11-Jähriger floh mit seiner Familie Syrischer Junge in Bremen nach Bombenexplosion operiert

Nach monatelanger Flucht mit seiner Familie ist ein 11-jähriger Junge aus Syrien im Klinikum Bremen-Mitte operiert worden. Nezar Abo Shaer wurde in Homs Opfer einer Bombenexplosion.
10.04.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Syrischer Junge in Bremen nach Bombenexplosion operiert
Von Frauke Fischer

Nach monatelanger Flucht mit seiner Familie ist ein 11-jähriger Junge aus Syrien im Klinikum Bremen-Mitte operiert worden. Nezar Abo Shaer wurde in Homs Opfer einer Bombenexplosion.

Mehrere Wochen war das schmale Gesicht unter dem hohen Turban aus Verbandsstoff kaum zu sehen. Auch die Arme von Nezar Abo Shaer waren dick eingepackt. Wenn die Eltern des Zehnjährigen nachrechnen, ist er innerhalb von zwölf Monaten 13 Mal operiert worden. Fünf, sechs Mal allein in den vergangenen Wochen im Klinikum Mitte von Professor Can Cedidi, Chefarzt der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, und seinem Team.

Sie haben es geschafft, die Folgen schwerer Verletzungen in mehreren oft viele Stunden dauernden Operationen zu korrigieren. Haut wurde verpflanzt, Nerven, Sehnen und Muskelgewebe neu zusammengefügt. „Der linke Arm ist wieder voll funktionstüchtig“, sagt Cedidi. Aber er sagt auch: „Die ganze Familie wird ein Leben lang damit konfrontiert sein, was sie verloren hat.“ Nezar ist ein Bombenopfer aus Syrien. Sein rechter Unterarm ist schon in Homs amputiert worden. Die Familie ist vor dem Krieg von dort nach Deutschland geflohen.

Nezar kann die Finger seiner linken Hand schon wieder gut bewegen, auf dem Smartphone tippen, eine Faust ballen. Bald sollen die Schmerzen an Armen und Beinen ganz nachlassen, die ihn seit dem 20. Januar vor einem Jahr begleiten. All das ist schon ein kleines Wunder. Doch es ist auch eine Tragödie. Nezars Mutter Mais erzählt sie auf Arabisch und lässt übersetzen: Sie lebte mit ihrem Mann Ahmad Abo Shaer und ihren drei Kindern Nezar (10), Mohamad (9) und Alma (7) in Homs. „Wir hatten ein schönes Heim“, sagt sie. Die 33-Jährige war Lehrerin, ihr Mann hatte ein Geschäft für Bekleidung und Schuhe, die Kinder gingen jeden Tag in die Schule.

Der rechte Arm wurde amputiert

Der Krieg wütete schon eine Weile in Syrien. Doch bis zu jenem Januartag hatte er das Leben der Abo Shaers noch wenig verändert. Nezar spielte im Park Fußball, als dort eine Bombe explodierte. Passanten brachten den Jungen nach Hause, seine Unterarme waren verbrannt, auch an den Beinen gab es große Wunden. „Da begann das Leiden der Familie“, sagt Mais. Sie beschreibt, wie Ärzte den Jungen versorgten, Hautfetzen entfernten, Verbände anlegten. Einen Monat blieb Nezar in Homs im Krankenhaus, dann brachten ihn die Eltern zu einem anderen Arzt. Zum ersten Mal war davon die Rede, dass der rechte Unterarm amputiert werden müsste. „Wir weinten vor Trauer Tag und Nacht“, sagt Mais. „Nezar war ein Opfer dieses Krieges.“

In Damaskus und Homs untersuchten andere Ärzte den Jungen. Seine Hände waren inzwischen fast schwarz geworden. In Homs wurde der rechte Arm amputiert. Die Ärzte rieten der Familie, zur weiteren Behandlung in die Türkei zu reisen. Ahmad Abo Shaer fuhr mit Nezar nach Killis nördlich von Aleppo. Die Mutter blieb mit den kleineren Geschwistern in Homs. Als der Krieg heftiger wurde, mehr Bomben fielen und Soldaten immer mehr Menschen auf den Straßen verhafteten, floh Mais mit den beiden jüngeren Kindern zu ihrem Mann und Nezar.

