'Meine Haltestelle': Nienburger Straße und Borgfeld Straßenbahn beflügelt lyrische Gedanken

Peterswerder/Borgfeld. Hans-Dieter Folk aus der Hamburger Straße schreibt seit seiner Jugend Gedichte, Geschichten und Märchen. Auch zur Haltestelle Nienburger Straße kann er sich etwas zusammenreimen. 'Ich beobachte vom dritten Stock aus oft die Menschen, die dort stehen und auf die Bahn warten, ankommen und aussteigen', schreibt der 80-Jährige im Begleittext zu seinem Haltestellen-Gedicht, das er 'Träumerei von Dir' genannt hat.
18.02.2010, 13:21
Lesedauer: 4 Min
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Von Hannah Thiemig und Monika Felsing

Peterswerder/Borgfeld. Hans-Dieter Folk aus der Hamburger Straße schreibt seit seiner Jugend Gedichte, Geschichten und Märchen. Auch zur Haltestelle Nienburger Straße kann er sich etwas zusammenreimen. 'Ich beobachte vom dritten Stock aus oft die Menschen, die dort stehen und auf die Bahn warten, ankommen und aussteigen', schreibt der 80-Jährige im Begleittext zu seinem Haltestellen-Gedicht, das er 'Träumerei von Dir' genannt hat.

Gerade hält die Straßenbahn an gegenüber,

bilde mir ein, du kämst heut zu mir her, ich schaue ganz gebannt jetzt dort hinüber und in der Erwartung, dass es Wahrheit wär.

Viele steigen aus, bist du dabei, ach nein, ich wusste es ja vorher, es kann gar nicht sein.

Warum wohnst du nicht in meiner Nähe, dann hätten wir uns manches Mal getroffen,

doch dass ich dich bloß hin und wieder sehe,

ist lange nicht genug für alles Hoffen. Muss mein Bedauern still in mir bewahren.

Die nächste Bahn ist längst vorbeigefahren.

Auch über den Abfallbehälter der Haltestelle hat sich der frühere Buchhalter so seine Gedanken gemacht. Ein kurzer Prosatext, geschrieben aus der Perspektive des Mülleimers, fasst zusammen, was der Haltestellennachbar beobachtet hat. Schülerinnen, die ihr Pausenbrot entsorgen, Fußballfans, die Bierflaschen wegwerfen, 'Frau Z.', die die Hinterlassenschaft ihres großen Hundes entsorgt. 'Wie wünschte ich mir', schreibt Folk aus Abfalleimersicht, 'dass ich obenherum nicht so offenherzig, mein Einwurfschlitz nur ganz schmal und eng wäre, dann brauchte ich nur noch die abgefahrenen Tickets zu schlucken. Es würde auch lange dauern, bis ich gefüllt bin und geleert werden müsste. Ach ja, das wäre schön!'

Der Rentner wohnt seit 1956 in Bremen, er hat früher in Bassum, wo seine Eltern wohnten, Laientheater gespielt und ist mit einem Musiktrio aufgetreten, den 'Jopedis'. Noch vor zehn Jahren haben die drei 'lustige Lieder' gesungen. 'Das waren schöne Zeiten', sagt Folk. Ein Straßenbahnlied fällt ihm nicht spontan ein. 'Aber es müsste auch lustig sein', überlegt er. 'Die Leute wollen ja lieber etwas Lustiges hören.' Der 80-Jährige ist viel unterwegs ('ich bin noch gut drauf'), fährt beispielsweise auch zum Hanna-Harder-Haus der Awo in der Vahr, wo er diesmal als Pirat und ein andermal als Zorro mitgefeiert hat.

'Ich habe auch schon Gedichtbändchen herausgegeben und verschenkt an Verwandte und Bekannte', sagt er. Seine Themen handeln 'von der Liebe, von allem'. Und Folk betätigt sich mitunter als Vorleser - zum Beispiel bei den 'Kaffeegeschichten' an jedem ersten und dritten Sonntag im Monat um 15 Uhr im Seniorenbüro am Breitenweg 1a.

Das Kribbeln in den Fingern

Auch Ilona Rudolph schreibt über die Straßenbahn. Jeden Morgen, wenn sie mit der Linie 4 von der Endhaltestelle in Borgfeld in Richtung Innenstadt fährt, kribbelt es ihr in den Fingern. Dann lässt sich die 58-Jährige von dem bunten Treiben in der Bahn inspirieren und hält ihre Gedanken in einem lyrischen Tagebuch fest.'Mein Weg zur Arbeit dauert in der Regel rund 45 Minuten. In dieser Zeit schenke ich dem Leben in der Bahn Aufmerksamkeit oder mache mir Gedanken über mich und den Tag. Und manchmal entstehen daraus dann Kurzgeschichten oder Gedichte, die ich aufschreibe', sagt sie. Eines ihrer Gedichte heißt 'Februar':

Hinter den grauen Wolken

Blinzelt die Sonne.

Frischer Wind bläst

Haare und Röcke auf.

Bunte Schals um den

Hals.

Die Hände in den

Jackentaschen.

Hoch gezogene Schultern

Und Triefnasen

Stehen an der Haltestelle.

Alle

alle warten auf den

Frühling.

Dieses Gedicht schrieb Ilona Rudolph bereits vor einiger Zeit, an den Moment kann sie sich jedoch noch genau erinnern: 'Damals stand ich an einer Haltestelle in Horn und habe auf die Bahn gewartet. Die Wartezeit habe ich damit überbrückt, mir Gedanken über den Frühling zu machen und die Menschen um mich herum zu beobachten. Das hat mir Spaß gemacht. So ist das Gedicht entstanden.'

Doch nicht immer ist das, was Ilona Rudolph sieht und erfährt, positiv besetzt. In einem ihrer Texte verarbeitete sie unter anderem die Gefühle, die bei ihr aufkamen, als sie eines Morgens die Endhaltestelle der Linie 4 in Borgfeld zerstört vorfand. Aus der Perspektive der Haltestelle schrieb sie: 'Der Kleister der Werbeplakate ist eine Zumutung und schmeckt so bitter. Ich muss mehrmals schlucken, so brennt es mir im Hals dabei. Igitt! Oder wenn mein Glas in tausend Splitter zerspringt; dann bin ich ganz enttäuscht. Weshalb suchen sie mich aus? Ich biete doch Raum für jeden. Ich merke, wie sich mein Herz vor Schmerzen zusammenzieht.'

Borgfeld sei ein eher behüteter Stadtteil, sagt Ilona Rudolph. 'Wenn dann auf einmal die Haltestelle vollkommen verdreckt und zerstört ist, dann fällt das natürlich auf', sagt sie. Verständlich also, dass sie diese überraschende Veränderung in ihrem lyrischen Tagebuch festhielt.

Durch das Schreiben in der Bahn sei sie neugieriger geworden, sagt Ilona Rudolph. 'Und es füllt mich einfach mehr aus. Das ist für mich wie ein Dahingleiten, meine Gedanken sind frei, und ich kann kreativ sein.'

Eine kleine Einschränkung gibt es jedoch. 'Ich fahre immer nur im Winter mit der Bahn. Sobald es wärmer wird, nehme ich das Fahrrad', sagt die Borgfelderin. Dann müssen andere Inspirationsquellen her. Doch für Ilona Rudolph ist das kein Problem. Denn auch auf dem Fahrrad kribbelt es ihr in den Fingern, und die Ideen fließen. Schade nur, dass sie dann nicht auch gleichzeitig schreiben kann.

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