Zahl der Taschendiebstähle steigt Täter werden brutaler

Die Zahl der Taschendiebstähle ist in Bremen von 2012 auf 2013 sprunghaft angestiegen und verharrt seither auf diesem hohen Niveau. Ein Grund dafür ist der rasante Zuwachs von sogenannten Antanz-Diebstählen.
18.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Täter werden brutaler
Von Ralf Michel

Die Zahl der Taschendiebstähle ist in Bremen von 2012 auf 2013 sprunghaft angestiegen und verharrt seither auf diesem hohen Niveau. Nach dem ersten Quartal 2015 rechnet die Polizei damit, dass die Zahl in diesem Jahr ein weiteres Mal deutlich nach oben gehen wird.

Ein Grund dafür ist der rasanten Zuwachs bei den sogenannten Antanz-Diebstählen. Zugleich verzeichnen die Ermittler einen Wandel: Aus dem Vergehen „Diebstahl“ wird immer häufiger das Verbrechen „Raub“. Im Gespräch mit dem Leiter der Polizeiinspektion Mitte-West, Uwe Schröter, Präventionsfachmann Thomas Kötteritzsch, und Reiner Holitschke von der Bundespolizeiinspektion Bremen geht der WESER KURIER dem Phänomen „Antanzen“ nach.

Der Trick: Der Täter geht freudig auf sein Opfer zu, spricht es in scheinbarer Feierlaune an, hakt sich unter und umarmt es. Dadurch lenkt er das Opfer ab, während er ihm die Geldbörse oder das Smartphone aus der Tasche zieht. Eine Weiterführung des Antanzens ist der sogenannte Fußballtrick: Dabei klatscht der Täter mit dem Opfer ab – auf einen Sieg von Werder Bremen zum Beispiel –, hält dann aber dessen Hand fest und hakt sich zugleich mit einem Bein ein. Auf diese Weise wird das Opfer aus dem Gleichgewicht gebracht und konzentriert sich darauf, nicht hinzufallen, statt auf seine Wertsachen zu achten.

Die neue Qualität: In jüngster Zeit verzeichnet die Polizei einen fließenden Übergang vom einfachen Diebstahl zu Raub und räuberischer Erpressung. „Die Täter schlagen oder treten auf ihre Opfer ein“, berichtet Thomas Kötteritzsch. „Die Gewaltbereitschaft nimmt spürbar zu.“ Ebenfalls neu: Die Taten werden nicht mehr von einem Einzeltäter, sondern durch Gruppen von drei bis vier Tätern begangen.

Die betroffenen Stadtteile: Angetanzt wird in der gesamten Innenstadt, vor allem das Gebiet rund um den Hauptbahnhof und die Bahnhofsvorstadt sind betroffen. In jüngster Zeit mehren sich auch im Bereich Steintor im Viertel die Fälle. Etwa 45 Prozent aller Taschendiebstähle in Bremen ereignen sich allein im Bereich des Innenstadt-Polizeireviers. Durchschnittlich drei bis vier Taschendiebstähle pro Tag laufen in diesem Revier auf.

Die Opfer: Betroffen sind alle Altersgruppen, ein Schwerpunkt liegt aber auf der Gruppe der 18- bis 30-Jährigen. Die sind, etwa auf der Discomeile oder im Viertel, häufig auch spät nachts noch unterwegs, teils stark alkoholisiert und haben fast immer die neben Geldbörsen bevorzugte Beute der Täter dabei – Smartphones.

Die Täter: 2014 wurden 220 Tatverdächtige ermittelt, davon waren 191 männlich und 29 weiblich. Drei Viertel davon waren laut Polizei keine Deutschen. Ein Großteil der Taten geht auf das Konto sogenannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge (UMF), erklärt Thomas Kötteritzsch. „Unter den ermittelten Tätern ist der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund dominierend.“ Die Täter kämen zum großen Teil aus Nord- und Nordwestafrika, häufig aus Algerien, Marokko und Tunesien. „Wir wollen uns nicht nur auf Flüchtlinge fokussieren und auch keine Gruppe stigmatisieren, aber das sind nun einmal die Fakten“, betont Inspektionschef Uwe Schröter. „Und sie liefern einen Ansatz, um zu erklären, warum uns gerade jetzt die Fallzahlen um die Ohren fliegen.“

