Herbstserie Stuhrs Schmuckstück

Das Gut Varrel ist ein wahres Kleinod. Besucher erleben hier auch im Herbst bei einem Spaziergang Erholung für Körper und Seele.
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Von Anke Bayer-Thiemig

Sehen, Hören, Riechen, Fühlen – die Farben der Natur, das Singen der Vögel, den Duft der Pflanzen oder die Rinde uralter Bäume: Das Gut Varrel in der Gemeinde Stuhr direkt am Ufer der malerischen Varreler Bäke lohnt sich für einen Abstecher. Ob per Fahrrad oder Auto, ein ausgedehnter Spaziergang auf und um das Gut ist Erholungs- und Frischekur für Körper, Geist und Seele zugleich, ein Ort für Entspannung und Entschleunigung. Mit dem Auto ist das Gut am besten über die Straße Varreler Feld, mit dem Fahrrad auf einem gut befahrbaren festen Sandweg zu erreichen. Wer das Anwesen betritt, taucht ab in eine idyllische Kulisse, nicht mal der Autoverkehr auf den angrenzenden Straßen ist zu hören.

Schon der Weg am alten Spritzenhaus und der Fischtreppe vorbei lädt zum Anhalten ein. Keine normale Treppe, auf der Fische wie wir Menschen rauf und runter spazieren, sondern eine Aufstiegsanlage, damit die Fische den Höhenunterschied von fast drei Metern überwinden und sich in den strömungsarmen Bereichen ausruhen können. Leise plätschernd begrüßt das Wasser die Gäste, für viele der Besucher übrigens ein erstes Fotomotiv.

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Der Interessierte braucht nicht lange in der malerischen Anlage nach einem hübschen Plätzchen zu suchen. Im vorderen Teil liegt ein von Buchsbaumhecken gerahmter Ziergarten. Überall laden Bänke und eine Naturstein-Rotunde zum Verweilen ein. Oft sorgt der Vogelgesang für die akustische Untermalung der Landschaft. Gerade im Herbst seien neben der Ringeltaube auch Bunt- und Grünspechte anzutreffen, erklärt Uwe Weitemeier.

Einmal entdeckt, warnt der Buntspecht oft mit einem kräftigen „Kix“, der Grünspecht hingegen zeichne sich durch seinen Gesang aus, der dem Lachen des Menschen ähnele, weswegen ihn der Volksmund auch „lachenden Hans“ nennt, klärt der Leiter der Fachgruppe „Ornithologie“ im örtlichen Naturschutzbund auf. Er weiter: „Mein Lieblingsvogel ist das Rotkehlchen, das ein bisschen zurückhaltend ist und am intensivsten in der Dämmerung singt“.“

Aber wer genau hinhöre, könne auch den Zaunkönig, wenn er sein Lied erschallen lässt, entdecken: „Der Kleinste mit der größten Klappe“. In seiner Funktion als Nabu-Vogelexperte nennt Uwe Weitemeier, der 1985 mit zu den Gründungsmitgliedern gehörte, den Gartenbaumläufer, den Kleiber, Kohl- und Blaumeise, Amsel, Stockenten, Bläs- und Teichhühner sowie Buchfinken als weitere illustre Bewohner des Areals im Herbst. Weitemeier kennt das Gut Varrel wie seine Westentasche und bietet regelmäßig Rundgänge an.

Herzhaftes Brot und Butterkuchen

Vieles gilt es also zu Entdecken. Ein Schlendern über das Gut ist eine Zeitreise. Das Gut Varrel, ein Komplex aus Gutshaus, Fachwerkscheune, Mühle, Scheune, Remise und Backhaus ist eng verknüpft mit der Geschichte des Ortes. Der Park zeigt noch heute die Ansätze eines Herrschaftssitzes und besitzt einige exotische Hölzer und alte Großbäume. Immer am letzten Sonnabend im Monat stehen die Menschen Schlange vor dem alten Backhaus mit seinem bezaubernden Fachwerk, wenn das Backteam des Fördervereins herzhaftes Bot und den weit über die Grenzen hinaus beliebten Butterkuchen backt.

Apropos Förderverein: 500 Mitglieder hat dieser, eine kleine Gruppe der Ehrenamtlichen arbeitet regelmäßig an der Pflege des schönen Gutsensembles. Dem Engagement des Fördervereins ist es zu verdanken, dass das Gut Varrel nicht vollends verfiel, sondern aufwendig restauriert wurde und heute ein beliebter Veranstaltungsort ist.

