CDU vermutet Wahlkampf hinter Beschluss gegen Rockerbande Streit um sofortiges "Mongols"-Verbot

Bremen. Zum Vorgehen gegen die Rockerclubs in Bremen ist ein politischer Streit entbrannt. Die CDU wirft Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) vor, das Verbot der "Mongols" vorschnell zu betreiben, um noch vor der Bürgerschaftswahl am Sonntag zu punkten.
20.05.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Mario Assmann

Bremen. Zum Vorgehen gegen die Rockerclubs in Bremen ist ein politischer Streit entbrannt. Die CDU wirft Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) vor, das Verbot der "Mongols" vorschnell zu betreiben, um noch vor der Bürgerschaftswahl am Sonntag zu punkten. "Damit besteht die Gefahr, dass die Verbotsverfügung einer Klage nicht standhält", warnt der innenpolitische Sprecher der Bremer CDU, Wilhelm Hinners. Mäurer weist die Kritik zurück. Er werde die Bremer Organisation der "Mongols" am Freitag verbieten. Diese hatte sich an den beiden vergangenen Wochenenden brutale Prügeleien mit den verfeindeten "Hell's Angels" geliefert.

Hinners macht dieser Termin misstrauisch, der Christdemokrat spricht von "Populismus und Aktionismus". Auch seine Partei sei für ein Verbot der "Mongols", betont Hinners, doch dieses Verbot müsse juristisch wasserdicht sein. Andernfalls drohe eine Niederlage vor Gericht - "und das Thema ist zu sensibel, als dass Rocker am Ende triumphieren dürfen". Zugleich fordert Hinners, gegen die "Hell's Angels" kompromisslos vorzugehen, dieser Bande habe Mäurer zu viel Raum gelassen. Der Senator müsse endlich entschlossener handeln und dürfe nicht auf ein bundesweites Verbot der "Hell's Angels" warten.

Mäurer ließ derlei Einwände gestern nicht gelten. "Wir wären dumm, wenn wir das Verbot der ,Mongols' nicht sofort durchziehen würden." Denn die Rocker hätten ihm in den vergangenen beiden Wochen die Verbotsgründe auf dem sprichwörtlichen Silbertablett serviert. Der SPD-Politiker gab sich überzeugt, dass er das Verbot trotz der kurzen Vorbereitungszeit gerichtsfest begründen wird. Mäurer muss sich seiner Sache tatsächlich ungewöhnlich sicher sein: Seine Amtskollegen in anderen Bundesländern halten vergleichbare Verfahren bis zum Vollzug regelmäßig geheim, um die Betroffenen nicht zu warnen. Mäurer hingegen hatte das "Mongols"-Verbot schon vor Tagen öffentlich angekündigt.

Ungleich schwerer tut sich der Senator zu begründen, warum das "Charter West Side", wie sich die "Hell's Angels" in Bremen nennen, nicht längst verboten ist. Schließlich lieferten sich die "Höllenengel" über viele Jahre eine Bandenfehde mit den "Bandidos" - und ihnen wurden in diesem Zusammenhang ungleich schwerere Straftaten nachgewiesen als die, die die "Mongols" an den vergangenen beiden Wochenenden begangen haben sollen. So überfielen mehr als ein Dutzend Bremer "Hell's Angels" im März 2006 hinterrücks und planvoll "Bandidos" in Stuhr und verletzten ihre Opfer schwer oder gar lebensgefährlich.

Es sei ihm ein Rätsel, wie man sich eine solche Chance für ein Verbot der "Höllenengel" entgehen lassen konnte, sagte Mäurer gestern und könnte dabei auch seinen Amtsvorgänger Thomas Röwekamp (CDU) im Visier gehabt haben. Allerdings: Röwekamp amtierte nur bis 2007 - und nachgewiesen wurde den "Hell's Angels" das Verbrechen in Stuhr erst in der zweiten Jahreshälfte 2008, als Bremens Innensenator bereits Mäurer hieß. Im Dezember 2008 gestanden sie den hinterhältigen Überfall schließlich vor dem Landgericht Verden. Mäurer räumte gestern immerhin ein, dass die Bremer Polizei ein Clubverbot damals schlicht noch nicht auf dem Zettel gehabt habe: "Daran hat damals noch niemand gedacht."

Der Überfall in Stuhr war vermutlich nur eines von mehreren Verbrechen, die im Zusammenhang mit der "Rockerkrieg" genannten Fehde zwischen "Hell's Angels" und "Bandidos" in Bremen und umzu begangen worden sein dürften. Erste Auseinandersetzungen zwischen den "Motorradclubs" gab es hierzulande schon vor mehr als zehn Jahren - einzig: Anders als der Überfall in Stuhr wurden sie nie aufgeklärt. Den Überfall in Stuhr konnte das Landeskriminalamt Niedersachsen 2008 auch lediglich aufklären, weil ein ehemaliges Mitglied der Bremer "Hell's Angels" bei der Polizei ausgepackt hatte. Ein Glücksfall für die Ermittler: Im Rockermilieu schweigen im Allgemeinen nicht nur die Täter, sondern auch Opfer und Zeugen. Entweder, weil auch sie sich dem zweifelhaften Ehrenkodex der Rockerbanden verpflichtet fühlen, nicht mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten oder sich vor Racheakten fürchten.

Die Auseinandersetzungen zwischen "Mongols" und "Hell's Angels" bescherten Bremen in den vergangenen Wochen auch bundesweit Negativschlagzeilen. So titelte die RTL-Sendung "stern tv" am vergangenen Mittwoch "Eine Stadt im Ausnahmezustand". Derlei Schlagzeilen findet Bremens Polizeipräsident Holger Münch "reißerisch", überregionale Medien wie stern tv berichteten zudem "unscharf und ungenau". Manche Ecken in Bremen seien als so gefährlich beschrieben worden, dass man sich dort nicht mehr auf die Straße wagen könne. Dabei seien die gezeigten Orte "normale Wohnstraßen" gewesen.

Weiter wies der Polizeichef einmal mehr darauf hin, dass die "Mongols" nicht gleichzusetzen sei mit der libanesischen Großfamilie M., die zu der arabisch sprechenden Minderheit in der Türkei, den Mhallamiye, gehören. Zahlreiche Männer der Sippe M. gelten als Schwerkriminelle - und einer von diesen, Ibrahimi M., ist zugleich Anführer der Bremer "Mongols".

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+