. Denn Otemis Makhanow glaubt, die Menschen in China und Europa wüssten die kasachischen Produkte mehr zu schätzen als seine Landsleute.

„Die Kasachen kaufen lieber billige künstliche Stoffe aus China“, sagt er, verzieht das Gesicht und schüttelt den Kopf. Einer der Orte, zu dem die Kasachen fahren, um genau das zu tun – nämlich billige Stoffe aus China kaufen –, ist die Freihandelszone Khorgos.

Khorgos war einst ein Knotenpunkt der historischen Seidenstraße, heute ist der Ort zentral für die beiden Großprojekte: für das chinesische, die neue Seidenstraße, und für das kasachische, den strahlenden Weg. Hier treffen beide Projekte aufeinander und sollen sich gegenseitig stärken.

Noch nicht alle sind in Betrieb

Seide ist hier nicht mehr von Bedeutung. Dafür italienische Nudeln, billige T-Shirts und Bettwäsche aus China, kasachische Lebensmittel und georgischer Wein. Khorgos liegt an der Grenze zwischen China und Kasachstan, und wenn alles so läuft, wie die beiden Regierungen es sich vorstellen, dann werden in drei Jahren Tausende dorthin kommen, mitten ins Nichts der Steppe, um einzukaufen und Urlaub zu machen.

Vor fünf Jahren öffnete die Freihandelszone Khorgos. Im Frühjahr 2017 stehen zwei Einkaufszentren und ein Logistikzentrum auf kasachischer Seite, auf chinesischer Seite sind es schon deutlich mehr Einkaufszentren, außerdem Bürogebäude, Apartmentblocks und auch ein Hotel.

Noch nicht alle sind in Betrieb. Wer aus Kasachstan in die Freihandelszone will, muss durch eine Sicherheitskontrolle und Grenzbeamten seinen Pass zeigen. Dann steigt er in einen Bus, der ihn rund drei Kilometer weit fährt, vorbei an Baustellen, bis zu den Pavillons, die schon fertig sind.

Ein Pavillon soll von der Seidenstraße erzählen

In den nächsten Jahren sollen mehr Hotels gebaut werden, Veranstaltungssäle und noch mehr Einkaufszentren. Mehr als 500 Hektar umfasst das Gelände an der Grenze. Auf der kasachischen Seite wollen sie einen Freizeitpark mit Märchenschloss, Kinderkarussell und Achterbahnen bauen, eine Rennbahn anlegen und Themenparks: ein kasachisches Dorf, einen slawischen Stadtteil, zentralasiatische Gebäude, die aussehen wie vor Hunderten von Jahren.

Ein Pavillon soll von der Seidenstraße erzählen – von der alten und der neuen. Die Chinesen sollen hier Urlaub machen, andere Kulturen kennenlernen und handgefertigte Souvenirs kaufen, die Kasachen sollen auf der anderen Seite shoppen gehen. 2020 soll alles fertig sein.

Das ist der Plan, den Ravil Budukow vorstellt. Er ist Chef des internationalen Departments der Freihandelszone. Der 27-jährige Kasache spricht fließend Chinesisch, er führt ausländische Delegationen durch die Freihandelszone, präsentiert das Projekt möglichen Investoren und plant mit den Chinesen gemeinsame Veranstaltungen. Seit fünf Jahren arbeitet er hier. Als er anfing, stand auf dem Gelände ein Container, aus dem ein Mann chinesisches Bier und Autoteile verkaufte.

Drei chinesische Geschäftsleute

Ein Freitagvormittag, ein Tag zwischen Winter und Frühling, neben dem kasachischen Pavillon steht etwas verloren ein Weihnachtsbaum. Whitney Houston schmettert „I will always love you“ über die Musikanlage auf den Vorplatz des Einkaufszentrums. Ein paar Dutzend Besucher machen Selfies, wahlweise mit Limousine oder der Adler-Skulptur in der Mitte des Platzes.

