Rostiges Maskottchen

Straßenbahnwagen vor Verschrottung gerettet

Eigentlich sollte der alte Straßenbahnwagen AT 4 verschrottet werden. Nun findet er ein neues Zuhause in dem Urban Gardening Projekt „Gemüsewerft“, wo er in Zukunft als Aufenthaltsraum dienen soll.
10.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Straßenbahnwagen vor Verschrottung gerettet
Von Alice Echtermann
Straßenbahnwagen vor Verschrottung gerettet

Endlich ein Unterstand gegen Wind und Wetter: Alfred Schütz, Mitarbeiter der Gemüsewerft, freut sich über die Ankunft des alten Straßenbahnwagens AT 4 in dem urbanen Garten in der Überseestadt.

Christina Kuhaupt

Eigentlich sollte der alte Straßenbahnwagen AT 4 verschrottet werden. Nun findet er ein neues Zuhause in dem Urban Gardening Projekt „Gemüsewerft“, wo er in Zukunft als Aufenthaltsraum dienen soll.

Wird eine Maschine nicht regelmäßig benutzt, kommt der Rost. Am Ende, ausgeschlachtet für Ersatzteile, die Schrottpresse. AT 4 ist diesem Schicksal entkommen. Monatelang stand der Straßenbahnwagen auf dem Hof des Instandhaltungswerks der Deutschen Bahn in Sebaldsbrück zwischen alten Lokomotiven, deren rote Farbe schon verblasst ist. Auch im leuchtenden Gelb von AT 4 – dem Arbeitstriebwagen 4 – zeichnen sich unzählige Flecken ab. Sie sind Folge des Regens, dem der Straßenbahnwagen lange ungeschützt ausgesetzt war.

In dem Werk in Sebaldsbrück werden Dieselmotoren und Diesel-Lokomotiven instand gesetzt. Mit einer Straßenbahn können sie dort eher wenig anfangen. Als fest stand, dass AT 4 nie wieder fahren wird, sollte er von einem Kran zerquetscht werden. So erzählt es Michael Scheer, der den gelben Wagen gerettet hat. Für einen symbolischen Euro hat die Bremer Straßenbahn AG ihn nur wenige Tage vor dem Verschrottungstermin überlassen.

Veranstaltungsort für Urban Gardening Projekt

An diesem Tag läuft Scheer aufgeregt um den Wagen herum, während der Gabelstapler ihn anhebt und auf einen Laster hievt. Ein hässliches Knirschen, der 10,5 Meter lange AT 4 schaukelt leicht. „Oh Gott, oh Gott“, murmelt Scheer, „wir haben keine Reparaturmöglichkeiten. Wenn der Boden aufreißt, kriechen später Tiere rein, Hasen und so.“ Das mit den Hasen meint er durchaus ernst.

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Auch Vögel könnten ein Problem werden. Deshalb soll AT 4 möglichst bald neue Scheiben bekommen. Doch zunächst muss er an seinen Bestimmungsort gebracht werden – ein ehemaliges Industriegelände in der Überseestadt. Dort soll der alte Straßenbahnwagen als Aufenthalts- und Veranstaltungsort für das Urban Gardening Projekt „Gemüsewerft“ dienen.

Sicher auf der Ladefläche des Lastwagens verstaut, beginnt für AT 4 die letzte Fahrt über die Autobahn. Im Garten warten bereits Guenole Rannou und Alfred Schütz. Schütz lockert den Boden der Hochbeete auf und wässert die Pflanzen, Rannou schraubt an einem Gestell für einen Wassertank. Seit Januar haben sie hier Unkraut ausgerissen, um den Garten im Sommer zu eröffnen. Die „Gemüsewerft“ gehört der Gesellschaft für integrative Beschäftigung (GiB). Eine gute Arbeit, findet Schütz, zuvor war er arbeitslos.

Begeistert erzählt Schütz von dem Hopfen, mit dem die Biermarke „Hopfenfänger“ gebraut wird. Das Gemüse werde unter anderem an das Restaurant „Canova“ geliefert, „frisch von der Ernte auf den Tisch.“ Und in Zukunft auch offiziell „Bio“, denn das Zertifikat ist beantragt.

Einer der ersten Gelenkwagen der BSAG

Nach und nach kommen die Zuschauer. Dann rollt der Lastwagen mit dem AT 4 heran. Da auf dem Gelände wenig Platz ist, muss ein großer Kran den Wagen auf seinen Platz heben. Auch Claudia Elfers von der Biostadt Bremen, die das Projekt „Gemüsewerft“ fördert, ist gekommen. Elfers stellte für Michael Scheer den ersten Kontakt zu Gerd Borcherding vom Verein Freunde der Bremer Straßenbahn her. Der wiederum wusste von AT 4.

1957 in Bremen gebaut, ursprünglich orange und TW 919, Triebwagen 919. Einer der ersten Gelenkwagen für den Personentransport bei der Bremer Straßenbahn AG, erklärt Borcherding. Als Linie 4 fuhr er zwischen Horn und Arsten. Dann wurde TW 919 zerschnitten, der Kopf eines Schwesterwagens angeschweißt. Fortan konnte AT 4 in zwei Richtungen fahren und wurde als Arbeitswagen eingesetzt. „Uns ist wichtig, dass so etwas nicht einfach verschrottet wird“, sagt Borcherding.

An dem neuen Standort beginnt für AT 4 ein zweites Leben. Michael Scheer hat einen genauen Plan: Ein Aufenthaltsraum, Hofladen, aber auch Ort für Lesungen und Musik soll der gelbe Wagen werden. Natürlich muss er erst auf Vordermann gebracht werden. Aber zu viel will Scheer nicht verändern. „Für mich ist er optisch fast fertig“, sagt er. „Das soll keine Luxuslimousine werden, sondern ein Gebrauchsgegenstand.“ Und ein Wahrzeichen für den urbanen Garten in der Überseestadt: ein rostiges Maskottchen mit dem Namen AT 4.

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