Untersuchung zu Rassismus im Stadtteil wird im Bürgerhaus vorgestellt / Auch positive Beispiele

Studie: Ausgrenzung ist Alltag

Bremen-Nord. „Wir vernichten euch wie die Juden.“ Mit diesem antisemitischen Spruch sollen Spieler bei einem Auswärtsspiel außerhalb von Bremen-Nord bedroht worden sein.
13.04.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Studie: Ausgrenzung ist Alltag
Von Patricia Brandt
Studie: Ausgrenzung ist Alltag

Mit 30 000 Euro will das Bündnis „Demokratie leben“ allein in diesem Jahr Projekte in Bremen-Nord fördern.

Rainer Jensen

„Wir vernichten euch wie die Juden.“ Mit diesem antisemitischen Spruch sollen Spieler bei einem Auswärtsspiel außerhalb von Bremen-Nord bedroht worden sein. Die Sportler seien froh gewesen, „lebend vom Platz zu kommen“. Das berichtet ein Autorenteam des Bremer Instituts für Soziale Arbeit und Entwicklung (Bisa + E) im Rahmen einer Studie. Sechs Autoren fragten Personen im Stadtteil, wie rassistisch der Bremer Norden ist. „Rassismus“, lautet eine der Aussagen, „ist normal geworden“. Die Studie wird am Mittwoch, 13. April, präsentiert.

Auftraggeber der Studie ist ein Zusammenschluss der Stadt Bremen und verschiedener Einrichtungen und Organisationen, der sich 2015 im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ gegründet hat. Das berichtet Carola Krüger vom Amt für Soziale Dienste, die die Koordinierungsstelle leitet. Die Mitglieder des Bündnisses – zum Beispiel das Quartiersmanagement Blumenthal und die Caritas – haben es sich zur Aufgabe gemacht, Projekte gegen Diskriminierung im Stadtbezirk zu fördern. Von der Studie erhofft sich Carola Krüger Informationen und Handlungsanregungen. Die sollen, so Krüger, eine Grundlage für die Mittelvergabe sein. Dieses Jahr stünden 30 000 Euro zur Verfügung.

Der Fokus liegt nicht allein auf Bremen-Nord. Auch für andere Stadtteile hat es in den vergangenen Jahren vergleichbare Erhebungen gegeben. In Findorff zum Beispiel und auch in Mitte. Anlass für die Studie waren damit nicht die Ergebnisse der Bürgerschaftswahl im Mai 2015, bei denen die AFD in Vegesack und Lesum und die Bürger in Wut in Blumenthal stark abgeschnitten haben. Dennoch stellen die Autoren die Frage, womit diese Ergebnisse zusammenhängen.

Die Autoren führen das Erstarken auf die Zusammenarbeit mit rechten Bürgerinitiativen zurück. Gemeint ist damit die Facebook-Gruppe „Rekumer Straße 12 – Nicht mit uns“, die sich als als Reaktion auf eine Unterkunft für minderjährige, kriminelle Flüchtlinge in Rekum gegründet hatte.

In Einzel- und Gruppeninterviews des Autorenteams mit insgesamt 46 Personen – darunter Kinder, Jugendliche und Fachkräfte sowie gesellschaftspolitische Akteure – wird aber auch mehrfach beschrieben, dass sich Bremen-Nord stark verändere. Es geht den Befragten um das Fehlen von Freizeitangeboten, um Geschäftsschließungen und Wegzug. Bremen-Nord, heißt es, gelte als gefährliche Gegend. Der Stadtbezirk werde zudem politisch nicht wahrgenommen. Andererseits, stellen die Autoren fest, fehlt es in Bremen-Nord nicht an der Bereitschaft, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Unter anderem wird als positives Beispiel die Gründung der Willkommensinitiativen für Flüchtlinge benannt.

„Die Studie verdeutlicht, wie schwierig es ist, in Deutschland von Rassismus zu sprechen“, fassen die Mitautorinnen Kiana Ghaffarizad und Friederike Lorenz zusammen. Denn entweder werde er geleugnet, nicht wahrgenommen – oder als Normalität beschrieben. Die Forschungsgruppe: „Rassismus kann sich in körperlichen Übergriffen ausdrücken. Viel häufiger zeigt sich Rassismus hingegen in subtilen Alltagshandlungen.“

Rassismus sei als gesamtgesellschaftliches Phänomen zu begreifen. Kiana Ghaffarizad erklärt: „Bremen-Nord nimmt keine Sonderrolle ein, was rassistische Verhältnisse betrifft. Allenfalls bestehen in Bremen-Nord spezifische Umstände, die rassistische Effekte verstärken.“ Als Beispiele dafür nennt Kiana Ghaffarizad die Arbeits- oder Wohnungssuche.