Drei chinesische Geschäftsleute kommen aus dem Einkaufszentrum, sie tragen Plastiktüten aus dem Duty-free-Shop. Seit dem Vortag sind sie hier, erzählen sie, am Abend fahren sie zurück mit dem Auto, in eine Stadt, 700 Kilometer entfernt. Warum sie gekommen sind? „Um Geschäftspartner zu treffen. Um einzukaufen. Weil wir uns hier westlich fühlen, europäisch“, sagt einer. „Wir mögen die kasachischen Produkte, sie sind natürlicher als die chinesischen.“

Die Grenze zwischen Kasachstan und China ist hier eine blau-rote Linie auf dem Asphalt. Blau steht für Kasachstan, rot für China. Rechts und links neben der blau-roten Linie trennen zwei grüne Metallzäune mit Stacheldraht China und Kasachstan, sitzen Grenzbeamte auf Türmen. Im Fall einer Epidemie oder eines Krieges können beide Seiten den Grenzzaun hochfahren, die Tore schließen.

Der zweimillionste Tourist

Ravil Budukow sagt, jeden Tag kämen durchschnittlich 10.000 Chinesen und 2500 bis 3000 Kasachen in die Freihandelszone. Gezahlt wird in Tenge und Yuan, die Duty-free-Shops akzeptieren auch US-Dollar. Wie viele Besucher es an diesem Freitag sind, kann Ravil Budukow nur für die kasachische Seite sagen: knapp 2600.

Und er erzählt, dass sie am Tag zuvor den zweimillionsten Touristen von kasachischer Seite begrüßt haben. Mehr als fünf Millionen Chinesen waren in den fünf Jahren schon da. Allein im vergangenen Jahr 2,5 Millionen, sagt Ravil Budukow. Und die hätten in Khorgos Waren im Wert von 436 Millionen Dollar gekauft.

Die Zahlen sind wichtig, sie dienen ihm als Nachweis, dass die Freihandelszone ein Erfolg ist – und ein noch größerer werden kann. 540 Milliarden Tenge sollen im kasachischen Teil von Khorgos investiert werden, das sind rund 1,5 Milliarden Euro. Neun Investoren geben Geld für 24 Bauvorhaben. Aber das reicht noch lange nicht: Ravil Budukow und seine Mitarbeiter müssen mehr Geldgeber finden: 64 Objekte sind auf kasachischer Seite geplant, 22 auf chinesischer Seite.

China muss sich mehr anstrengen

Die Freihandelszone ist ein Beispiel für die großen Pläne, die China und Kasachstan verfolgen. Doch viele Kasachen glauben, dass vor allem China davon profitiert, und auch damit ist dieses Projekt beispielhaft. China, so schätzt es der Asienkenner Tom Miller ein, muss sich mehr anstrengen, um in den zentralasiatischen Ländern Vertrauen zu gewinnen.

In einem Einkaufszentrum auf der chinesischen Seite spazieren zwei kasachische Frauen mittleren Alters durch die Gänge, inspizieren die Geschäfte, in denen Schals, Koffer und Handtaschen liegen. Ein junger Mann mit einer Sackkarre folgt ihnen. Die Frauen kaufen ein, er trägt. Und er trägt schon schwer: Drei große Plastikpakete stapeln sich übereinander, mit Stricken fest vertäut.

Hinter dem Einkaufszentrum packen Dutzende Arbeiter stapelweise T-Shirts und Handtücher zu festen Paketen, sie rauchen und rufen durcheinander, Paketband quietscht und reißt. Die kasachische Post hat eine Filiale hier, wer will, kann sich seinen Einkauf nach Hause liefern lassen.