Die Organisation: Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei gibt es bei den Antänzern nicht die klassische organisierte Bande mit entsprechenden Strukturen und Hierarchien. „Wir haben hier ein sehr unterschiedliches Klientel, das dann aber in Bremen seinesgleichen trifft und sich sozusagen untereinander sozialisiert“, berichtet Uwe Schröter. „Wir konnten beobachten, wie im Hinterhof einer Flüchtlingsunterkunft das Antanzen geübt wurde.“ Die Absatzwege für die erbeuteten Smartphones, Ausweise oder Kreditkarten seien dagegen sehr gut strukturiert. „Man kennt sich und weiß, bei wem und wo man die Sachen loswerden kann.“

Die Antwort der Polizei: Um mehr Druck auf die Täter auszuüben, arbeitet die Bremer Polizei eng mit der Bundespolizei zusammen, die für den Bahnhof zuständig ist. Außerdem sind an den Wochenenden verstärkt zivile Kräfte unterwegs. Und natürlich setzt die Polizei auch in diesem Fall auf Prävention. Allerdings sei es schwierig, an die Opfergruppe heranzukommen. „Jungen Erwachsenen, die alkoholisiert auf der Discomeile unterwegs sind, kann man schlecht einen Flyer mit Präventionstipps in die Hand drücken...“

Die Probleme der Polizei: Die Beute der Antänzer befindet sich schon unmittelbar nach der Tat nicht mehr im Besitz der Täter. Sie wird an Komplizen weitergegeben oder irgendwo gebunkert. Die Täter wüssten inzwischen, dass die größte Gefahr erwischt zu werden, unmittelbar nach der Tat bestehe. Also werfen sie die Beute in ein Gebüsch und holen sie später dort wieder ab. Hinzu kommt, dass es meistens nur schlechte Personenbeschreibungen der Täter gibt. Die Opfer haben den Diebstahl meistens gar nicht bemerkt, und wenn doch, sind die Täter sehr schnell vorgegangen. Die Aufklärungsquote bei Taschendiebstählen lag zuletzt in Bremen bei neun Prozent.

Das Gesetz: Das Delikt an sich – Taschendiebstahl – ist von der Strafandrohung nicht hoch einzuordnen. Die Voraussetzungen für einen Haftbefehl liegen dabei in der Regel nicht vor. Zumal, wenn die Polizei nicht einmal die Beute sicherstellen konnte. „Eine Haftprüfung wird vorgenommen, aber meistens müssen wir die Täter wieder entlassen“, berichtet Uwe Schröter. Geht es um Raub, könne der Täter – wegen der Schwere der Tat – schon eher in Untersuchungshaft landen. Hierbei spielt auch eine Rolle, ob er vorher schon auffällig war. Unterschieden werden muss allerdings, ob es sich um jugendliche oder erwachsene Täter handelt. „Um einen Jugendlichen in Haft nehmen zu können, sind die gesetzlichen Hürden sehr hoch“, so der Inspektionsleiter. Der Strafvorwurf bei jüngeren Tätern sei selbst bei mehrfacher Tatbegehung in den meisten Fällen nicht ausreichend für einen Haftbefehl. Allerdings gibt es laut Innenbehörde jetzt eine neue Dienstanweisung, straffällig gewordene Jugendliche zwischen 22 und 6 Uhr in Gewahrsam zu nehmen. Sie sollen nachts nicht mehr allein auf die Straße gelassen werden.

Die Prävention: Das eigene Verhalten ändern und keine Tatgelegenheit schaffen, empfiehlt Reiner Holitschke. Manchmal würden die Täter regelrecht eingeladen, etwa wenn das Opfer nachts alkoholisiert auf der Discomeile mit seinem Smartphone herumfuchtele. Ein weiterer Rat der Polizei: Wer angetanzt wird, sollte versuchen, sofort auf Distanz zu den Tätern zu gehen, statt selbst handgreiflich zu werden. Ist dies nicht möglich, sollte Aufmerksamkeit erzeugt werden, etwa durch laute Hilferufe. Und es sollte schnellstmöglich die Polizei alarmiert werden. Das gilt ebenso für Unbeteiligte, die beobachten, dass ein anderer angetanzt wird.

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