Es wirke so, schreiben die sechs Autoren in dem 80 Seiten starken Papier, als würden einige Vermieter die Wohnungen lieber leer stehen lassen, als sie an schwarze Menschen, Geflüchtete oder Menschen zu vermieten, die als Ausländer wahrgenommen werden. Ein Zitat zu diesen Thema: „Einen schwarzen Hausbewohner kann man den anderen im Haus nicht zumuten.“ Ein junger Mensch aus Bremen-Nord beklagt: „Sie geben mir keine Wohnung, weil ich schwarz bin.“

Auch beim Zugang zum Arbeitsmarkt spielt demnach Rassismus eine Rolle. Das Merkmal Migrationshintergrund habe einen negativen Effekt bei der Auswahl der Bewerber. Erschwerend käme die Wirkung stigmatisierter Wohnorte hinzu. So soll ein Interviewpartner geäußert haben: „Mit dem Namen und der Adresse brauche ich mich nicht zu bewerben.“

Rassistische Strukturen werden laut Studie in Bremen-Nord auch durch eine mangelnde Ausstattung der Ämter und Behörden verstärkt. Den Autoren wurde in den anonymisierten Interviews geschildert, dass einige Firmen in Bremen-Nord Löhne nicht oder nicht ganz auszahlten, nicht einmal Mindestlohn zahlten. Dabei würden Verständigungsschwierigkeiten ausgenutzt. Das Jobcenter halte etwa das Recht von EU-Bürgern auf Übersetzung nicht ein: „So habe sich eine florierende Struktur herausgebildet, die Neuankommenden Übersetzungsdienste für horrende Summen anbiete.“

Wie wirkt sich Rassismus in Bremen-Nord aus? Ein Sozialarbeiter beschreibt in der Studie einen Ausflug mit einer Gruppe Jugendlicher aus einem Freizeitheim, bei der ohne Anlass ausschließlich die Jugendlichen aus der Gruppe von der Polizei kontrolliert wurden, die keine weiße Hautfarbe hatten. Ein weiteres Beispiel: „Fachkräfte sozialer Einrichtungen erzählten uns, dass in den Schulen zeitweise eine namentliche Auflistung geflüchteter Jugendlicher, die als sogenannte Intensivtäter gelten, kursiert.“ Diese Jugendlichen seien dadurch bei der Schulplatzvergabe systematisch benachteiligt worden.

Die Autoren wollen das Problem Rassismus nicht in eine bestimmte Region verschieben: „Ebenso liegt es uns fern zu argumentieren, dass in bestimmten Regionen mehr oder weniger Vorurteile herrschen“, sagt Kiana Ghaffarizad. In Bremen-Nord sieht das Team des Instituts für Soziale Arbeit und Entwicklung unter anderem den Ausbau von Kita- und Schulplätzen, die Unterstützung der Jugendzentren, die Ausweitung der Beratungsangebote etwa des Bremer Erwerbslosenverbands, als unerlässlich an.

Ob alle in der Studie genannten Vorwürfe belegbar sind, ist offen. „Niemand ist auf teure Dolmetscher angewiesen“, betont zum Beispiel auf Nachfrage Christian Ludwig, Pressesprecher des Jobcenters. Das Jobcenter übernehme die Kosten für zertifizierte Dolmetscher sowohl für EU-Ausländer als auch für Asylbewerber bis zu einer Höhe von 75 Euro. Die Flyer zur Übernahme der Kosten würden in den verschiedenen Sprachen überreicht. Zusätzlich seien sogenannte Sprinter (Sprach- und Integrationsmittler) im Einsatz.

Den Vorwurf der rassistischen Personenkontrollen weist die Polizei Bremen zurück. „ Wir orientieren uns bei der polizeilichen Arbeit an dem individuellen Verhalten von einzelnen Personen und Gruppen und schauen grundsätzlich nicht nach Herkunft, Aussehen oder Hautfarbe“, sagt Polizeisprecher Nils Matthiesen. Dennoch könne bei konkreten Personenbeschreibungen eine ethnische Differenzierung nötig sein, um der richtigen Täter habhaft zu werden. Differenzierungen könnten aber auch nötig sein, um im Umgang mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen Konflikte zu vermeiden. Matthiesen: „Wenn es konkrete Vorwürfe von den Autoren dieser Studie gibt, machen wir gerne ein Gesprächsangebot, um diese zu erhellen und gegebenenfalls eine gemeinsame Lösung zu finden.“

Die Studie „Wahrnehmungen von Rassismus und anderen Diskriminierungen im Bremer Norden“ wird am Mittwoch, 13. April, von 17 bis 20 Uhr im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus präsentiert.

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