Anlaufpunkt Abbentorstraße

„Wir sind immer ausgelastet“

Tagestreff „Frauenzimmer“ ist Anlaufpunkt für obdachlose Frauen
08.03.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Karina Skwirblies
„Wir sind immer ausgelastet“

Einrichtungsleiterin Britta Pundt (rechts) und Ana Küntzel bieten in der Altstadt einen Anlaufpunkt für obdachlose Frauen.

Christina Kuhaupt

„Wir sind immer ausgelastet“, erklärt Britta Pundt, Leiterin des Tagestreffs „Frauenzimmer“ für wohnungslose Frauen und der Notunterkunft in der Abbentorstraße 5 in der Altstadt. Sowohl die Notunterkunft mit 14 Schlafplätzen als auch der Tagestreff, in dem sich aktuell maximal zehn obdachlose Frauen aufhalten können, sind gefragt. „Im Frauenzimmer können acht Frauen gleichzeitig essen. Nach Voranmeldung können sie auch duschen und Wäsche waschen. Bis jetzt reicht der Platz.“ Eine Zeit lang war der Tagestreff wegen der Corona-Maßnahmen geschlossen, nun ist er mit eingeschränkten Zeiten wieder geöffnet.

An drei Tagen pro Woche können sich Frauen zwei Stunden lang mittags dort aufhalten „Wir mussten nur einmal eine Frau wegschicken“, berichtet Pundt. „Doch in so einem Fall geben wir ein Essen mit.“ Das Mittagessen werde vom Café Papagei geliefert, ebenfalls ein Treffpunkt für Wohnungslose der Inneren Mission. Außerdem komme einmal pro Woche eine Ärztin ins „Frauenzimmer“ und biete kostenlose Untersuchungen an. “Das wird gut angenommen“, sagt Pundt.

Wie viele Frauen in Bremen auf der Straße leben, ist ihr nicht bekannt. Schätzungen der Inneren Mission zufolge gibt es rund 600 Menschen in Bremen, die kein festes Dach über dem Kopf haben. Die Zahl der Frauen darunter nimmt Experten zufolge zu. „Es gibt seit Jahren den Trend, dass vermehrt Frauen in der Obdachlosigkeit auftauchen“, erklärt Peter Valtink von den Bremer Suppenengeln, die täglich an fünf öffentlichen Orten in Bremen kostenlos warme Mahlzeiten verteilen. „Aber es sind glücklicherweise nicht sehr viele.“

Im „Frauenzimmer“ kümmern sich neben Britta Pundt zwei Mitarbeiterinnen und ehrenamtliche Helferinnen um die Gäste. Doch viele der Freiwilligen seien inzwischen älter geworden und hätten wegen Corona Bedenken, ins den Tagestreff zu kommen, sagt Pundt. Es gebe jedoch neue, junge Ehrenamtliche, die allerdings noch nicht selbstständig arbeiten könnten. Denn ganz einfach sei die Arbeit mit den wohnungslosen Frauen nicht. „Die Frauen sind angespannt und die Corona-Regeln sind belastend“, erklärt Pundt. „Manchen fehlt das Verständnis, es sind ihnen zu viele Regeln. Die Frauen haben oft viele Sorgen, die sie bereits belasten.“ Schilder, auf denen auf die Maskenpflicht hingewiesen wird, seien auch schon abhandengekommen.

Doch insgesamt gehe es friedlich zu. Dies gelte auch für die Notunterkunft. Dort können Frauen bis zu drei Monate lang übernachten. „Wir sind ein bisschen überbelegt“, berichtet Pundt. „Aber wir halten die Corona-Abstände ein und können Frauen auf jeden Fall für eine Nacht aufnehmen.“ Über die Zentrale Fachstelle Wohnen könnten die Besucherinnen anschließend eine Unterkunft in Hotels oder Pensionen erhalten, die die Stadt Bremen angemietet habe. Doch dort seien Frauen und Männer nicht getrennt. „Einen Schutzraum für Frauen gibt es nur bei uns“, betont Pundt.

Das Altersspektrum der Gäste reiche von 18 bis 80 Jahren. „18-Jährige haben wir oft. Es sind Frauen, die aus der Jugendhilfe kommen und wegen Problemen gehen mussten oder in den Familien nicht mehr klar gekommen sind.“ Die Zahl der Besucherinnen, die unter psychischen Belastungen litten, habe deutlich zugenommen. „Es sind oft starke psychische Erkrankungen vorhanden. Bei den Jüngeren oft Borderline-Symptome, bei den Älteren psychiatrische Erkrankungen wie Wahnvorstellungen.“ Ebenfalls Messies, die aus ihrer Wohnung raus mussten, seien darunter.

„Manche haben Schulden und stecken ihren Kopf in den Sand. Und dann kommt die Räumung.“ Der Zentrale Fachdienst Wohnen kümmere sich in dem Moment, wo es zur Räumung komme, um die Betroffenen und verweise sie unter anderem an die Notunterkunft der Inneren Mission. Außerdem bestehe eine Zusammenarbeit mit dem Klinikum Bremen-Ost und dem Sozialpsychiatrischen Dienst.

Gemeinsam mit der Sozialbehörde arbeitet die Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission daran, ausreichend Übernachtungsplätze für Obdachlose zur Verfügung zu stellen. Rund 500 Schlafplätze verzeichnete die Sozialbehörde im Dezember 2020. Selbst bei eisigen Temperaturen wie jüngst gebe es keine Not an Übernachtungsmöglichkeiten, berichtet Valtink von den Bremer Suppenengeln. „Es gibt keine Katastrophe, niemand muss draußen übernachten. Wir haben genug Übernachtungsmöglichkeiten, und es ist über die Sozialsenatorin gut organisiert.“ Doch trotzdem gebe es immer auch einige, die draußen übernachten wollten. Valtinks gute Nachricht: „2020 ist niemand erfroren.“

Info

Zur Sache

Rund um die Uhr geöffnet

Der Tagestreff „Frauenzimmer“ für obdachlose Frauen in der Abbentorstraße 5 ist montags, mittwochs und freitags von 12 bis 14 Uhr geöffnet. Duschen und Wäschewaschen ist mit Anmeldung unter Telefon (0421) 1652596 möglich. Die Notunterkunft für Frauen in der Abbentorstraße 5 ist rund um die Uhr geöffnet. Telefonisch ist sie unter der Nummer (0421) 171009 zu erreichen.

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