Wissen um elf: Natalja Rakowsky schilderte Auswirkungen von Seebeben in aller Welt Tage des Schreckens

Altstadt. Die Naturkatastrophen von Fuku-shima und Indonesien sind im kollektiven Gedächtnis verankert. Weniger bekannt, aber dennoch verheerend waren auch andere Erdbeben und Tsunami in der Geschichte, wie Anfang des 20.
22.01.2015, 00:00
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Von Ina Schulze

Die Naturkatastrophen von Fuku-shima und Indonesien sind im kollektiven Gedächtnis verankert. Weniger bekannt, aber dennoch verheerend waren auch andere Erdbeben und Tsunami in der Geschichte, wie Anfang des 20. Jahrhundert in Messina und Reggio Calabria. Natalja Rakowsky hat bei Wissen um elf im Haus der Wissenschaft über Tsunamis als „prägende Naturkatastrophen von 6000 vor Christus bis heute“ gesprochen.

Zunächst einmal erklärte sie, wie ein Tsunami entsteht Die tektonischen Platten sind beweglich. An Plattengrenzen befinden sich besonders viele Erdbebenherde und Vulkane. Wenn sich eine Platte unter die andere schiebt, verhakt sich die kontinentale in der ozeanischen und wird mit zurückgezogen. „Dadurch bauen sich Spannungen auf, die sich dann irgendwann, man weiß nicht wann genau, in einem Erdbeben lösen“, sagt Rakowsky. Dabei können Wissenschaftler ungefähr abschätzen, wo die Entladung passiert, aber nicht unbedingt, wann das sein wird und ob sich eine kleine oder große Verhakung löst.

„Außerdem ist wichtig, ob es tief im Inneren passiert, denn dann kommt wenig Energie am Erdboden an. Passiert es dicht am Meeresboden, dann kann auch ein schwaches Beben einen starken Tsunami auslösen“, sagt die Mathematikerin, die seit Februar 2010 die Arbeitsgruppe für Tsunami-Modellierung und numerische Modellentwicklung am Rechenzentrum des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven leitet.

Bei einem Erdbeben wird die ganze Wassersäule lokal angehoben. Dadurch, dass das Wasser wieder ins Gleichgewicht strebt, breitet sich der Wellenberg kreisförmig aus. In flachen Gewässern wird das Wasser abgebremst, sodass es sich nach oben aufbäumt. Der Tsunami 2004 in Indonesien und 2011 in Japan sind nach Einschätzung von Natalja Rakowsky durchaus vergleichbar. Allerdings gibt es in Japan viele Erdbeben und Tsunamis, weshalb die Bevölkerung in der Regel sehr gut vorbereitet sei. Darüber hinaus seien die Häuser in Japan so konzipiert, dass sie stehen bleiben. In Indonesien aber gab es 2004 noch kein Frühwarnsystem.

Das stärkste gemessene Beben, mit einer Magnitude von 9,5, hat sich 1960 vor Chile ereignet. „Die Chilenen haben viele starke Beben. 2014 hatten sie ein Beben mit der Stärke 8,2 mit einem kleinen Tsunami. Davon hat man fast nichts gehört, weil die Chilenen gut vorbereitet sind“, sagte Natalja Rakowsky und konnte auch die Zahl der Todesopfer nennen: Sechs Menschen seien gestorben, die meisten an Herzinfarkt oder in Folge der Panik.

Auch das Mittelmeer ist eine besonders tsunamigefährdete Region, wenn sich auch in der jüngeren Vergangenheit nichts dergleichen ereignet hat. 1755 aber verwüstete ein durch ein Erdbeben im Atlantik ausgelöster Tsunami Lissabon. 365 nach Christus war es ein Seebeben bei Kreta, dessen Auswirkungen als „Tag des Schreckens“ in die griechische Geschichte eingegangen ist.

Aber wie kommt man den historischen Tsunamis eigentlich auf die Spur? Anhand von geologischen Gesteinformationen lässt sich manchmal noch die alte Strandlinie erkennen, wo die Wellen einst den Felsen ausgehöhlt hatten. An einem Beispiel zeigte die Wissenschaftlerin eine einstige Strandlinie, die nun rund neun Meter über dem Meeresspiegel liegt und damals schlagartig durch ein Erdbeben angehoben worden war. Tsunamis entstehen aber nicht nur durch Erdbeben, sondern auch durch Luftdruckschwankungen, Hangrutsche oder Vulkanausbrüche, wie 1600 vor Christus die Minoische Eruption.

1908 löste ein Erdbeben in der Straße von Messina einen für die Stärke zu großen Tsunami aus. Wissenschaftlicher gehen daher davon aus, dass es auch in diesem Fall einen Hangrutsch gegeben hat.

In der Nordsee seien Tsunamis eher unwahrscheinlich, sagte die Expertin im Haus der Wissenschaft. Außerdem sei die Nordsee sehr flach, wodurch die meiste Energie eines Bebens noch auf dem Meer verloren gehe. Darüber hinaus sei die Bundesanstalt für Seeschifffahrt und Hydrografie, die für Sturmfluten zuständig sei, bestens vernetzt und messe Pegelstände weiträumig und kontinuierlich. Allgemein riet Rakowsky den Zuhörern ihres Vortrages, die in tsunamigefährdete Regionen reisen: „Wenn man ein Erdbeben spürt, dann weg von der Küste und so hoch es geht.“

Wissen um elf am Sonnabend, 24. Januar, um 11 Uhr, im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4-5: Universitätsmusikdirektorin Susanne Gläß hält gemeinsam mit Studierenden den Vortrag „Paul McCartney’s Liverpool Oratorio: Wieviel McCartney steckt drin?“. Der Eintritt ist frei.

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