Hochschulstudium Studienabbrecher sind auch in Bremen keine Seltenheit

In einigen Fächern macht nur die Hälfte der Studierenden am Ende einen Abschluss in ihrem Erstfach, in anderen Studiengängen liegt die Erfolgsquote bei fast 100 Prozent. Wie ist die Lage an Bremens Hochschulen?
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Studienabbrecher sind auch in Bremen keine Seltenheit
Von Sara Sundermann

Nicht alle, die derzeit in Bremen ein Studium beginnen, werden am Ende auch einen Abschluss in ihrem Fach machen. Viele Studienanfänger bekommen momentan zu hören, wie wenige von ihnen letztlich übrig bleiben werden. Fast jeder dritte Bachelor-Student führte zuletzt im Schnitt bundesweit sein Studium nicht zu Ende: „Der Studien­abbruch bleibt mit knapp 30 Prozent auf hohem Niveau“, heißt es im jüngsten Nationalen Bildungsbericht der Bundesregierung. Mehr als die Hälfte der Studienabbreche­r beginne eine Ausbildung; ein Fünftel werde erwerbstätig.

Besonders viele Abbrecher gibt es traditionell in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern – gerade an den Unis: 41 Prozent der bundesweiten Studienanfänger führten in diesen sogenannten MINT-Fächern zuletzt laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung ihr Studium nicht zu Ende.

In manchen dieser Fächer kann es zum Auftakt für die Erstsemester dann auch schon mal etwas düster klingen. Zum Beispiel, wenn Informatik-Studiendekan Thomas Trittin die neuen Studierenden an der Hochschule Bremen (HSB) darauf einstimmt, was sie erwartet: 40 bis 60 Prozent der Informatikstudierenden brechen ab, viele schon in den ersten Wochen, stellt er klar. Das seien bundesweite Durchschnittswerte, die in etwa auch in Bremen zuträfen, sagt Trittin. Und das in einem Fach, dessen Absolventen dringend gebraucht werden: Seit Jahren herrscht Fachkräftemangel im Bereich Informatik. Im Sommer erreichte die Zahl der unbesetzten Informatiker-Stellen erneut einen Rekordwert. An der Bremer Universität werden viele Informatik-Studierende schon im Studium von Firmen abgeworben – teilweise sogar ohne Abschluss, sagt Uni-Sprecherin Meike Mossig.

Junge Leute brechen häufiger ab

Doch wer von denjenigen, die ein Informatikstudium mit exzellenten Berufsaussichten beginnt, bricht ab – und weshalb? Sind die mathematischen Inhalte für viele zu schwer? Oder haben sich die Erstsemester etwas anderes vorgestellt? Informatik-Dekan Trittin beschreibt seine Eindrücke: „Der Hauptgrund für den Abbruch ist die Freiheit, das Fach zu wechseln und die Schwierigkeit, sein Studium selbstorganisiert zu managen“, ist er überzeugt. „In der Schule wird einem alles hinterher getragen, im Studium muss man selbst den Hintern hoch bekommen.“ Junge Studienanfänger, die direkt nach der Schule an die Uni kämen, würden häufiger abbrechen als ältere Studierende, sagt Trittin: „Diejenigen, die vor dem Studium schon eine Ausbildung gemacht haben, die rasseln mal durch eine Mathematik-Prüfung, weil sie seit Jahren nichts mehr mit Mathe zu tun hatten, die studieren vielleicht etwas länger, aber sie brechen seltener ab.“ Weil nicht alle Erstsemester bleiben, vergibt die Hochschule mehr Plätze als offiziell zur Verfügung stehen: „Wir nehmen immer etwas mehr Leute auf, als wir Plätze haben, soweit wir das im Rahmen des Hochschulpakts verantworten können“, sagt Trittin.

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Insgesamt bescheinigt die Hochschule Bremen (HSB) ihren Studierenden eine hohe Erfolgsquote: Rund 80 Prozent aller Studienanfänger machen ihren Abschluss, 20 Prozent brechen ab, sagt HSB-Sprecher Ulrich Berlin.

An der Uni Bremen wiederum ist man stolz darauf, dass die Abbrecherquoten in den MINT-Fächern geringer sind als bundesweit: An der Uni Bremen brechen 22 Prozent derjenigen ihr Studium ab, die ein mathematisch-naturwissenschaftliches Fach voll studieren, sagt Mossig. Hinzu kämen weitere zwölf Prozent, die entweder das Fach wechseln oder an einer anderen Hochschule weiterstudieren. Zählt man beide Werte zusammen, liegt Bremen mit 34 Prozent unter dem Bundeswert von 41 Prozent.

Praxisorientierte Studiengänge haben eine niedrige Abbrecherquote

Interessant ist auch, in welchen Fächern der Schwund gering ist: Niedrige Abbrecherquoten gibt es an Bremens Hochschulen offenbar in Studiengängen, in denen die Praxisanbindung eng und das Berufsfeld klar umrissen ist. An der HSB habe es zuletzt in Dualen Studiengängen wie Soziale Arbeit oder Angewandte Therapiewissenschaften Erfolgsquoten von bis zu 100 Prozent gegeben, sagt Ulrich Berlin. Und an der Uni sind die Fächer mit der geringsten Abbrecherquote nach Angaben von Mossig Psychologie (zehn Prozent) und Public Health (zwölf Prozent). Auch die Lehramtsstudiengänge weisen ihr zufolge niedrige Abbruchquoten auf.

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Allerdings gibt es auch Lehramtsfächer, in denen sich die Zahl der Studierenden unterwegs halbiert. Davon weiß Ingolf Schäfer zu erzählen, der als Lektor im Fach Mathematik an der Bremer Uni unterrichtet. Von rund 80 Studierenden, die Mathe auf Lehramt für Gymnasien und Oberschulen studieren, würden am Ende des Bachelors oft nur rund 40 bleiben, sagt er. Etwa 20 Personen würden das Fach wechseln, weitere 20 aus anderen Gründen nicht weitermachen. Ein Grund dafür ist seiner Einschätzung nach: Viele würden Mathe wählen, weil es ein Mangelfach sei. So würden zum Teil auch Leute Mathematik studieren, die keine besondere Affinität zu dem Fach haben oder selbst in der Schule schon leichte Schwierigkeiten in Mathe hatten. „Bei Mathe in der Schule geht es darum, eine konkrete Aufgabe zu lösen, im Studium geht es häufig um sehr abstrakte Verfahren zur Problemlösung“, erläutert Schäfer.

Auch Abbrecher finden Jobs

Sorgen um ihre berufliche Zukunft müssen sich Studienabbrecher aktuell weniger machen als in anderen Jahrzehnten: In Zeiten des Fachkräftemangels sind Abbrecher für viele Firmen interessant. Auch einige Betriebe in Bremen werben offen um Zweifler, um sie als Auszubildende zu gewinnen, darunter Siemens, BASF oder die Gestra. Beratung für Studienzweifler bieten in Bremen verschiedene Stellen an, zum Beispiel die Career Center von Uni und Hochschule und die Agentur für Arbeit.

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