Stundenlange Fußmärsche über den Balkan

Der Junge hatte wochenlang in einem Zehn-Bett-Zimmer im Krankenhaus auf eine weitere Operation gewartet, sein Vater schlief auf dem Fußboden neben dem Bett. „Für Essen und Medizin mussten sie viel Geld bezahlen“, sagt Mais. Nezar ging es immer schlechter, er hatte Schmerzen und große Angst. Sein Lebensmut schwand. Da entschloss sich die Familie zur Flucht nach Deutschland. Es sollte dort bessere Ärzte und Krankenhäuser geben, hörten sie. Allein der Weg bis Izmir, im Bus von Stadt zu Stadt, muss eine Strapaze gewesen sein. Doch die schlimmsten Tage folgten. Von Izmir brach die Familie mit einer Gruppe von 40 Männern, Frauen und Kindern in einem Schlauchboot übers Mittelmeer nach Griechenland auf. 5000 US-Dollar bezahlten sie dafür. Und 300 US-Dollar für die Rettungswesten, sagt Mais. Das kleine Boot begann zu schwanken und vollzulaufen. Die Passagiere schöpften Wasser mit den Händen über die Reling. Sie weinten und schrien und beteten.

Als sie die griechische Insel Lesbos erreichten, waren sie gerettet. Mit der Fähre nach Athen und von dort im Bus nach Mazedonien ging es weiter über Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich, oft in stundenlangen Fußmärschen. „Wir schliefen auf der Straße“, sagt Mais. Als sie die deutsche Grenze erreichten, waren sie erleichtert. Von München gelangten sie über Ahlen nach Bremen. Monatelang haben sie mit Hunderten anderer Flüchtlinge in der Fabrikhalle auf dem ehemaligen Brinkmann-Gelände in Woltmershausen gelebt. Jetzt können sie in eine Wohnung in Rablinghausen ziehen.

Jeden Tag haben Vater und Geschwister Nezar in den vergangenen Wochen im Krankenhaus besucht. Mohamad und Alma haben ihren Bruder gefüttert und ihm Bilder gemalt, die an den Wänden des Zimmers kleben. Gern würden die Kinder endlich wieder zur Schule gehen. Bislang sind es nur ein paar Stunden pro Woche, in denen sie Deutsch lernen.

Dass Mais sogar Tag und Nacht bei ihrem Sohn im Krankenzimmer sein durfte, hat die Familie nicht zuletzt Regina Heyn zu verdanken. Die Bremerin hat die Familie kennengelernt, als sie ein paar Monate zuvor Deutsch im Übergangswohnheim in der Hermann-Ritter-Straße unterrichtete. „Als Hilfslehrerin“, wie die promovierte Kunsthistorikerin sagt. Ihr sei Nezar aufgefallen: der leere rechte Ärmel seines Pullovers und die linke Hand mit den verkrümmten Fingern.

Bremerin unterstützt die Familie

Sie hat die ganze Familie unter ihre Fittiche genommen, fährt die Jungs zum Fußball bei Werder, geht mit ihnen Kaffee trinken oder ins Restaurant und lädt sie zu sich nach Hause ein. Vor allem aber hat sie sich in den Kopf gesetzt, dass Ärzte in Bremen Nezars Verletzung bestmöglich versorgen. Viele Male hat Regina Heyn mit der Krankenversicherung telefoniert, Untersuchungstermine in der Klinik verabredet, Briefe geschrieben, wenn Telefonate nicht reichten. Dass die Operationen nun so gut verlaufen sind, erleichtert sie sehr. Sie ist glücklich über die gute Betreuung des kleinen Patienten im Klinikum Mitte und die Kunst der Ärzte.

Es sei in der Tat ein Glücksfall für die Familie, dass sie nach der Flucht ihren Sohn hier medizinisch behandeln lassen kann, sagt Can Cedidi und betont: „Es ist in Ordnung, dass die Gesellschaft in Situationen, die Menschen nicht selbst verschuldet haben, für solche Kosten eintritt.“ Das Beispiel Nezars mache deutlich, „wie privilegiert wir hier sind, dass wir solche Verletzungen behandeln können“. Der Chirurg ist sicher: „Hier hätten wir auch Nezars rechten Arm retten können.“ In Kriegsgebieten sei so etwas oft nicht möglich.

Wichtig sei nun, dass der Junge eine gute Prothese bekomme. Ein Prothesenbauer hat einen Kostenvoranschlag gemacht. Eine sogenannte myoelektrische Prothese wäre laut Cedidi nicht nur wünschenswert, sondern „für die weitere Entwicklung und Rehabilitation essenziell erforderlich“. Doch die ist teuer. Rund 26.000 Euro, zitiert Regina Heyn aus einem Kostenvoranschlag. Gut 7000 Euro – das kostet eine normale Prothese – trage die Krankenkasse. Nach all den Strapazen, die die Familie Abo Shaer, vor allem aber Nezar, hinter sich hat, hofft die engagierte Frau auf Unterstützung von Bremerinnen und Bremern: „Nezar ist ein so toller, kluger und willensstarker Junge. Er wird seinen Weg gehen. Eine solche Prothese würde ihm vieles erleichtern.“

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