Gesundheitsforscher kritisiert Medikamentenvergabe Studie: Bremer Kinder erhalten zu viel Antibiotika

Bremen. Ärzte sind bei der Verschreibung von Antibiotika für Kinder und Jugendliche "teilweise zu großzügig". So steht es im Gesundheitsbericht "Aspekte der Versorgungsforschung 2011" des Bremer Instituts für Arbeits- und Gesundheitsforschung (BIAG).
02.05.2011, 05:00
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Studie: Bremer Kinder erhalten zu viel Antibiotika
Von Sabine Doll

Bremen. Ärzte sind bei der Verschreibung von Antibiotika für Kinder und Jugendliche "teilweise zu großzügig". So steht es im Gesundheitsbericht "Aspekte der Versorgungsforschung 2011" des Bremer Instituts für Arbeits- und Gesundheitsforschung (BIAG). Oft würden die Mittel sogar bei Krankheiten verschrieben, gegen die sie gar nicht wirken.

Oft würden die Mittel sogar bei Krankheiten verschrieben, gegen die sie gar nicht wirken. Das Spielen im Garten hat den Neunjährigen nicht nur müde gemacht. Am Abend liegt das Kind mit Fieber, Husten und schlimmen Halsschmerzen im Bett. Die Eltern sind besorgt, dass aus der zunächst harmlosen Erkältung eine Bronchitis oder sogar eine Lungenentzündung werden könnte. Der Arzt zögert nicht lange und verschreibt dem kranken Jungen ein Antibiotikum. Eine Szene, die sich zum Schrecken des Gesundheitsforschers Bernard Braun vom BIAG viel zu häufig abspielt.

Im Auftrag der Bremer Krankenkasse hkk hat das Institut die Antibiotika-Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Bremen und Oldenburg untersucht und verglichen. Dazu haben die Fachleute die Daten von 71000 versicherten Mädchen und Jungen im Zeitraum von 2007 bis 2009 ausgewertet. Das Ergebnis für Bremen: Jedes dritte Kind (34,2 Prozent) und jeder dritte Jugendliche (34,8 Prozent) zwischen 0 und 18 Jahren hat mindestens einmal im Jahr von seinem Arzt ein Antibiotikum verschrieben bekommen. In Oldenburg waren es sogar 45 Prozent.

Risiko: Resistenzen

Braun: "Am häufigsten wurden Antibiotika bei Infektionen der oberen und unteren Atemwege verordnet. Dabei werden diese Erkrankungen zu 90 Prozent von Viren ausgelöst, Antibiotika ist aber nur gegen Bakterien wirksam." Der Gesundheitsforscher geht davon aus, dass mindestens die Hälfte der Rezepte nicht notwendig ist.

Das Motto "Viel hilft viel" birgt bei Antibiotika ein besonders großes Risiko: "Es ist nicht nur so, dass ein Mittel verschrieben wird, das nicht hilft - es schadet sogar", warnt Braun. Außer akuter Nebenwirkungen wie Erbrechen, Übelkeit und Durchfall steigt die Gefahr von Resistenzen. Seit Jahren führe der sorglose Umgang mit Antibiotika dazu, dass ganze Bakterienstämme unempfindlich gegen die einstige Wunderwaffe geworden sind. Resistenzen können Patienten sogar das Leben kosten.

Besonders groß ist die Angst in Krankenhäusern vor sogenannten mehrfachresistenten Bakterien, kurz: MRSA, gegen die kein gängiges Antibiotikum mehr wirkt. Eine halbe Million Menschen infizieren sich jedes Jahr mit solchen Keimen in Kliniken, rund 1500 sterben sogar daran. Braun: "Wenn wir weiter so sorglos mit dem Verschreiben von Antibiotika umgehen, könnten wir in Zukunft wieder an Infektionskrankheiten sterben, die längst beherrschbar waren. Zum Beispiel an Lungenentzündungen."

Doch was ist der Grund dafür, dass viele Ärzte wider besseres Wissen doch den Rezeptblock zücken? Und: Wie lässt sich das Problem lösen? Braun und seine Kollegen sehen den wesentlichen Grund für die zu häufigen Verschreibungen in der Arzt-Patienten-Kommunikation: Viele Eltern kämen mit der Erwartung in die Praxis, ein wirksames Medikament zur Heilung verschrieben zu bekommen. Die Forscher: Häufig meine der Arzt aber nur, solche Erwartungen bedienen zu müssen. "Statt den Patienten dann ohne Rezept nach Hause zu schicken, was in den meisten Fällen auch viel sinnvoller wäre, werden dann sogar Antibiotika verordnet", heißt es in der Studie.

Ärzte befürchteten häufig auch, dass sie Patienten verlieren, wenn sie nicht dem vermeintlichen Druck durch Väter und Mütter nachgeben. Braun: "Studien haben aber gezeigt, dass dies bis auf wenige Einzelfälle nicht der Fall ist. "

Ein anderer Grund für nicht sinnvolle Verordnungen sei, dass manche Mediziner nicht auf dem neuesten Stand bei aktuellen Therapieleitlinien seien. Beispiel Mittelohrentzündung: "Nach der sofortigen Einnahme von Antibiotika ist die Wirkung eher bescheiden. Deshalb empfehlen Leitlinien, Patienten mit einer ,normalen' Erkrankung zunächst für ein paar Tage zu beobachten, bei Bedarf Schmerzmittel zu geben und erst dann Antibiotika zu verordnen, wenn sich der Zustand nicht gebessert hat", betont Braun. Dennoch würden in Deutschland rund 80 Prozent der Kinder mit Mittelohrentzündung antibiotisch behandelt.

Die Bremer Studie gilt als modellhaft, denn: Eine vergleichbare Untersuchung für diese Altersgruppe und über einen mehrjährigen Zeitraum gibt es laut Braun weder auf regionaler noch auf Bundesebene, so die Forscher.

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