Russland als führende Wirtschaftsmacht abgelöst

Viele Kasachen kaufen hier in großen Mengen und verkaufen die T-Shirts, Schals und Spielzeuge dann auf kasachischen Märkten. Für 1500 Euro pro Monat darf jeder Kasache zollfrei chinesische Waren kaufen, maximal 50 Kilogramm, sagt Ravil Budukow. Das soll den kasachischen Markt vor zu viel chinesischen Produkten schützen. „Für die Chinesen gelten andere Regeln“, sagt er. Sie dürfen jeden Tag rund 1000 Euro in Khorgos ausgeben.

China habe Russland als führende Wirtschaftsmacht in Zentralasien in den vergangenen zehn Jahren abgelöst, schreibt Tom Miller in „China‘s Asian Dream“. Das Land sei der größte Investor und Finanzier in Kasachstan, das nationale chinesische Ölunternehmen CNPC kontrolliere ein Viertel der kasachischen Ölproduktion. Und China will Zentralasien nicht zuletzt mit der neuen Seidenstraße noch enger an sich binden.

Einige Kilometer von der Freihandelszone und der Vision eines Einkaufs- und Urlaubsparadieses entfernt, arbeitet Galina Osipova. Die 42-Jährige sitzt in 30 Metern Höhe auf einem Kran und stapelt Container. Ihr Kranführerhäuschen gleitet an einem gelben Metallgerüst über sechs Gleise: drei in chinesischer Spurbreite, drei in kasachischer.

Für den Job her gezogen

Die kasachischen Gleise sind etwas breiter als die chinesischen, deshalb können die chinesischen Züge mit ihren Waren nicht einfach so über die Grenze fahren. Die Container müssen umgeladen werden. Der Umschlagbahnhof in Khorgos ist eines der Logistikzentren, die der neuen Seidenstraße Leben einhauchen sollen. China und Kasachstan wollen aus der kleinen Stadt Khorgos eines der größten Umschlagszentren in Zentralasien machen. Der Ort zeigt, wie weit die Pläne von der Wirklichkeit entfernt sind.

Hier, mitten im Nichts der kasachischen Steppe, nahe der chinesischen Grenze, kommen jeden Tag drei Züge aus China an; der erste kam am 29. Juli 2015. Die Kranführer arbeiten in Schichten rund um die Uhr, auch am Wochenende. Seit Mai 2016 ist Galina Osipova eine von ihnen. Für den Job ist sie hierher gezogen, in eine neue Siedlung in der Nähe ihres Arbeitsplatzes.

Sobald der Zug stillsteht, fährt Galina Osipova die Greifarme ihres Krans über den chinesischen Zug. Ein Warnsignal, wie eine Polizeisirene, nur etwas langsamer, schrillt über das Gelände. Galina Osipova fährt die Greifarme ihres Krans langsam hinunter, bis sie mit einem dumpfen Klicken im Container einrasten. An vier Ecken packt sie ihn, zieht ihn nach oben und zur Seite und setzt den Container auf einen kasachischen Zug. Das geht nur langsam, sachte schwankt der Container von links nach rechts, während sie ihn herunterlässt.

47 Minuten für den Wechsel zwischen Zügen für 50 Container

Die Kräne hat Kasachstan einer chinesischen Firma abgekauft, drei haben sie hier, sie arbeiten gleichzeitig. Maximal 47 Minuten dauert es nach Aussage der Pressesprecherin, bis 50 Container den Zug gewechselt haben. Von Juli 2015 bis März 2017 sind auf dem Trockenhafen 39 266 Container umgeladen worden, das entspricht 135 876 Standardcontainern (TEU). Zum Vergleich: Im Hamburger Hafen schlagen sie diese Menge in nicht einmal sechs Tagen um.

