Streit um Gesichtserkennungssoftware Supermarkt scannt Kunden

Real probiert ein neues Verfahren für personalisierte Werbung aus und zeichnet dafür die Gesichter seiner Kunden auf. Eine Bremer Datenschützerin kritisiert die Methode.
12.06.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Supermarkt scannt Kunden
Von Jan Oppel

In 40 Filialen der Supermarktkette Real zeichnen Werbebildschirme an den Kassen die Blickkontakte der Kunden auf. Seit vergangenem Herbst läuft der Test mit einer neuen Gesichtserkennungssoftware. In Niedersachsen wird die Technik in den Märkten Hannover-Linden und Hildesheim eingesetzt. Kameras über den Displays im Kassenbereich scannen die Gesichter der wartenden Kunden.

Die Bilder werden an die Server des Betreibers Echion übertragen, der die Daten auswertet. Dabei werden die Anzahl der Menschen in der Schlange, ihr geschätztes Alter, das Geschlecht sowie der Zeitpunkt der Betrachtung und die Betrachtungsdauer erfasst. Mit dem neuen System will Real die Werbung auf den Bildschirmen im Kassenbereich individuell an die Kunden anpassen. Tests in den Bremer Filialen sind derzeit noch nicht geplant.

Die aufgenommenen Bilder würden rein automatisch ausgewertet und dann sofort wieder verworfen, erklärt eine Sprecherin von Real auf Nachfrage des WESER-KURIER. Nur für jeweils 150 Millisekunden seien die Fotos im Speicher und würden nicht langfristig gesichert. „Es werden lediglich Metadaten zum eigentlichen Bild übertragen. Das Recht am eigenen Bild wird daher nicht berührt“, so die Sprecherin des Unternehmens.

"Alle Aufnahmen sind personenbezogene Daten"

Das sieht Bremens Landesdatenschutzbeauftragte Imke Sommer anders: „Alle Aufnahmen von Gesichtern sind selbstverständlich personenbezogene Daten. Das Gegenteil zu behaupten ist oberdreist.“ Real müsse gut sichtbar und eindeutig über den Test mit der Gesichtserkennungssoftware informieren. „Und die Kunden müssten ausdrücklich einwilligen“, sagt Sommer.

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Ein allgemeiner Hinweis auf Videoaufnahmen in den Supermärkten reiche dazu nicht aus. Die Datenschutzbeauftragte beurteilt die Werbebildschirme mit Gesichtserkennung schon deshalb kritisch, weil es für den stationären Handel gegenwärtig an einer entsprechenden Rechtsgrundlage fehle. Diese sei dringend erforderlich.

Sommer sieht in Kameras im Kassenbereich von Supermärkten ein generelles Problem – sowohl für die Kunden als auch für die Kassierer. „Videoaufnahmen stellen für die Angestellten eine erzwungene Verhaltens- und Leistungskontrolle dar, der sie sich nicht entziehen können“, sagt Sommer. Dazu bestehe auch die Gefahr, dass Kunden, etwa bei der Eingabe ihrer Bank-Pin, gefilmt würden.

Mediamarkt und Saturn interessieren sich für die neue Technik

In Niedersachsen beurteilt man das Thema ähnlich kritisch. „Um die Rechtmäßigkeit dieses Verfahrens zu gewährleisten, wäre eine eindeutige Einwilligung der Kunden erforderlich“, sagt ein Sprecher der Landesbeauftragten für den Datenschutz. Bislang habe es aber keine Beschwerden von Real-Kunden gegeben.

Die Supermarktkette ist nicht das einzige Unternehmen, das mit der Gesichtserkennungssoftware experimentiert. Die Deutsche Post testet in 25 Partnershops, die einen Postschalter betreiben, die Infodisplays mit Gesichtserkennung. Medienberichten zufolge interessiert sich auch die Mediamarkt/Saturn-Kette für die neue Technik und sieht sich derzeit Angebote verschiedener Anbieter an.

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Über kurz oder lang würden wohl auch Geschäfte in Bremen die Bildschirme mit eingebauter Gesichtserkennung einführen, glaubt Christoph Burmann, Leiter des Lehrstuhls für innovatives Markenmanagement an der Universität Bremen. „Individuelle Werbung wirkt nun einmal besser als standardisierte“, sagte er.

Streit um die Werbedisplays

Burmann sieht in dem Streit um die Werbedisplays bei Real auch einen Generationenkonflikt. Im Vergleich zu der kritischen Einstellung bei den Älteren habe sich die Haltung zum Datenschutz bei jungen Menschen in den vergangenen Jahren gewandelt. „Die haben größtenteils kein Problem damit, dass ihre Daten gesammelt werden“, sagt Burmann. Schließlich seien diese Mechanismen im Internet von der Mehrheit bereits akzeptiert.

In Online-Shops oder von sozialen Netzwerken wie Facebook werden schon lange im Hintergrund allerlei Daten erhoben – und teilweise sogar in großem Stil verkauft. Ein Hinweis auf diese mittlerweile gängige Praxis ist für die Nutzer in den meisten Fällen nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

Um gezielt die Kunden anzusprechen will auch der stationäre Handel wissen, wer da an der Kasse steht. Noch steht die Technik zur Gesichtsanalyse im Laden-Geschäft erst am Anfang. Entsprechend kontrovers wird das Thema diskutiert. „Im stationären Handel ist dieses Verfahren noch ein heißes Eisen“, sagt Burmann. „Aber wenn es irgendwann alle anwenden, stört es bald keinen mehr.“

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