Kritik an Vergabe

Auftrag an Groß-Caterer: Bremens Bio-Branche verärgert

Der Aktionsplan 2025 regelt die Umstellung der Speisepläne in Bremens Schulen, Kitas und Krankenhäuser auf regionale Bio-Kost. Ein Zwischenschritt auf diesem Weg sorgte jetzt für mächtig Ärger.
05.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Auftrag an Groß-Caterer: Bremens Bio-Branche verärgert
Von Ralf Michel
Auftrag an Groß-Caterer: Bremens Bio-Branche verärgert

Gesund soll das Essen sein, das in den Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern der Stadt auf den Tisch kommt. Und möglichst auch aus der Region kommen.

Christina Kuhaupt

Am Ende der Krisensitzung zum Aktionsplan 2025 für mehr Bio-Kost stand eine vom Willen zur Harmonie geprägte Presseerklärung von Umweltressort und Agrarpolitischem Bündnis. Vom „gemeinsamen Verständnis“ war zu lesen, von „gemeinsamer Zielsetzung“ und davon, dass alle den eingeschlagenen Weg begrüßen würden. Unmittelbar vor der Sitzung klang das noch ganz anders. Da sprach Jan Saffe, ernährungspolitischer Sprecher der Grünen, von einem „Schlag in die Fresse“ der Bio-Branche Bremens. Und Marie Pigors aus der Betriebsleitung des Bremer Großhändlers Naturkost Kontor deutete unverblümt an, dass bei einer Auftragsvergabe des Umweltressorts nicht alles ordnungsgemäß verlaufen sein könnte.

Ausgangspunkt für die Kontroverse ist die Einrichtung einer Übungsküche („Training Kitchen“) in der Knochenhauer Straße. Hier soll das Küchenpersonal aus Bremens Schulen, Kitas, Krankenhäusern und Behörden-Kantinen zur Umstellung auf Bio- und regionale Lebensmittel weitergebildet werden. Für die Ausarbeitung eines entsprechenden Konzeptes wurde ein Auftrag über 100.000 Euro vergeben, bezahlt aus dem Corona-Programm zur Belebung der Innenstadt.

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Soweit, so unproblematisch. Doch den Zuschlag für diesen Auftrag erhielt eine Consulting-Firma des international agierenden Lebensmittelgroßhändlers „Chefs Culinar“. Völlig unverständlich, ärgerte sich Jan Saffe. „Chefs Culinar“ stehe für ein agrarindustrielles System, das mit Großkonzernen wie Tönnies oder Nestlé zusammenarbeite. Die Zusammenarbeit mit dieser Art „Global Player“ sei ganz sicher nicht Sinn des Bürgerantrages gewesen, auf den der 2018 vom Senat beschlossene Aktionsplan 2025 zur schrittweisen Umstellung der Gemeinschaftsverpflegung auf Bioprodukte zurückgeht.

„Wofür brauchen wir ein Konzept, noch dazu ein so überdimensioniertes?“, fragt Marie Pigors vom Naturkost Kontor. In vielen Schulen und Kindergärten laufe die Umstellung auf Bio-Kost längst. „Da hätte man doch einfach mal nachfragen können, wie das geht.“

Zusammenschluss lokaler Akteure wäre zielführender gewesen

Wie Saffe findet Pigors, dass der Konzept-Auftrag nicht an einen international tätigen Großkonzern hätte gehen sollen. Zielführender wäre ein Zusammenschluss aller lokalen Akteure gewesen, sagt Pigors, die zudem das Ausschreibungsverfahren durch das Umweltressort infrage stellt. „Denn das ist an uns allen vorbeigegangen.“

Kopfschütteln bei Ronny Meyer, Staatsrat für Umwelt und Verkehr: „Wenn wir 100.000 Euro ausgeben, sind wir im Vergaberecht, da ist alles sehr streng festgelegt.“ Das Verfahren müsse als transparenter Wettbewerb für alle angelegt sein. „Da darf ich dann gerade nicht auf die Bremer zugehen und sagen: Lasst uns mal eben was zusammen machen.“ Natürlich sei ihm klar, wer „Chefs Culinar“ ist. „Aber deshalb kann ich nicht mal eben die Ausschreibung ändern. Dafür gibt es strikte Rechts- und Verfahrensregeln und an die halten wir uns.“

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Auch dem Vorwurf, nicht ausreichend informiert zu haben, widerspricht Meyer. Man habe 13 Unternehmen und Organisationen angeschrieben, die Ausschreibung darüber hinaus an bestehende Netzwerkpartner übersandt, mit der Bitte, sie an potenziell geeignete Bieter weiterzuleiten. Zu beachten sei aber, dass es bislang allein um den Bereich Training und Ausbildung der Köche ging, spricht Meyer den eigentlichen Kern der Kritik an. Dies bedeute keinerlei Festlegung bei der Frage, wer später die Bio-Lebensmittel liefert. Dafür werde es eine erneute Ausschreibung geben, in der auch die regionale Herkunft der Bio-Produkte ein wichtiges Kriterium sein werde. „Grundsätzlich geht es uns natürlich darum, regionale Akteure und Lebensmittel zu fördern“, betont Meyer. „Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass die Ausschreibung zur Lieferung von Bio-Äpfeln ein Bauer aus Süditalien gewinnt.“

Pigors bleibt skeptisch, betrachtet den Zuschlag an „Chefs Culinar“ als Weichenstellung. „Dass der regionale Kleinbauer noch eine Chance hat, in die restliche Umsetzung einen Fuß hereinzubekommen, bezweifeln wir stark.“ Auch das Agrarpolitische Bündnis weist auf die wirtschaftlichen Interessen von „Chefs Culinar“ als potenzieller Lieferant für Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung hin. Es müsse unbedingt verhindert werden, dass sich diese Interessen des Groß-Caterers auch bei der Umsetzung des Aktionsplanes niederschlügen.

Regionale Wertschöpfungsketten fördern

Einen Teilerfolg können die Kritiker bereits verbuchen. Zumindest findet sich dieser Aspekt in der Presseerklärung wieder: „Die Unterzeichner sind gemeinsam der Auffassung, dass die Vergaberichtlinien und Ausschreibungen im Sinne von Nachhaltigkeit, Bio und Regionalität geändert werden müssen, damit insbesondere regionale Wertschöpfungsketten und die bio-regionale Landwirtschaft gefördert werden.“ Damit derartige Konflikte bei der Umsetzung des Aktionsplanes 2025 nicht wieder auftreten, wird es einen begleitenden Projektbeirat geben, in die die Akteure der Bremer Bio-Branche eingebunden sind. Der vom Umweltressort koordinierte Beirat soll mindestens zweimal jährlich tagen.

Die gemeinsame Erklärung verdeutliche, dass die bisherige Kritik am Ausschreibe- und Vergabeverfahren im Umweltressort ernst genommen werde, resümiert Peter Bargfrede, Sprecher des Agrarpolitischen Bündnisses, das Krisentreffen. Die meisten Anwesenden seien daran interessiert gewesen, Lösungswege zu finden, und dies sei auch gelungen. Besonders erfreulich sei der Projekt-Beirat, sagt Bargfrede. Schon vor dem Treffen hatte das ABB gefordert, dass der Konflikt zwischen Bremer Bio-Akteuren und der Umweltbehörde dazu genutzt werden müsse, „dringend notwendige Strukturen zur Umsetzung des Aktionsplans zu schaffen, die schon lange überfällig sind“.

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