Die Zahlen sollen nicht so bleiben, die Manager des Trockenhafens haben große Pläne. Sie wollen wachsen, wachsen, wachsen. „Wo der Osten den Westen trifft“, ist ihr Motto. Das Terminal in Khorgos fördere den Handel zwischen Ost und West, senke die Kosten und bringe Waren schneller auf den Weltmarkt, heißt es in einer Broschüre. Und: „Das Projekt trägt maßgeblich dazu bei, die Gemeinden vor Ort zu stärken und Kasachstan im Mittelpunkt der neuen eurasischen Wirtschaft zu positionieren.“

Sie haben zwei große Lagerhäuser rechts und links der Schienen bauen lassen, 10 000 Quadratmeter, mit einem eigenen Bereich für Waren, die bei bestimmten Temperaturen gelagert werden müssen. Seit Monaten stehen die Warenhäuser leer. Aber die Geschäftsführer des Umschlagbahnhofs zählen auf die gute Lage, an einem Knotenpunkt der alten und der neuen Seidenstraße.

Angst vor der wirtschaftlichen Stärke

Ein Zug, den Galina Osipova mit 40 Containern beladen hat, verlässt Khorgos am frühen Nachmittag, er hat 7000 Kilometer und rund zehn Tage Fahrt vor sich: Duisburg ist sein Ziel. Die Unternehmen HP und Acer zum Beispiel nutzen die Strecke, um ihre Laptops aus China nach Europa zu bringen.

Weil es das Terminal in Khorgos gebe, brauche ein Güterzug nur noch rund 15 Tage von China nach Deutschland, sagt die Pressesprecherin. Vorher seien es 45 Tage gewesen. Mit dem Zug sind die Waren schneller in Europa als mit dem Schiff und günstiger als mit dem Flugzeug. Produkte schneller nach Europa zu bringen, ist für China eines der großen Ziele der neuen Seidenstraße. Und Kasachstan als Nachbarland möchte natürlich mitverdienen.

Aber nicht alle Kasachen teilen die Euphorie ihrer Regierung über die Zusammenarbeit mit den Chinesen. „Die Menschen hier haben Angst vor China“, sagt der Journalist Adil Jalilow. Es ist eine irrationale Angst, aber sie ist kaum aus den Kasachen herauszubekommen. Sie haben nicht nur Angst vor der wirtschaftlichen Stärke des Landes, sondern auch vor der schlichten Menge der Bevölkerung: 1,3 Milliarden Menschen leben in China. In Kasachstan 18 Millionen. Viele Kasachen haben Angst, dass die Chinesen ihnen ihr Land wegnehmen.

Proteste in mehreren Städten

Seit 20 Jahren arbeitet der 45-jährige Adil Jalilow als Journalist, 2004 gründete er in Kasachstans größter Stadt Almaty mit anderen Journalisten Medianet, eine Journalistenschule und Nichtregierungsorganisation. Dort klären sie kasachische Journalisten über ihre Rechte und ihre Verantwortung auf, es gibt Englisch- und Multimediakurse.

Das Ziel von Adil Jalilow und seinen Kollegen ist es, die Zivilgesellschaft in Kasachstan und anderen zentralasiatischen Ländern zu stärken, indem sie unabhängige Medien stärken. Und natürlich verfolgt Adil Jalilow die politischen Ereignisse in seinem Land besonders aufmerksam.

Im vergangenen Jahr gab es Proteste in mehreren Städten, auch in Almaty. Der Grund: Die Regierung wollte ein Gesetz ändern, das es ermöglicht hätte, Land für 25 statt wie bisher für zehn Jahre an Ausländer zu verpachten. Die Kasachen hatten Angst, dass damit der Ausverkauf ihres Landes an China beginnt.

"Das war zu viel"

Aigerim Tleuzhanova ist damals, am 21. Mai 2016, mit Freundinnen auf den Platz der Republik in Almaty gegangen. Sie haben sich an den Händen gefasst und die kasachische Nationalhymne gesungen. „Wir waren es gewohnt, dass wir in einem korrupten Land leben, dass alles Gute in diesem Land ihm gehört.

