Triplepack sorgen für beste Unterhaltung beim Gartenkultur Musikfestival / Annie Heger begeistert mit Döntjes

Swing im Smoking

Schwanewede. Die drei Herren im Smoking mit ihren dunklen Sonnenbrillen sehen ein wenig aus wie eine Mischung aus dubiosen Mafiabrüdern und den legendären Blues Brothers. Die kecke Dame, die in ihrem lila Kunstlederjäckchen herrlich erfrischend auf plattdeutsch Döntjes aus ihrer ostfriesischen Heimat erzählt, erinnert wiederum an eine verschlankte Gayle Tufts.
08.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexander Bösch

Schwanewede. Die drei Herren im Smoking mit ihren dunklen Sonnenbrillen sehen ein wenig aus wie eine Mischung aus dubiosen Mafiabrüdern und den legendären Blues Brothers. Die kecke Dame, die in ihrem lila Kunstlederjäckchen herrlich erfrischend auf plattdeutsch Döntjes aus ihrer ostfriesischen Heimat erzählt, erinnert wiederum an eine verschlankte Gayle Tufts. Das Gartenkultur Musikfestival ist Sonntagvormittag mit der geballten Bühnenpower des Swingtrios Triplepack und der „ostfriesischen Deern“ Annie Heger in den Schwaneweder Rathausgarten eingezogen.

Mit einem kühlen Getränk in der Hand oder dem deftigen Gericht einer ortsansässigen Fleischerei auf dem Teller, lauscht das Publikum den Künstlern hier gleich nochmal so gern. Während das stets am ersten Sonntag im August zur Frühschoppenzeit angesetzte Konzert im Rathausgarten eher zwanglosen Charakter hat, bei dem zwischendurch auch mal mit Bekannten geklönt werden darf, gibt es einen zweiten Termin im Gemeindegebiet, der traditionell eher ein konzentriertes Klassikpublikum anzieht.

In zwei Wochen, am Sonntag, 21. August, musizieren der Trompeter János Elmauer und Pianist Sebastian Berakdar gemeinsam mit Star-Pianist Haiou Zhang vor dem Meyenburger Rittergut. Sie werden einen bunten musikalischen Bogen von Werken des Barocks bis hin zu zeitgenössischer Musik spannen.

Im Rathausgarten begeistern derweil Triplepack und Annie Heger die Menge. „Ich bin hier jedes Jahr, einfach weil hier eine nette Atmosphäre herrscht und man viele Bekannte trifft“, sagt die ehemalige Mathematiklehrerin Brigitte Schmidt. Hermann Fehn stößt ins gleiche Horn. „Ob plattdeutsch oder klassisch, ich mag alles und besuche jedes Jahr beide Veranstaltungen“, erzählt das Schwaneweder Ratsmitglied. Zwischendurch betrachtet Fehn mit seiner Frau Hanna die jüngste Ausstellung im Rathaus.

„Ihr müsst was liefern, denn ganz Schwanewede ist gekommen“, hatte Annette von Wilcke-Brumund Triplepack während ihrer Anmoderation aufgefordert – mit einem Blick in die wartende Menge. Die stellvertretende Bürgermeisterin begrüßte die ­Gäste, weil Bürgermeister Harald Stehnken die Taufe seines Enkels nicht versäumen wollte.

Das Nordbremer Trio um Sänger Matt Monka kommt der Aufforderung umgehend nach. Mit Kontrabass, Keyboard und Percussion swingen sich die Herren im schwarzen Zwirn und weißen Hemd passend ein: „Schönes Wetter heute – und so nette Leute“ lautet ihr erster Titel. Umgehend nutzt ein Pärchen die eingängigen Klänge für einen kleinen Tango auf dem angrenzenden Parkplatz. Sanft streicht Ralf Bartels auf dem bandtypischen „Brush Drum Set“ mit dem Besen zu Louis Armstrongs „What a wonderful world“ über das Schlagwerk. Ralf Marckardt entlockt seinem gigantischen Kontrabass ein in den Magen fahrendes Brummen. Die selbstironische Art der Swingexperten, gepaart mit traumwandlerischer Virtuosität, kommt an.

Nach einer entspannten Version von ­Bobby Darins „Beyond the sea“ und Nina Simones „My baby just cares for me“ entert plötzlich die quirlige Annie Heger die Bühne. „Watt‘n Skandal“ heißt ihr aktuelles Programm. Zum Opener „Mien Hart“ gibt es für die „hochdeutsch sprechende mutige Randgruppe“ zumindest eine Extrastrophe. Dass diese lediglich aus einem augenzwinkernden „La la la“ besteht, verzeiht man der quirligen Entertainerin aus Spitzerfehn ­sofort.

In Spitzerfehn sozialisiert worden zu sein, erfährt das amüsierte Publikum, ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Erst recht, wenn man mitten in der ostfriesischen Provinz mit pechschwarzen Haaren zur Welt kommt. „Min Opa mochte de Swattbunten zwor am liebsten, aber das woar wohl wat anneres“, so die selbsternannte „Liza Minelli aus Ostfriesland“. Die Mutter schwankt angesichts der „swatthaarigen Deern“ zwischen Stolz und Rechtfertigung. „Bonschen im Kinderwagen“ regnete es nur vereinzelt.

Und auch der Traum der Tochter einmal „Blütenkönigin in Wiesmoor“ zu werden, ist aufgrund der Haarfarbe schnell ausgeträumt. In Spitzerfehn scheint man das Showbiz nicht zu verstehen. Da verläuft beispielsweise auch die Illusion, mit Federn im Haar die Showtreppe hinunterzugleiten, flugs im Sande. Denn kaum hat sich das Mädchen mit einer Feder geschmückt, ätzt die unpoetische Nachbarschaft: „Büss wohl beim Hühnerfüttern woller aufn Kopp geflogen.“

Annie Heger, ehemalige Regieassistentin am Oldenburger Staatstheater, schlägt aber auch sentimentale Töne an, appelliert angesichts der Flüchtlingskrise, das Herz weit zu öffnen („Wir sind alle Menschen – und das zu 100 Prozent“) und lobt das wechselseitige Sich-umeinander-Kümmern in vertrauten Nachbarschaften.

Wenn Triple Pack die charismatische Sängerin nicht gerade frotzelnd bei ihren plattdeutschen Songs begleiten, begeistert das Trio alleine. Neben Eigenkompositionen wie „Fly“ werden immer wieder Evergreens wie John Lennons „Imagine“ eingestreut. Zu Frank Sinatras Klassiker „New York, New York“ wird dann sogar eine Schwaneweder Version angestimmt. „Schwa- Schwa-Schwanewede“, rappt das Publikum wie enthemmt. Da blinkt dann auch gleich die Sonne unter der Wolkendecke wie auf Kommando hervor. Die Organisatoren des Konzerts im Rathausgarten haben einmal mehr ein gutes Händchen bei der Auswahl der Künstler bewiesen.

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