Erfindung gegen die Hektik Student entwickelt Zeitlupen-Helm

Bremen. In einer Zeit, die von Hektik und Reizüberflutung geprägt ist, liegt der Wunsch nach etwas mehr Ruhe und Langsamkeit nahe. Lorenz Potthast hat einen Entschleunigerhelm entwickelt. Wer ihn trägt, sieht die Welt in Zeitlupe.
10.05.2013, 05:00
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Student entwickelt Zeitlupen-Helm
Von Ralf Michel

Bremen. In einer Zeit, die von Hektik und Reizüberflutung geprägt ist, liegt der Wunsch nach etwas mehr Ruhe und Langsamkeit nahe. Lorenz Potthast hat sich diesen Wunsch erfüllt: Der Bremer Student hat einen Entschleunigerhelm entwickelt. Wer ihn trägt, sieht die Welt in Zeitlupe.

Es hat etwas von Marsmensch oder Mondlandung, wenn Lorenz Potthast seinen Helm aufsetzt. Der Kopf verschwindet komplett in einer großen silbernen Kugel, und auch wenn der 22-Jährige seine Erfindung – den Entschleunigerhelm – recht gut beherrscht, wirkt sein Gang doch staksig und tastend.

Kein Wunder, denn er läuft seiner Zeit im wahrsten Sinne des Wortes hinterher: Eine Kamera zeichnet die Welt vor dem Helm auf. Dieses Videosignal wird von einem Computer im Inneren der Kugel verlangsamt und für den Benutzer über eine Spezialbrille wiedergegeben. Sieht der Helmträger zum Beispiel einen Fußgänger in Zeitlupe auf sich zukommen, ist der in Wirklichkeit schon längst vorbei. Oder, um den unsicheren Gang zu erklären: Wenn er auf eine scheinbar freie Fläche zugeht, könnte dort bereits jemand stehen.

Per Fernsteuerung kann der Helmträger regeln, wie schnell die Bilder vor seinen Augen ablaufen. Außen am Helm ist ein Monitor angebracht, auf dem dieses Video zeitgleich von draußen betrachtet werden kann, erklärt Potthast, der an der Bremer Hochschule für Künste im 6. Semester Integriertes Design studiert.

Die Idee zu seinem Entschleuniger entstand vor eineinhalb Jahren in einem seiner Hochschulkurse. "Wir sollten interaktive Konzepte entwickeln, wie man mit der hektischen Zeit umgehen kann", erzählt der Student. Aus seiner Sicht sind die zunehmende Technisierung und Vernetzung Hauptverursacher der täglichen Hetze. Deshalb habe er keine weitere App entwickeln wollen, die einem das Einkaufen oder andere Dinge des Alltags erleichtere, sondern sich stattdessen lieber grundsätzlich mit diesem Thema auseinandergesetzt.

"Wie schön wäre es, für alles mehr Zeit zu haben?", lautete die Ausgangsüberlegung für seine Arbeit. "Die Zeit zu verändern, geht nicht. Aber was wäre, wenn man die Wahrnehmung verändert? Wenn man sie vom natürlichen Zeitablauf abkoppelt und dem Nutzer so ein bewusstes Erleben seiner eigenen Zeit ermöglicht?"

In ersten Versuchen habe er sich einen Laptop vor den Kopf geschnallt, daraus entwickelte sich nach und nach der Entschleunigerhelm. Die silberne Kugel stammt übrigens nicht aus einem Laden für Raumfahrerbedarf, sondern aus einem Gartencenter – sie ist eine als Deko gedachte Schwimmkugel für den Gartenteich.

Der Hochschulkursus ist längst abgeschlossen, aber Lorenz Potthast hat weiter an seiner Idee getüftelt, die zu seiner eigenen Überraschung zunehmend Eigendynamik entwickelte. Ein Dokumentationsvideo, dass er in mehreren Sprachen online gestellt hat, wurde inzwischen über 300000 Mal angeschaut, vor zwei Wochen hat er einen Vortrag in Prag gehalten, an diesem Wochenende ist er in Venedig, und eine Anfrage aus New York liegt auch schon vor. "Eine Eventagentur aus Dubai hat sich auch bei mir gemeldet. Die wollten wissen, ob man vier von diesen Helmen mieten könne."

Eine Kugel für Reflexionen

Doch genau an dieser Stelle setzte dann die Ernüchterung ein. Die kurzzeitig aufkeimende Hoffnung, den Helm vielleicht sogar vermarkten zu können, habe sich schnell zerschlagen, denn der praktische Nutzen seiner Apparatur sei einfach nicht gegeben, räumt der Student freimütig ein. Und dies nicht etwa nur, weil es im Inneren des 1,5 Kilogramm schweren Helmes schnell warm und stickig werde. Schwerer wiege, dass das eigentlich angestrebte Ziel nicht erreicht wurde. Denn statt seinen Nutzer zu entspannen, wirke der Entschleuniger auf diesen erst mal nur verwirrend. "So schön es wäre, man kann die Zeit doch nicht beeinflussen. Sie holt sich alles zurück."

Was für Lorenz Potthast aber kein Problem ist. Er hat längst den eigentlichen Wert seines Entschleunigerhelms erkannt. "Reflexionsblase" nennt er selbst die silberne Kugel: "Da drin denkt man über sich und sein Verhältnis zu Zeit und Raum nach. Man beschäftigt sich mit der technischen Beeinflussung seiner Sinne und Wahrnehmung."

Für ihn sind solche Gedanken wichtig. Er erkenne zwar die Vorteile der technischen Entwicklung. Aber wenn er in der Straßenbahn all die Leute sehe, die auf ihre Smartphones oder Computer starrten, "sind die doch irgendwie nicht mehr in der richtigen Welt". Gut möglich, dass der Bremer Student mit diesen Betrachtungen der Zeit plötzlich nicht mehr hinterher läuft, sondern ihr weit voraus ist.

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