Aber dass sie unser Land verkaufen wollen, das war zu viel“, sagt Aigerim Tleuzhanova und meint mit „ihm“ den kasachischen Präsidenten. Die Regierung ließ Demonstranten festnehmen, auch Aigerim Tleuzhanova verbrachte einige Stunden bei der Polizei, wurde dann aber wieder freigelassen.

Aigerim Tleuzhanova ist 31, beruflich erfolgreich, sie übersetzt Fernsehfilme ins Kasachische. Sie liebt ihr Leben in Almaty. Aber sie hadert mit dem politischen System. Sie sieht, dass es Kasachstans vom Erdöl abhängiger Wirtschaft schlecht geht, dass viele in den vergangenen Jahren ihren Job verloren haben und die Landeswährung Tenge an Wert. Sie nennt sich eine Aktivistin, will etwas verändern. Etwas immerhin ist aus ihrer Sicht geschafft: Die Bodenreform hat Nasarbajew nicht wie geplant erlassen.

Plötzlich stand die Polizei vor der Tür

Adil Jalilow glaubt, dass die kasachische Regierung ein Interesse an den Protesten hatte, dass sie nicht durch und durch echt waren. „Die Protestkultur in Kasachstan ist nicht besonders entwickelt.“ Ein Grund dafür liege in der Geschichte des Nomadenvolkes: Wenn sie unzufrieden waren, sind die Menschen woanders hingegangen. „Es kann sein, dass ein paar ehrliche Demonstranten dabei waren“, sagt er. „Aber vor allem hat der Staat nun einen Grund, Aktivisten zu verfolgen.“

Im Sommer vergangenen Jahres stand plötzlich die Polizei bei Aigerim Tleuzhanova vor der Tür, Polizisten durchsuchten ihre Wohnung, nahmen ihren Laptop und ihr Smartphone mit. Sie habe die Sachen bis heute nicht zurückbekommen, sagt sie.

Die Anklage wurde fallen gelassen. Und sie hat doch gewirkt: Die junge Frau traut sich nicht mehr, zu demonstrieren, ihre Meinung offen in den sozialen Netzwerken zu äußern. Sie will ihren Job nicht verlieren. Und sie will nicht ins Gefängnis. „Ich bin ein Mädchen, ich will nicht geschlagen werden. Zehn Tage Gefängnis, okay. Aber nicht drei Jahre oder länger.“

Viele der Kollegen sind verhaftet worden

So wie viele andere beschäftigt sie die Frage: Was wird, wenn Nursultan Nasarbajew stirbt? Wer gewinnt den Machtkampf um die Nachfolge? Aigerim Tleuzhanova hofft auf eine Revolution. Auch der Journalist Adil Jalilow fragt sich, wie die Zukunft seines Landes nach dem Tod des Präsidenten aussehen wird. „In Kasachstan gibt es keine Tradition im Übergang“, sagt er. „Das größte Problem ist es, eine demokratische Tradition in die Köpfe der Menschen zu bringen.“

Viele seiner Kollegen sind verhaftet worden. Aber auswandern oder den Beruf wechseln, das will Adil Jalilow nicht. In zwölf Jahren haben sie 1500 Menschen an der Journalistenschule unterrichtet, sagt Adil Jalilow, 300 von ihnen wurden Journalisten. Und zehn, sagt er, wurden sehr gute Journalisten. „Ich habe das Gefühl, dass ich so etwas verändern kann.“

Die neue Seidenstraße sieht er kritisch, auch wenn sie seinem Land Straßen und Zugtrassen beschert: Gerade im Straßenbau gebe es viel Korruption. „Beamte können viel Geld aus einem Kilometer Straße schlagen“, sagt Adil Jalilow. Und wenn die Straße repariert werden muss, dann fließe wieder Geld.

