Erle 31 in der Neustadt

Subkultur weicht für Wohnraum

Nach sechs Jahren ist Schluss für den Kulturraum Erle 31 in der Neustadt. Das Kollektiv hinter dem Projekt muss das Gebäude verlassen und fordert mehr Raum für Kulturleben in der Stadt.
28.03.2018, 22:12
Lesedauer: 3 Min
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Subkultur weicht für Wohnraum
Von Pascal Faltermann

Die Bühnenbretter sind abgebaut, die Geräte für die Siebdruckwerkstatt im Nebenraum verschwunden. Von der Küche fehlt ein Großteil, Sitzgelegenheiten gibt es keine mehr. Die Zimmer im "Kulturraum" an der Erlenstraße 31 sind nach und nach leer geräumt worden. An diesem Donnerstag muss alles raus sein aus dem Gebäude in der Neustadt.

Nach sechs Jahren ist Schluss für die Gruppen, die in der Erle 31, die zuvor Grüner Zweig hieß, nichtkommerzielle Projekte selbst organisierten. Noch vor Ostern müssen die Vertreter des Kollektivs den Schlüssel an den Vermieter, die Immobilienfirma Müller & Bremermann, übergeben, der Mietvertrag wurde nicht verlängert. Das sorgt nicht nur in der subkulturellen Szene für Aufregung. Auch Politiker wünschen sich mehr Raum für die Art von Kulturprojekten.

"Bislang wurde jährlich ein neuer Mietvertrag aufgesetzt, jedoch wurde dieses Jahr im neuen Vertrag die gewerbliche Mehrwertsteuer in Höhe von 120 Euro auf den Mietpreis aufgeschlagen", erklären die Vertreter des Kollektivs. Da der Raum auch unentgeltlich genutzt wurde, haben man dann bei der Immobilienfirma "freundlich und formal" nachgefragt.

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Daraufhin habe diese das Mietangebot zurückgezogen. "Der Raum wird ab April auf unbestimmte Zeit leer stehen, auch wenn wir diesen mit allem, was wir aufgebaut haben, gerne weiterhin gemeinschaftlich nutzen würden", sagt Alex Röhrs. Er ist einer der wenigen, die mit ihrem Namen für das Projekt stehen. Viele seiner Mitstreiter wollen anonym bleiben.

Die Darstellung des Vermieters klingt anders. Die Nutzung der gewerblichen Mietfläche sei gemäß Mietvertrag von Beginn an als zeitlich begrenzte Zwischennutzung vereinbart worden, heißt es auf Nachfrage. Aus diesem Grunde wurden jeweils nur Jahresverträge abgeschlossen. Die Nutzung während der vergangenen fünf Jahre sei relativ reibungslos verlaufen, jedoch habe es in diesem Zeitraum mehrere Polizeieinsätze vor Ort gegeben.

Hintergrund der begrenzten Nutzung sei der Plan, eine neue Wohnimmobilie, ein Mehrparteienhaus, auf dem Grundstück zu bauen. Zum Jahreswechsel 2017/2018 sei dann ein neuer Mietvertrag ausgestellt worden, der seitens des Mieters jedoch nicht angenommen wurde. Nach Vorlage des neuen Vertrags suchten dem Vermieter zufolge mehrere Personen unangemeldet seine Geschäftsräume auf, Mitarbeiter seien persönlich beleidigt worden.

Durch Spenden und Engagement am Leben gehalten

Hinzu kämen öffentliche Diffamierungen im Internet. "Wenn wir am Ende eines vereinbarten Nutzungszeitraums mit solch zum Teil aggressiven Auseinandersetzungen rechnen müssen, können wir Zwischennutzungen zu Sonderkonditionen künftig nicht mehr ermöglichen“, sagt Geschäftsführer Marco Bremermann.

Dem widerspricht wiederum einer der Erle-31-Akteure, der Lee Berty genannt werden möchte. Er habe sich beim Vermieter für die vergangenen Jahre bedanken wollen und niemanden beleidigt oder diffamiert. Das Kollektiv sei bereit gewesen, die höhere Miete zu zahlen, auch wenn man keine Mehrwertsteuer zahlen müsse, da man ja weder Eintritt nehme noch Getränke verkaufe.

In der Erle 31 müsse niemand etwas zahlen, Konzerte oder Projekte seien kostenlos, es werde für Obdachlose gekocht. Das Projekt sei über die Jahre allein durch Spenden und das Engagement aller Beteiligten am Leben gehalten worden, sagt Alex Röhrs. "Die Erle 31 ist damit ein Beispiel, wie Kultur durch Miteinander entsteht, auch ohne viel Geld."

Ein Stück Neustadt geht verloren

Immer wieder haben subkulturelle Gruppen und Kollektive in der Stadt Probleme und müssen um ihren Platz kämpfen. Zuletzt gab es Lärmklagen gegen das Sielwallhaus und gegen das Pfadfinder-Haus (BDP-Haus) am Hulsberg.

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In der Neustadt wurde mit dem Kultureinrichtungshaus Dete an der Lahnstraße ein ähnlicher Fall bekannt. Auch dort wurde der Mietvertrag von Müller & Bremermann nicht verlängert. Getan hat sich seitdem nichts.

Es laufe derzeit ein Klageverfahren eines Anwohners gegen die bereits erteilte Baugenehmigung für ein Mehrfamilienhaus mit 21 Wohnungen, teilt der Eigentümer mit. Nach ursprünglichen Plänen sollte das Haus bereits fertig sein. Die Bürgerschaftsabgeordnete Miriam Strunge (Linke) sagt dazu: "Es braucht unkommerzielle Räume in einer Stadt, die kostenfrei von Gruppen genutzt werden können. Ich hätte es richtig gefunden, wenn die Immobilienfirma mit dem Erle-Kollektiv erneut über die Verlängerung des Mietvertrags gesprochen hätte, hier hätte es bestimmt eine Lösung gegeben."

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So gehe nun ein Stück Neustadt verloren, und am Ende stünden die Räume womöglich leer. "Es muss für solche Akteure auch eine dauerhafte Perspektive geben", sagt die Grünen-Abgeordnete Kai Wargalla. Derzeit passiere total viel in der subkulturellen Szene, doch es sei "immer wieder ein Kampf", für die Projekte auch den Platz zu finden.

Das Kollektiv hinter der Erle 31 sucht nun neue Räume. Hilfsbereite können sich unter der E-Mail-Adresse freiraumE31@gmx.de melden.

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