Station in den Libeskind-Türmen?

Studenten erarbeiten Studien zu Seilbahn in Bremen

Zukünftige Bauingenieure haben sich Gedanken über Sinn oder Unsinn der Idee einer Bremer Seilbahn gemacht. In einem Seminar erarbeiteten die Studenten der Hochschule Bremen zwei Grundlagen-Studien.
23.05.2019, 18:43
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Studenten erarbeiten Studien zu Seilbahn in Bremen
Von Nina Willborn
Studenten erarbeiten Studien zu Seilbahn in Bremen

Seilbahnen über der Weser? Was auf dem Rhein bei Koblenz (wie hier im Bild) schon Realität ist, halten auch die Hochschul-Studenten für machbar.

Thomas Frey

„Sie dürfen gerne groß denken“: Das hatte Carsten-Wilm Müller, Professor für Verkehrswesen und Städtebau an der Hochschule Bremen, seinen Studenten mit auf den Weg gegeben. Das haben die angehenden Bauingenieure gemacht – mussten sie angesichts des Seminarthemas „Seilbahn“ aber auch.

Warum nicht ganz oben ansetzen und eine Station in die möglicherweise irgendwann realisierten Libeskind-Türme auf dem Sparkassengebäude am Brill integrieren? Das ist die spektakulärste Idee, die in den beiden Studien steckt, die die zehn Studenten ausgearbeitet haben. Ganz fertig sind sie noch nicht, eine abschließende öffentliche Präsentation ist für Ende Juni geplant. Grundsätzlich sollen die Arbeiten als Grundlagen für eine Machbarkeitsstudie, wie sie das Wirtschaftsressort in Auftrag geben lassen will (wir berichteten), dienen.

Daten statt Stammtischwissen

Die Aufgabe bestand unter anderem darin, eine Linienführung sowie mindestens drei Alternativen zu entwickeln, die Kosten auszurechnen und anhand von allen möglichen Daten abzuschätzen, ob eine Seilbahn überhaupt dazu beitragen kann, die Verkehrsprobleme in der Überseestadt zu lindern. Das vorweg: Die Antwort laut der Studien ist: Ja, könnte sie. „Grundsätzlich wollen wir Impulse für die Diskussion über eine Seilbahn für Bremen setzen“, sagt Müller, „aber mit belastbaren Daten, denn es wird in dieser Frage viel mit Stammtischwissen argumentiert.“

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Rund zwei Monate lang haben die Studenten, die kurz vor ihren Abschlüssen stehen, also in zwei Gruppen gerechnet, gezeichnet und geplant. Sie haben sich Wetter- und Winddaten angesehen, über Verkehrsprognosen gebrütet, haben Interviews mit vielen Bremern und Bremerinnen geführt und sich in die verschiedenen technischen Systeme, die es bei Seilbahnen gibt, hineingearbeitet. Letzteres nicht nur in der Theorie, das Seminar hat auf einer Exkursion unter anderem in Bregenz die Firma Doppelmayr besucht, laut Eigenbeschreibung Weltmarktführer in Sachen Seilbahnbau, und in Innsbruck die Fachmesse „Interalpin“. Auch die Technik der neuen Zugspitzbahn in Garmisch ließen sich die Bremer von Experten erklären.

Durch Bremen muss eine Dreiseil-Umlaufbahn schweben

Durch Bremen, zu diesem Ergebnis kam sowohl die Gruppe, die unter dem Namen „Die Überflieger“ gearbeitet hat, als auch die Konkurrenz namens „Südwind“, müsste angesichts der Wind- und Wetterverhältnisse eine „3S“, also eine Dreiseil-Umlaufbahn, schweben. Im Verhältnis zu den Bahnen, die nur über ein Seil funktionieren, macht ihr Wind mit mehr als 60 Stundenkilometern nichts aus.

Insgesamt, so haben es die Studenten ausgerechnet, würde sie innerhalb von 1916 Tagen (5,3 Jahre) wettertechnisch nur an neun Tagen stillgelegt werden müssen. Rechnen könnte sich eine Seilbahn auch angesichts der Prognose der Arbeitsplätze in der Überseestadt. Jetzt sind es gut 16.000, 2025 könnten es 10.000 mehr sein – und entsprechend noch mehr Menschen, die diesen Stadtteil zumindest zeitweise täglich frequentieren. Eine Seilbahn, die 5000 Passagiere pro Stunde befördert, würde 2000 Autos und 100 Busse ersetzen, bilanzieren Müllers Studenten.

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Auch bei der Frage, wo eine Strecke am sinnvollsten wäre, kommen beide Gruppen zu ähnlichen Ergebnissen. Ja, die Weser sollte eine Seilbahn überschweben – allerdings sehen die Studenten die Querung nicht als das allerwichtigste Kriterium an. „Wir haben uns die Quell- und Zielverkehre in Bremen angesehen“, erklärt „Südwindler“ Maik Seel, „und die Hauptströme laufen parallel zur Weser.“ Den Brill und die Stephanibrücke hat seine Gruppe als einen der wichtigsten Knotenpunkte ausgemacht.

Hier müsste also auch der Umstieg in die Seilbahn in Richtung Waterfront möglich sein – und wenn man schon groß beziehungsweise auf einer hoch angesiedelten Verkehrsebene denkt, ist es eben nicht weit bis zu den Libeskind-Türmen. Eine Seilbahnstation in ein Hochhaus integriert, zum Beispiel in Singapur ist das schon längst Realität.

Gesamtbaukosten zwischen 40 und 96 Millionen

„Die Überflieger“ führen die Kernstrecke zwischen Waterfront und Europahafen ebenfalls parallel zur Weser; in Varianten bis an die Schlachte und mit Weserquerung in Rablinghausen. Sie gehen je nach Anzahl und Ausstattung von Stationen und Gondeln von Kosten zwischen 15 und 30 Millionen Euro pro Kilometer aus, „Südwind“ rechnet je nach Streckenvariante mit Gesamtbaukosten zwischen 40 und rund 96 Millionen Euro.

Als Zuhörerin war auch Kerstin Liane Auf der Hart ins Seilbahn-Seminar gekommen. Sie arbeitet im Referat Schienenverkehr des Verkehrsressorts und hat seit 2004 unter anderem die – bislang eher theorielastige – Aufsicht über Bremer Seilbahnen, für die es ja laut EU-Verordnung ein eigenes Gesetz gibt. „Als Ingenieurin bin ich total begeistert von Seilbahnen“, sagt sie. „Ich würde gerne vor meiner Rente auch in Bremen eine genehmigen.“

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