Seit 2012 bauen Arbeiter diese Straße

Der Güterzug, der Khorgos am Nachmittag in Richtung Duisburg verlassen hat, durchquert auf seinem Weg die kasachische Steppe. Die Lokomotive ist mit einer bunten Expo-Werbung beklebt. Blauer Dunst liegt über dem Land, die Büsche und das Gras sind noch mehr braun als grün, aber die Sonne scheint, bringt eine Idee vom Frühling, auch wenn die Luft noch kalt und der Wind noch kälter ist. Eine Weile verläuft die Zugtrasse parallel zur neuen Schnellstraße von Khorgos nach Almaty.

Seit 2012 bauen Arbeiter diese Straße, 340 Kilometer, von der chinesischen Grenze bis zur größten Stadt des Landes. Die neue Straße nach Khorgos ist noch nicht fertig, aber es fahren Autos auf ihr, auch Straßenschilder gibt es schon. Eines, das die Auffahrt verbietet, und eines, das Autofahrer anweist, links zu fahren. Wenn sie schon auf der nicht-eröffneten Straße fahren, dann wenigstens auf dem Betonstreifen, mit dem die Arbeiter schon weiter sind.

Im Sommer soll die Straße fertig sein, sie ist Teil der neuen Seidenstraße, genauso wie andere neue Straßen im Süden Kasachstans: die von Almaty nach Schymkent, von Schymkent nach Turkistan und Kyzylorda, von Schymkent in die usbekische Hauptstadt Taschkent. Manche sind bereits fertig, an anderen wird noch gebaut, andere sind schon wieder kaputt: Auf der Strecke von Schymkent nach Turkistan warnen Straßenschilder vor Unebenheiten im Asphalt. Trotzdem sind viele Autos unterwegs.

Auf die alte Straße ausweichen

Auf den Baustellen zwischen Khorgos und Almaty rollen Planierwalzen, Lastwagen bringen neues Baumaterial, Arbeiter in orangefarbenen und gelben Warnwesten befestigen die Mittelplanken. Viele von ihnen sind Kasachen, oft arbeiten sie für ausländische Firmen, etwa für ein türkisches oder italienisches Unternehmen, das für den Bauabschnitt zuständig ist.

Ein Stück weiter sitzen zwei Arbeiter auf einer Schwelle im Asphalt der Straße. Es fehlt ein Stück, sie sitzen dort, mitten im Nichts der Steppe, reden und rauchen. Im März ist die neue Straße noch nicht auf der ganzen Strecke befahrbar, wer nach Almaty will, muss auf die alte Straße ausweichen. Sie ist länger, kurviger, führt näher an den Bergen vorbei.

Eine Frau sitzt am Straßenrand, vor sich hat sie Kisten aufgestellt, darauf liegen Fische. „Die leben noch“, sagt sie und meint damit, dass die Fische gerade erst aus dem See in der Nähe gezogen wurden. Ab und zu stoppt ein Autofahrer, kauft einen Fisch. Die Frau sitzt geduldig da, hinter ihr die schneebedeckten Berge – die Grenze nach Kirgisistan.

Mit 15 auf der ersten Ausgrabung

Andere verkaufen Äpfel und Honig am Straßenrand, wieder andere haben aus Blech Unterstände gebaut. Dort kneten sie Teig, den sie dann in Lehmöfen neben der Straße zu Samsa backen – runden, manchmal auch dreieckigen Brötchen, gefüllt mit Fleisch und Zwiebeln. Im Süden gibt es entlang der Straßen Cafés, in denen Kamelmilch und Stutenmilch ausgeschenkt werden.

Wenn die neuen Straßen fertig sind, werden die Buden umziehen. Die Verkäufer werden ihre Stände dort aufbauen, wo die meisten Autos vorbeifahren. In manchen Ecken sind sie schon umgezogen, sagt Serik Akylbek. „Die Straße ist Leben.“ Entlang der Strecken, auf denen Menschen reisen, entstehen Geschäfte: Reisende wollen essen, trinken, sie wollen irgendwo übernachten. So ist das schon immer, so war es auch vor Hunderten von Jahren, als auf der Seidenstraße noch Seide gehandelt wurde.