Die Leidenschaft des Fördervereins ist unlängst bekannt, der sorgt beispielsweise auch für das größte Osterfeuer der Gegend mit mehreren Tausend Besuchern, was immer mit einer Ostereiersuche für Kinder beginnt. „Viele genießen den Erholungswert“, informiert Frank Schröder. Der Vereinsvorsitzende des Fördervereins wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft und ist „fast jeden Tag auf dem Gut“. Schließlich kennt er es seit seinem dreizehnten Lebensjahr. Die Rotunde sei sein Lieblingsplatz – und er weiß, dass auch gerne Wanderer hier halt machen.

Von der Besuchermenge begeistert

Das schmucke Gutshaus, auch Herrenhaus genannt, gegenüber der Wassermühle direkt an der Bäke ist eines der ältesten erhaltenen Gebäude und bietet Raum für Versammlungen und Ausstellungen, ist eine begehrte Adresse für Heiratswillige. Viele der Brautpaare bezeichnen den Ort als „einen der romantischten Plätze“. Die Mühle wird nur am Tag des Denkmals im September für Publikum geöffnet, dient sonst als Vereinsheim des TuS Varrel mit Skatabenden, individuellen Livekonzerten und offener Gastronomie und als Räumlichkeit des Fördervereins. Ist aber auch von außen betrachtet ein Hingucker.

Seit 1976 gehört das Gut Varrel einschließlich der Mühle der Gemeinde Stuhr und ist Zeugnis der hohen Baukunst eines Niedersachsenhauses in Fachwerkbauweise. Die Gutsscheune, das Herzstück des Ensembles, wird häufig kulturell genutzt, bietet sowohl für Ausnahmekünstler als auch für hiesige Musiker das ganze Jahr Platz. Ob es das große chinesisches Neujahrskonzert oder das Klavierkonzert mit dem Pianisten Justus Frantz, Auftritte der Klassischen Philharmonie Nordwest, der hiesigen Chöre, Comedy oder verschiedene Festivals und Feste sind, an warmen Tagen bleiben die Flügeltüren der Gutsscheune auf, um die herrlichen Klänge nach draußen zu transportieren. Zudem lockt im Sommer traditionell ein Kinderkulturfest.

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Immer wieder ist auch Schröder mit von der Partie und von der Besuchermenge begeistert. Mit den Erholungssuchenden und den rund 50 Veranstaltungen mit ihren vielen Besuchern komme einiges zusammen, sagt der 74-Jährige, der seit 2012 den Vorsitz hat, viele Jahre zuvor zweiter Vorsitzender war. Stolz ist er, dass alle Parkplätze direkt auf dem Gut abgeschafft wurden. Er mag es einfach friedlich.

Obwohl die Tage während des Herbstes immer dunkler und kürzer werden, zeigt diese Jahreszeit auch ihre schöne Seite. „Wir brauchen den Herbst, als Zeit, in der wir zur Ruhe kommen, loslassen und Kraft sammeln“, so erst kürzlich ein Besucher. Besonders ein Spaziergang auf dem und um das Gut hat seinen Reiz, bietet mit seinen bunten Blättern optisch die besten Motive für Naturliebhaber, aber auch für Künstler und Fotografen und glänzt ein letztes Mal, bevor das Gut Varrel sich in seinen kühlen Schleier hüllt.

Dieses zauberhafte Naturschauspiel macht den Besuch zu einem Schaumbad für die Seele, und die kann man auf Gut Varrel ganz wunderbar baumeln lassen. Dann hat der Neugierige auch die bestmögliche Gelegenheit Eichhörnchen zu entdecken. Die kletterfreudigen Nager bereiten sich auf den Winter vor und sammeln alles, was ihnen gerade unter die Nase kommt. Frank Schröder weiß, dass das Gut Varrel eines der größten Kleinode in Stuhr ist. Und mit Kleinod ist bekanntlich Schmuckstück gemeint.

Info

Zur Sache

Gut Varrel

Die erste urkundliche Erwähnung Varrels datiert aus dem Jahre 1289, die Entwicklung des Guts wiederum kann bis 1381 zurückverfolgt werden. Graf Otto IV. von Oldenburg zu Delmenhorst hatte dem Kloster Heiligenrode erlaubt, „in der Einöde, genannt Stelle und Verle, in den angrenzenden Brüchen und Büschen, wo es ihnen förderlich erscheint, Neusiedlungen anzulegen“. 1581 nahm Graf Anton I. von Oldenburg vom Klostergut Varrel Besitz durch Enteignung ohne Entschädigung. 1655 ging das Gut an den Kupferschmiedemeister Bernd Pundt, 1732 an Hofrath Henrich Hake und schließlich an die Familie Johann Dietrich Meyer, die 1976 das Gut nebst angrenzender Ländereien an die Gemeinde Stuhr veräußerte.

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