Doppelter Abi-Jahrgang und ausgesetzte Wehrpflicht Studienanfänger drängen nach Bremen

Bremen. 800 Studienplätze mehr werden Universität und Hochschule Bremen im Vergleich zum Vorjahr im Wintersemester anbieten. Doch das reicht bei weitem nicht aus, um den gestiegenen Bewerberzahlen gerecht zu werden.
19.07.2011, 19:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Thomas Joppig

Bremen. 800 Studienplätze mehr werden Universität und Hochschule Bremen im Vergleich zum Vorjahr im Wintersemester anbieten. Doch das reicht bei weitem nicht aus, um den gestiegenen Bewerberzahlen gerecht zu werden. Wegen doppelter Abitur-Jahrgänge und der Aussetzung von Wehrpflicht und Zivildienst wollen immer mehr Menschen ihr Studium in Bremen beginnen. Das führt zu Problemen.

Karin Luckey ist derzeit nicht um ihren Job zu beneiden. Denn die Rektorin der Hochschule Bremen hat alle Hände voll zu tun, geeignetes Personal zu finden. An der Hochschule sollen im Oktober 400 Leute mehr ihr Studium beginnen als im Vorjahr. Noch fehlen aber einige Lehrbeauftragte, um genug Seminare und Vorlesungen anbieten zu können. „Das bedrückt uns am meisten“, sagt Luckey. Schließlich soll die Qualität des Studiums nicht darunter leiden, dass mehr Plätze geschaffen werden.

Gewaltiger Ansturm

Ohnehin können längst nicht so viele Plätze geschaffen werden, wie nötig sind. Der Anstieg der Bewerberzahlen an den Hochschulen und Universitäten ist gewaltig. Uni Bremen: Knapp ein Drittel mehr. Hochschule Bremen: Fast zweieinhalb mal so viel. Hochschule Bremerhaven: plus 25 Prozent. Die Hauptgründe dafür sind die doppelten Abitur-Jahrgänge in Niedersachsen und das Ende von Wehrpflicht und Zivildienst. Auch die Universität bietet deshalb etwa 400 Studienplätze mehr an. 5500 Studenten sollen im Wintersemester aufgenommen werden.

Zu wenig, meint der Allgemeine Studierenden-Ausschuss (AStA): „Die Zahl finden wir relativ lächerlich“, sagt Stefan Weger. Der Vorsitzende der Studentenvertretung fordert mehr Investitionen in die Ausstattung der Uni und zusätzliches Personal, um mit den steigenden Bewerberzahlen fertig zu werden. Stattdessen müsse man aber damit rechnen, dass die Universität mit weiteren Zulassungsbeschränkungen den Einstieg an die Hochschule erschwert.

Gemessen an der Bewerberzahl seien 400 zusätzliche Studienplätze in der Tat zu wenig, räumt Christina Vocke, Dezernentin für studentische Angelegenheiten an der Uni Bremen ein. „In den vergangenen Jahren waren ein Drittel bis 40 Prozent unserer Studiengänge zulassungsbeschränkt, in diesem Jahr werden drei Viertel aller Studiengänge ihre Plätze über den Numerus Clausus (NC) oder Wartezeit vergeben.“

Doch bei 400 zusätzlichen Plätzen sei die Kapazitätsgrenze erreicht. Außerdem sei es politisch schwer vermittelbar, wenn ein hoch verschuldetes Bundesland wie Bremen viele neue Studienplätze schaffe, um Schulabgänger aus Niedersachsen aufzunehmen.Die Uni befinde sich schon jetzt in einem Spagat: „Perspektivisch gesehen wird die Zahl der Studenten wegen des demographischen Wandels sinken.“ Allein aufgrund eines kurzfristigen Anstiegs neue Professorenstellen zu schaffen – das sei finanziell nicht zu verantworten.

Hochschul-Rektorin Luckey sieht das anders. Gerne würde sie Professoren anheuern, statt kurzfristige Lehraufträge zu vergeben. Zur Planungssicherheit fehlten ihr aber die Zusagen der Bremer Landespolitik, diese Stellen längerfristig zu finanzieren. Im Rahmen des Hochschulpakts haben sich Bund und Länder geeinigt, zusätzliche Studienplätze zu finanzieren. Bislang habe aber nur der Bund seine verbindliche Zusage bis 2020 gegeben, sagt Luckey.

An Universität und Hochschule steigt zurzeit der Arbeitsaufwand im Immatrikulationsamt. „Bei uns kommt in diesem Jahr aber erstmals ein vereinfachtes Verfahren zum Einsatz“, sagt Vocke. Mittlerweile reicht eine Online-Bewerbung plus ein unterschriebenes Antragsformular. Auch dieses vereinfachte Verfahren habe möglicherweise zu der erhöhten Bewerberzahl beigetragen.Nicht nur die Sachbearbeiter in der Zulassungsstelle haben deshalb mehr Arbeit.

Das Bremer Verwaltungsgericht erwartet, dass mehr unterlegene Anwärter versuchen werden, sich auf dem juristischen Weg einen Studienplatz zu sichern. Rund ein Drittel aller Klagen am Verwaltungsgericht betreffen schon jetzt die Bildung, der größte Teil davon die Hochschulzulassung, weil sich verhinderte Studienanfänger benachteiligt fühlen. Es dürften noch mehr werden, fürchten die Richter. Sie haben schon darauf reagiert. Statt eine, befassen sich mittlerweile zwei Kammern mit den Klagen auf Zugang zu den Hochschulen, sagt ein Sprecher.

Qualität der Bewerber steigt

Auch die internationale Jacobs University registriert mehr Bewerbungen: 25 Prozent mehr Deutsche als im Vorjahr hätten sich beworben, sagt Marie Vivas, Director of Admission. „Grundsätzlich beschränken wir den Anteil der deutschen Studierenden auf rund ein Viertel der Gesamtzahl, um den hohen Internationalisierungsgrad auf dem Campus zu erhalten.“ Um der verstärkten Nachfrage gerecht zu werden, biete die Jacobs University dieses Jahr jedoch fünf Prozent mehr Studienplätze für Deutsche an als im Vorjahr. Mit der Bewerberzahl steigt auch die Qualifikation: „Unter den Bewerbern sind immer mehr Studieninteressenten mit Top-Abiturnoten wie 1,0, an denen wir besonders interessiert sind.“

Hochschul-Rektorin Luckey ist zurzeit vor allem daran interessiert Planungssicherheit zu bekommen und die interne Organisation sicherzustellen. Für die ersten Bewerber gibt es in einem Monat Gewissheit. Mitte August sollen die ersten Zulassungsbescheide verschickt werden.

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