Serik Akylbek ist Archäologe, 44 Jahre alt und erzählt gerne von der Vergangenheit. Mit 15 war er auf seiner ersten Ausgrabung. Heute ist er ein anerkannter Archäologe, der schon an vielen Orten die Vergangenheit ans Tageslicht geholt hat. „Es gibt wenig Quellen für kasachische Geschichte“, sagt er. „Wir schreiben diese Geschichte.“

Tausende Menschen leben in der Stadt

Seit 1994 arbeitet er im Archäologischen Museum von Otrar. Das Museum zeigt die Geschichte einer Stadt, die es so nicht mehr gibt. Einer vergangenen, einst bedeutenden, reichen Handelsstadt auf der historischen Seidenstraße. Schon im zweiten Jahrhundert vor Christus sollen Menschen in Otrar gelebt haben, die Herrscher wechselten über die Jahrhunderte, auch die Religionen, der Islam setzte sich schließlich durch.

Eine Stadt wurde auf die andere gebaut, eine Schicht nach der anderen haben die Archäologen entdeckt. „Otrar ist die am besten erforschte historische Stätte Kasachstans“, sagt Serik Akylbek. Er selbst grub dort 13 Jahre lang. Am besten ging es der Stadt und ihren Bewohnern zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert.

Tausende Menschen lebten hier, es gab Schmiedewerkstätten und Badehäuser, Moscheen und Töpfereien. Bei den Ausgrabungen fanden sie Glas aus Syrien, Keramik aus dem Iran, Münzen aus verschiedenen Staaten. All diese Funde erzählen Serik Akylbek eine Geschichte, erzählen ihm, dass Otrar Handelsbeziehungen zu vielen Ländern hatte, dass die Stadt eine Station der Seidenstraße war.

Ein besonderer Erfolg

Mit der großen Zeit war es im Jahr 1219 erst einmal vorbei: Der Großkahn der Mongolen, Dschingis Khan, griff Otrar an. Den erbitterten Kampf um die Stadt zeigt ein Diorama im Museum: Mongolische Kämpfer in langen Gewändern und mit Krummschwertern bewaffnet stürmen die Stadt, Soldaten in Helm und Rüstung verteidigen sie. Nach einem halben Jahr hatten Dschingis Khans Männer die Stadt erobert.

Ein besonderer Erfolg für Serik Akylbek: Er entdeckte die Reste des süd-westlichen Stadttors aus der Zeit dieses mongolischen Angriffs. Vor Kurzem haben sie es nach historischem Vorbild wieder aufgebaut. Neu und hell und vollkommen hebt es sich vom Rest ab. Von den Lehmmauern der Häuser, von den Säulen, die einst Teil einer Moschee waren. Von den bunten Keramikscherben, die auf dem Boden liegen. Serik Akylbek bückt sich, hebt eine auf. „16. Jahrhundert vermute ich“, sagt er und legt sie zurück. Das Museum ist voll davon.

In Otrar gibt es für ihn nicht mehr viel zu entdecken. An anderen Orten umso mehr. In Kulan zum Beispiel, etwas weiter östlich. Auch Kulan war vor Jahrhunderten eine reiche Stadt, vielleicht noch reicher und prächtiger als Otrar. Im Sommer 2015 hat er dort gegraben und etwas entdeckt, von dem er sagt, dass es ihn so berührt hat wie nichts zuvor.

Sand zum Schutz

Sie fanden einen Palast, bemalte Mauern, Porträts des Statthalters und seiner Frau aus dem achten Jahrhundert. „Wir wussten, dass es in der Turk-Kultur Bilder auf Steinen gegeben haben muss. In Kulan konnten wir das mit unseren eigenen Augen an den Wänden sehen.“ Serik Akylbek zeigt Skizzen von den Verzierungen, die sie im Palast gefunden haben, kunstvolle Muster, Weinreben, die sich über die Wände ranken, kreisrunde Ornamente, jedes unterscheidet sich im Muster von dem daneben.

Um das, was sie fanden, vor dem Wetter, vor Räubern und vor Vandalismus zu schützen, schütteten sie Sand darüber. Serik Akylbek hofft, dass sie den im Sommer wieder wegschaufeln, dass sie weiter forschen können. Und dass sie ihre Entdeckungen dann so aufbereiten können, dass jeder sie sehen kann.

Ein paar Kilometer von Kulan entfernt, in Taraz, da haben sie das schon gemacht. Sie haben ein Dach über die Ruinen der alten Stadt gebaut, ein Museum daneben gestellt und außenrum einen Park mit Bänken, jungen Bäumen und Blumenbeeten angelegt. An einem Feiertag Anfang März gehen die Einwohner dort spazieren.

Die Zeiten der Archäologen sind besser geworden

Sie laufen zwischen den Ruinen herum, ein Mädchen posiert mit einer Plastikblume in der Hand für seine Oma, die den Moment mit ihrem Smartphone festhält. Schülergruppen springen kreischend über die Mauern, bis ein Sicherheitsmann sie alle vom Gelände jagt und die Ausgrabungen mit einem rot-weißen Flatterband absperrt.

In einigen Wochen soll das Museum öffnen. Dann sollen die Holzwege auf Stelzen über den Ausgrabungen fertig sein und Schilder erklären, was dort zu sehen ist. Serik Akylbek hat drei Jahre lang mitgegraben. Dass unter der modernen Stadt Taraz eine historische schlummert, das habe man schon in den 1970er-Jahren gewusst, sagt er. Aber die Stadtverwaltung habe das nicht interessiert. Sie entschied, einen Markt auf die alten Mauern zu bauen. Der wurde inzwischen abgerissen und woanders wieder aufgebaut.

Die Zeiten für Archäologen sind besser geworden, sagt Serik Akylbek. Seit etwa drei Jahren interessiere sich die Regierung für die Ausgrabungen. Das Kultur- und das Wissenschaftsministerium geben Geld, die lokale Regierung ebenso, Privatleute unterstützen mit Spenden. Das Interesse an der Geschichte, an der Kultur der Region, es scheint zu wachsen. Dazu gehört auch das Interesse an der Seidenstraße. Die Unesco führt den Teil der Seidenstraße, der durch China, Kasachstan und Kirgisistan führt, seit 2014 als Weltkulturerbe.

Kinder dürfen auf den Kamelen reiten

Die historische Seidenstraße, sagt Serik Akylbek, habe das Leben und die Entwicklung der Region auf vielen Ebenen beeinflusst. Das Kamel, Symbol der alten Seidenstraße, gehört hier in die Landschaft. Kamelherden ziehen durch die Steppe, es gibt Kamelmilch im Supermarkt, Kamele hängen als Glücksbringer an den Rückspiegeln der Autos, vor wichtigen Denkmälern liegen Kamele, Kinder dürfen auf ihnen reiten oder sich für ein Foto draufsetzen.

Serik Akylbek glaubt, dass die neue Seidenstraße ähnlich bedeutsam sein wird wie die alte. Es werden neue Dörfer und Städte entlang der neuen Straßen entstehen, so wie damals, glaubt er. Die Wirtschaft werde profitieren und auch die Menschen. „Das ist eine Chance für Kasachstan.“ Die neue Seidenstraße braucht die Kamele nicht mehr. Lastwagen und Güterzüge ersetzen sie, weil sie viel mehr tragen können als ein Kamel. Der Mythos der Seidenstraße aber lebt weiter.

Eine Reise auf den Spuren der alten und neuen Seidenstraße: Hier geht es zum Pageflow!

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